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Allgemeinmedizin 9. Oktober 2007

„Kein Mittel für die Hausapotheke“

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt seit 2005 Levonorgestrel, wenn eine Schwangerschaft nicht gewünscht ist, aber nicht verhütet wurde bzw. werden konnte. Entsprechend niederschwellig sollte, so die WHO, auch der Zugang sein.

Seit dem Jahr 2000 ist es möglich, für eine Notfallverhütung die „Pille danach“ auf Rezept zu beziehen. Inzwischen gibt es eine auf WHO-Leit­linien basierende Empfehlung des Obersten Sanitätsrates, dass dies auch rezeptfrei möglich sein sollte, die auch von Frauenministerin Doris Bures aufgegriffen wurde.
„Frauen, die eine ‚Pille danach’ brauchen, kommen in vielen Fällen in Spitalsambulanzen“, analysiert die Fachärztin für Gynäkologie Dr. Margit Berger, die auch Leiterin der First Love Ambulanz am Linzer AKH ist. Laut einer Befragung der Österreichischen Gesellschaft für Familienplanung würde ein Drittel aller Spitäler die Abgabe allerdings ablehnen. Meist werde die Abgabe an einen Schwangerschaftstest gekoppelt. „Wobei zu betonen ist, dass, wenn eine Frau bereits schwanger ist, die ‚Pille danach’ keine Wirkung hat“, so Berger. „Die Hormonmenge der Pille ist sehr gering und das Medikament gut verträglich. Der Zugang zur ‚Pille danach’ sollte sehr niederschwellig und preisgünstig möglich sein“, so Sylvia Groth, Geschäftsführerin des Grazer Frauengesundheitszentrums.
Wirkstoff der momentan in Österreich erhältlichen Präparate ist das Progesteron Levonorgestrel. Wird die „Pille danach“ vor dem Eisprung eingenommen, verzögert oder unterdrückt sie diesen. Diese Wirkung ist aber nur bis zwei Tage vor dem LH-Höhepunkt (LH = Luteinisierendes Hormon) möglich.

Nicht restlos geklärt

Die Wirkungsweise der „Pille danach“ nach erfolgter Befruchtung ist nicht restlos geklärt. Vermutet wird, dass der Wirkstoff den Transport der Eizelle behindert oder dass diese durch eine vorzeitig einsetzende Blutung abgeht. Eine Rolle könnte auch die künstliche Gelbkörperinsuffizienz spielen, die eine Einnistung unmöglich macht. Fest steht: Nach erfolgter Einnistung ist keine Wirkung mehr möglich. Daher ist auch der Zeitrahmen der Einnahme der „Pille danach“ so entscheidend: Aktuelle Analysen gehen von einem optimalen Zeitraum von zwölf Stunden nach einem ungeschützten Geschlechtsverkehr aus. Später – also innerhalb der nächsten 50 Stunden – sinkt die Wahrscheinlichkeit einer Wirkung auf 54 Prozent.
Gesundheitsministerin Dr. Andrea Kdolsky kann sich die „Pille danach“ ohne Rezept nicht vorstellen: „Es handelt sich um ein hochwirksames und hoch dosiertes Medikament. Nur durch fachärztliche Behandlung können Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten ausgeschlossen bzw. kann ausreichend über Wirkung und Risken aufgeklärt werden.“ Im Gesundheitsministerium wird an einem Modell gearbeitet, das, so Kdolsky, „die rasche Verfügbarkeit sicherstellt, aber gleichzeitig auch eine entsprechende medizinische und psychologische Betreuung in dieser Ausnahmesituation“.
Dazu meint Berger, dass „die Grundinformationen durchaus auch in Form eines Informationsblattes weitergegeben werden können. Vermittelt werden müsste dabei unter anderem, dass die „Pille danach“ keinen Langzeitschutz bewirkt und eine Schwangerschaft im selben Zyklus noch möglich ist. Der Zugang zur „Pille danach“ sollte aus Bergers Sicht vor allem in dezentralen Regionen erleichtert werden, wobei der Weg der Befreiung von der Rezeptpflicht zumindest ernsthaft diskutiert werden sollte. Berger betont, dass das Medikament „kein Mittel für die Hausapotheke ist. Eine häufige Einnahme senkt die Wirkung, und es handelt sich trotz allem um ein hormonell wirksames Präparat, das etwa bei Gerinnungsstörungen oder Neigungen zu Thrombosen problematisch sein kann.“ Auch Frauen mit Lebererkrankungen müssten mit der Einnahme vorsichtig umgehen. Eine fachärztliche Abklärung sei vor allem dann wichtig, wenn die Regel 14 Tage nach der Einnahme noch immer ausbleibt.

Schmales Zeitfenster

Groth betont das schmale Zeitfenster in Bezug auf die optimale Wirkung und verweist auf Studien aus Großbritannien und Frankreich, die zeigen, „dass eine rezeptfreie Abgabe nicht zu sorglosem Sexualverhalten oder zu Veränderungen in der Praxis des Verhütens führen“. Eine intensivere Beratung von Frauen mache, wenn überhaupt, dann hinsichtlich allgemeiner Fragen der Gesundheit und Familienplanung Sinn. Hier gäbe es einigen Nachholbedarf.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 41/2007

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