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Allgemeinmedizin 8. November 2007

Politische Kinderärzte

Einiges konnte in der pädiatrischen Versorgung zwar schon verbessert werden. Kopfzerbrechen bereitet den Ärzten für Kinder- und Jugendheilkunde aber unter anderem der ungebremste Zulauf zu den Ambulanzen.

2004 erarbeiteten 75 Experten im Auftrag des Gesundheitsministe­riums einen Österreichischen Gesundheitsplan für Kinder und Jugendliche. „Daraus hervorgehend wurde im Frühjahr 2007 eine mit Pädiatern und Vertretern des Ministeriums besetzte kontinuierlich tagende Arbeitsgruppe eingerichtet“, berichtet Dr. Reinhold Kerbl, Generalsekretär der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde. „Wir konnten schon einiges erreichen: Gerade die lange geforderte Umsetzung der nun auch in unserem Fach möglichen Spezialisierungen u. a. zu Kardiologie wird einen Beitrag zur Verbesserung der Versorgungsqualität bringen.“
Konkrete Schritte wurden auch für die Zulassung von Medikamenten für die Pädiatrie gesetzt – nach wie vor ist aufgrund fehlender Studien nur ein Fünftel der Präparate erfasst. Ein weiterer Erfolg ist für Kerbl, „dass nun für die Einstufung des Pflegegelds für Kinder und Jugendliche neue Regelungen gelten, die viel stärker auf die konkrete Situation eingehen und auch den hohen Betreuungsaufwand berücksichtigen“.
Kerbl sieht allerdings auch etliche Bereiche, wo sich trotz entsprechender Schwerpunkte im Gesundheitsplan noch zu wenig bewegt hat. Darum ist er auch Mitinitiator der Gruppe für politische Kindermedizin, die Ende Oktober erstmals in Salzburg tagte. Ein wichtiges Anliegen ist dabei die Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention, die ein Recht auf adäquate medizinische Versorgung beinhaltet, in der österreichischen Verfassung.
Dazu Doz. Dr. Christian Huemer, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am Landeskrankenhaus Bregenz und ebenfalls Initiator der Gruppe: „Zunächst fehlen in Österreich nach wie vor in vielen Bereichen Daten zur gesundheitlichen Situation von Kindern und Jugendlichen – hier müsste noch mehr in die Forschung investiert werden.“
Weiters wären bestehende Angebote zu wenig miteinander vernetzt – „unsere Plattform versteht sich auch als Beitrag dazu: Hier sind unter anderem auch Kinderpsychiater, Soziologen, Ökonomen, Vertreter nichtärztlicher Medizinberufe sowie Elterninitiativen vertreten“, ergänzt Kerbl. Diese Vernetzung soll als nächster Schritt intensiviert werden. Die im Gesundheisplan vorgesehenen überregionalen und fächerübergreifenden Planungsansätze müssten noch viel stärker in die Realität umgesetzt werden.

Patienten als Belastungsfaktoren

Auf der Tagung festgehalten wurden vor allem Defizite in niederschwelliger und wohnortnaher Versorgung von Kindern mit chronischen Krankheiten sowie solchen mit psychosozialen und psychiatrischen Problemen: „Hier fehlt es an niedergelassenen Ärzten und spezialisierten Versorgungseinrichtungen“, so Huemer. Besondere Mankos gibt es in der Finanzierung von Angeboten, an denen es aus diesem Grund vor allem in der Psychotherapie sowie Ergotherapie für Kinder mangelt.
Weitere Lücken ortet Dr. Dietmar Baumgartner, Bundesfachgruppenobmann der österreichischen Pädiater, „in der Rehabilitation – sowohl nach Unfällen als auch nach der Behandlung von Tumoren und anderen Krebserkrankungen“. Er kritisiert zudem die nach wie vor zu niedrige Zahl der niedergelassenen Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie – „es gibt zwar Modellprojekte wie jenes in Niederösterreich, diese allein bringen allerdings keine substantiellen Veränderungen. Es müssen auch mehr Institutionen in diesem Bereich geschaffen werden – dann wird sich wohl auch der Zulauf zu diesem Fach wieder verstärken.“
Mit der pädiatrischen Grundversorgung in Österreich ist Baumgartner grundsätzlich zufrieden, auch wenn ihm der nach wie vor steigende Zulauf gerade von Kindern zu den Ambulanzen Sorgen bereitet.
Dazu analysiert Huemer: „Die Zahlen haben sich in den letzten Jahren fast verdoppelt! Das Problem: Viele der ‚Notfälle’, die in die Ambulanz kommen, könnte genauso gut oder – aufgrund seiner oft langjährigen Kenntnis der Familie – teils besser ein niedergelassener Arzt betreuen.“ Der deutlich höheren Frequenz stehen aber aus Huemers Sicht keine ausreichenden Erweiterungen der personellen Ressourcen gegenüber – dadurch wird der Druck immer größer, es bleibt weniger Zeit, die Qualität leidet.
„In den Bilanzen ist aufgrund des aktuellen Finanzierungssystems jeder zusätzliche Patient auf der Ambulanz ein finanzieller Belastungsfaktor.“ Huemer fordert eine rasche Veränderung des Systems, vor allem durch eine sub­stantielle Stärkung des niedergelassenen Bereichs. Ein pädiatrischer Nacht- und Wochendbereitschaftsdienst wird sich dabei aus Baumgartners Sicht vor allem auch aufgrund der geringeren Zahl der Niedergelassenen schwer realisieren lassen. Veränderungen könnten Gemeinschaftspraxen bringen – „allerdings sicher keine, die von oben verordnet und außerhalb des Kassensystems angesiedelt sind“, sagt Baumgartner und bezieht sich auf die nach wie vor aktuelle Diskussion rund um die Allgemeinen Versorgungszentren.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 45/2007

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