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Allgemeinmedizin 30. Oktober 2007

Wie das Sterben verdrängt wird

Konzepte für die Erweiterung der Palliativversorgung gibt es bis hin zu detaillierten Betten- und Postenplänen – doch es scheint bei der Planung zu bleiben.

Vor drei Jahren wurde ein österreich­weiter Hospiz- und Palliativplan erstellt. „Papier ist bekanntlich geduldig – leider ist das gerade in diesem sensiblen Bereich tagtäglich spürbar“, sagt Prof. Dr. Franz Böhmer, Ärztlicher Direktor des Sozialmedizinischen Zentrums Sophienspital in Wien und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Geriatrie. „Es fehlt der finanzielle Anreiz, hier sowohl im intra- als auch extramuralen Bereich wirklich nachhaltige Akzente zu setzen.“
So entstehen Mankos an „Palliativbetten, personellen Ressourcen, aber auch im Verständnis der Gesellschaft“, analysiert Dr. Bernhard Breindl, Referent für Ethik und Palliativmedizin der Ärztekammer für Wien. Dass Palliativmedizin bzw. der Ausbau der stationären und mobilen Hospizbetreuung in allen Ländern auch auf Ebene von Projekten aus dem Reformpool läuft, ändert hier nur sehr, sehr langsam etwas.

Von Flächendeckung keine Rede

Dazu Dr. Brigitte Riss, Vorsitzende des Landesverbands Hospiz Niederösterreich: „Bei uns gibt es zwar flächendeckend mobile Hospizteams, und im Oktober nahmen drei weitere mobile Palliativteams die Arbeit auf – aber wir sind in vielen Bereichen der integrierten Hospiz- und Palliativversorgung noch weit von einer Flächendeckung im Sinne der ÖBIG-Strukturqualitätskriterien entfernt.“ Auch aus anderen Bundesländern hört Riss immer wieder die Erfahrung: Wer ein Projekt – egal aus welchem Bereich – lange verzögern oder es überhaupt zum Scheitern bringen möchte, bringt es in den Reformpool. „Aber gerade in der Palliativ- und Hospizversorgung geht es ja um integrierte Versorgung, um eine interdisziplinäre Zusammenarbeit und auch um eine Auslagerung aus Spitälern.“ Die Verhandlungen mit den Sozialversicherungsträgern sind äußerst mühsam – so wird mobile Hospizarbeit eher dem Sozialbereich zugerechnet – von vernetztem oder gar langfristigem Denken und Handeln ist hier wenig spürbar. Ein gewisses Vorbild stellt die Steiermark dar, wo die Umsetzung vergleichsweise deutlich weiter fortgeschritten ist – aber auch hier hinkt in vielen Bereichen die Realität weit hinter den eigentlich fixen Plänen her.

MR-Geräte sind attraktiver

„Es ist einfach attraktiver, ein MR-Gerät anzuschaffen, als in die Palliativmedizin oder Hospizversorgung zu investieren. Spitäler und auch Heime bekommen für diesen Bereich nur sehr, sehr schwer Mittel“, kritisiert Böhmer. Auch aus seiner Sicht wird das Thema Sterben weiterhin tabuisiert: „Es hat nach wie vor den Nimbus des ärztlichen und pflegerischen Versagens und nicht den als selbstverständlicher Teil des Lebens, der auch seinen Platz im Spital oder Heim bzw. den alltäglichen Abläufen haben muss.“
Böhmer warnt davor, „das Sterben aus dem ‚normalen’ Spitalsbereich ganz auszulagern. Es braucht eine gezielte Auseinandersetzung und für alle medizinischen Fächer Überlegungen, wie das Thema integriert, wie Mitarbeiter geschult und wie Raum in jeder Hinsicht geschaffen werden kann, damit Sterben nicht einfach ein Punkt der Tagesordnung ist.“ Dazu gehören auch Punkte wie die Umsetzung von palliativer Pflege, starker Einbeziehung der Angehörigen sowie multidisziplinäre Zusammenarbeit auch mit Theologen. Breindl weist ebenfalls darauf hin, dass Tod oft mit „Einsamkeit und Abgeschiedenheit in Verbindung gebracht wird – das Gegenteil sollte aber der Fall sein“. Es ginge gerade hier um die Abkehr vom „Dogma der Reparaturmedizin hin zu einer patienten- und bedürfnisorientierten, lindernden Zuwendungsmedizin“. Dafür nötig wären Zeit, Qualität, Einfühlungsvermögen und finanzielle Ressourcen, die derzeit zu wenig zur Verfügung gestellt werden.

Mehr Mittel für Ehrenämter

Dies würde auch bedeuten: Mehr und verlässlichere Mittel müssten in den Ausbau sowie die Aus- und Fortbildung ehrenamtlicher Hospizteams investiert werden. Schon lange vorgesehen und noch wenig umgesetzt sind Palliativ-Konsiliardienste – besonders auch für Alters- und Pflegeheime, aber eben auch für verschiedene Spitalsabteilungen. Aber auch der Ausbau der Hospiz- und Palliativbetten in Heimen und Spitälern sowie von Tageshospizen liegt weit hinter den Plänen zurück. Ein Thema, wo sich noch zu wenig bewegt, ist weiters die Einbindung von Berufsgruppen wie Ergotherapeuten, Physiotherapeuten, Logopäden oder auch von Sozialarbeitern – Palliativ- und Hospizversorgung würde eigentlich ein multidisziplinäres Vorgehen brauchen, die bestehenden Strukturen fördern das wenig oder behindern sogar aktiv.
„Und dann geht es um Alltagsfragen: Inwieweit können spezialisierte Ärzte aus dem Spital auch im extramuralen Bereich unterstützen? Wie ist das mit der Finanzierung etwa von künstlicher Ernährung, die der Patient im Spital kostenlos erhält und zu Hause selbst zahlen muss – oder mit anderen medizinischen Hilfsmitteln?“ Riss wünscht sich ein viel stärkeres gemeinsames Vorgehen als eine Diskussion darüber, wo noch Kosten ausgelagert und eingespart werden können.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 44/2007

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