zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 23. Oktober 2007

Depressionen bei Jugendlichen ernst nehmen

Hoher Druck in der Schule und auf dem Ausbildungsplatz, wenig Perspektiven – das sind nur zwei der Gründe für häufiger werdende Depressionen bei Jugendlichen. Gefragt wären verstärkt niederschwellige Beratungsangebote.

Laut einer italienischen Studie hat sich die Zahl der 18-Jährigen, die zu Antidepressiva greifen, in den letzten sechs Jahren verdoppelt. Analysen der heimischen Kinder- und Jugendanwaltschaften gehen auf Grund von Umfragen davon aus, dass etwa jeder zehnte Jugendliche depressionsgefährdet ist. „Die Diagnose ist gerade bei Jugendlichen nicht einfach“, analysiert Dr. Werner Leixnering, medizinischer Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Landesnervenklinik Wagner-Jauregg in Linz. Zu klären ist zunächst, ob es sich um eine depressive Episode handelt oder eine dauerhafte depressive Verstimmung. „Alarmzeichen sind Anpassungs- und Bewältigungsprobleme, anhaltende Schlafstörungen, unerklärlicher Leistungsabfall in der Schule sowie plötzlicher sozialer Rückzug“, so Leixnering weiter.
„Wichtig ist es, den Verlauf zu beobachten, denn Stimmungsschwankungen sind bei Jugendlichen sehr oft anzutreffen“, ergänzt der Allgemeinmediziner und Psychotherapeut Dr. Bernhard Panhofer, der auch an einem Depressionen-Konsensuspapier der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin mitgearbeitet hat. Als weiteres Alarmzeichen ortet Panhofer das plötzliche exzessive Ausüben von Sport, etwa in Form dauernder Trainings, und große Frustration, wenn man dann nicht der oder die Erste ist.
Hinweise auf Depressionen können auch Veränderungen im Essverhalten geben. Für Leixnering entscheidend ist jedenfalls, „sich, wenn solche Alarmzeichen auftreten, ausreichend Zeit für ein Gespräch zu nehmen“. Erschwerend kommt hier sicher hinzu, dass Jugendliche nicht mehr zum „Kinder“-Arzt und noch nicht zum Hausarzt gehen – „hier hat sicher der Schularzt eine wichtige Rolle, auch bei der Zuweisung zu Beratung oder fachärztlicher Abklärung“, so Leixnering.
Zuweilen sind es auch die Eltern, die sich mit ihren Wahrnehmungen über „auffälliges“ Verhalten auch älterer Kinder an den Arzt wenden. „Wichtig ist, das direkte Gespräch mit dem Jugendlichen zu suchen, ohne die Eltern – und dann nicht als erstes die Beziehung zu den Eltern anzusprechen, sondern Raum zu geben, dass der Jugendliche über sein Leben, seine Probleme, seine Vorlieben sprechen kann“, meint Panhofer.

Suizidgedanken ernst nehmen

Prof. Dr. Peter Scheer, Facharzt für Pädiatrie und Leiter der Psychosomatik und Psychotherapie an der Grazer Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde, weist darauf hin, dass es auch Genderunterschiede gibt: „Mädchen erleben den Übergang zur Pubertät ganz anders, sind eher von Traurigkeit betroffen oder haben das Gefühl, ‚hässlich’ zu werden. Buben hingegen sehen ihre Veränderungen positiv. Wenn sie aber zum Selbstmord entschlossen sind, dann ‚gelingt‘ es ihnen eher als den Mädchen.“ Auch Scheer hält es für sehr wichtig, betroffenen Jugendlichen eine möglichst umfassende Begleitung anzubieten. Suizidgedanken müssen auf jeden Fall sehr ernst genommen werden. „Auch bei Jugendlichen kann der Einsatz von Antidepressiva angezeigt sein – entscheidend ist aber die Kombination mit Psychotherapie und verschiedenen Beratungsangeboten“, so Leixnering. Denn oft stehe die Depression in einem engen Zusammenhang mit ganz konkreten Alltagsproblemen.

Die Kooperation mit Fachärzten suchen

Schon seit einiger Zeit weisen Studienergebnisse auf einen Zusammenhang zwischen der Gabe von Antidepressiva und Suizidialität hin – dazu Scheer: „Das Medikament kann den Unentschlossenen entschlossen machen. Wichtig sind auf jeden Fall eine genaue Beschäftigung mit dem Jugendlichen und ein differenzierter, begleitender Einsatz.“ Panhofer würde Antidepressiva „nie“ selbst verschreiben: „Ich suche immer die enge Kooperation mit Fachärzten.“ Dass Eltern hinsichtlich „schnell wirksamer Pillen“ Druck ausüben, erlebt er nicht, „auch bei den Jugendlichen nehme ich eher eine sehr differenzierte Haltung wahr – wichtig ist, ihre Bedenken ernst zu nehmen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.“
Leixnering mahnt den Aufbau von dezentralen Beratungsangeboten für Jugendliche ein: „Wir erleben bei Jugendlichen immer häufig Krisen, die sich durch gute Beratung schon sehr früh abfangen ließen.“ Scheer sieht das zwar als berechtigte Forderung, „viel wichtiger wäre aber, Maßnahmen am Arbeitsmarkt zu setzen, Ausbildungsstellen zu schaffen und sichere Arbeitsplätze anzubieten.“ Und: Es bräuchte spezielle Maßnahmen und Begleitung für Jugendliche mit Lernschwierigkeiten.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 43/2007

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben