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Allgemeinmedizin 20. November 2007

Neue Debatte um Medizinerzahl

In den Medien wetteifern derzeit Linz und Salzburg um die Einrichtung einer zusätzlichen Medizinischen Universität. Laut einer Studie müssten schon jetzt doppelt so viele Studenten und Studentinnen mit der Ausbildung beginnen, um einen ansonst drohenden Ärztemangel in zwölf bis 15 Jahren zu vermeiden.

Wer die Ärzte Woche regelmäßig liest, hat schon alles mehrfach gelesen: Von Ärzteschwemme und der Forderung eines sofortigen Ausbildungsstopps bis hin zu Warnungen vor einem drohenden Ärztemangels. Im April, als es um die Diskussion der Zulässigkeit von Ausländerquoten für die Medizinischen Universitäten ging, gaben Wissenschaftsministerium und die Ärztekammer eine Studie bei der Wirtschaftsuniversität Wien in Auftrag. Diese sollte vor allem Argumentationshilfen gegenüber der Europäischen Kommission liefern. „Das hat auch funktioniert: Es sind nun fünf Jahre Zeit, in denen Österreich mit den anderen Mitgliedstaaten eine Lösung des Problems erarbeiten muss“, so Prof. Mag. Dr. Leo Chini von der WU Wien.

Auslandsstudenten bleiben nicht

Laut seiner Studie und Befragungen von Studenten aus Deutschland und Italien bleiben nicht einmal 1,5 Prozent von ihnen in Österreich. „Österreich erbringt Bildungsleistungen für andere Länder, die sehr hohe Kosten verursachen, praktisch ohne Gegenleis­tung“, meint Chini. Die Regelung mit Ausländerquoten sei auch deswegen wichtig, da mit einem sehr starken Zustrom von Studenten aus Ländern des ehemaligen Ostblocks zu rechnen sei.
Eine Kernaussage der Untersuchung ist, dass „in den nächsten zwölf bis 15 Jahren viele Ärzte im Spital und niedergelassenen Bereich in Pension gehen werden.“ Derzeit gibt es etwas mehr als 800 Absolventen der Medizinischen Universitäten pro Jahr. Laut Chinis Berechnungen müsste sich die Zahl der Studenten möglichst schnell verdoppeln, um den Ersatzbedarf von etwa 1.200 Ärzten pro Jahr abdecken zu können, der sich ab 2019 ergeben wird. „Dabei ist noch nicht berücksichtigt, dass die steigende Zahl älterer Menschen auch einen erhöhten Behandlungsbedarf bringen wird und auch mit der erforderlichen zusätzlichen Prävention noch mehr Ärzte – etwa 1.600 im Jahr – nötig sein werden“, so Chini weiter.

Dramatische Entwicklung?

Ganz so dramatisch kann sich Dr. Peter Niedermoser, Präsident der Ärztekammer Oberösterreich, diese Entwicklung nicht vorstellen: „Keine Frage: Viele Ärzte sind jetzt zwischen 45 und 60 Jahre alt.“ Andererseits gäbe es eine große Zahl an Jungmedizinern, die auf Turnus- und Facharztausbildungsstellen sowie auf Kassenpraxen warten – „und dieser Trend wird sicher noch die nächsten fünf Jahre anhalten. Diese Mediziner werden einen Teil der Pensionierungen abfangen“, meint Niedermoser.
Ob mehr ältere Menschen automatisch eine höhere Zahl an Ärzten erfordern, auch in diesem Punkt ist Niedermoser vorsichtig: „Da geht es um künftige medizinische und gesellschaftliche Entwicklungen, die Veränderungen bringen können.“ Andererseits sind Chinis Zahlen aus seiner Sicht Alarmzeichen genug, „um umgehend mit möglichst konkreten Überlegungen zu beginnen, wo und wie zusätzliche Mediziner ausgebildet werden können.“
„Im Vergleich zu den OECD-Ländern dürfte in Österreich kaum Ärztemangel herrschen, da nur wenige Länder wie etwa die Schweiz, Italien, Niederlande, aber auch Griechenland und Tschechien laut OECD-Daten über mehr praktizierende Ärzte und Ärztinnen pro Kopf als Österreich verfügen“. Andererseits, so ist Monika Riedl vom Institut für Höhere Studien in Wien überzeugt „kommt es stark darauf an, wie die Ärzte eingesetzt werden: Praktizierender Arzt ist in Österreich längst nicht gleich Arzt mit Kassenvertrag, in anderen Ländern gibt es andere Regelungen, die manchmal keine solche Unterscheidung kennen. Außerdem ist zwischen intra- und extramural arbeitenden Ärzten zu unterscheiden.“ Berechnungen für die Zukunft sind aus Riedls Sicht sinnvoll, weil sie ein Bild davon zeichnen, „was passiert, wenn nichts passiert?“. Solche Berechnungen müssten eine Reihe von Annahmen über zukünftige Entwicklungen treffen, „über die heute noch keine Gewissheit herrscht. Wir wissen nicht, wie sich der Gesundheitszustand und das Anspruchsverhalten der Bevölkerung weiter entwickeln, in welche Richtung künftig die Medizinerausbildung im In- und Ausland geht und welche Wanderungsbewegungen stattfinden werden.“
Chini betont den dringenden Handlungsbedarf: „Jedes Jahr, in dem nichts unternommen wird, bedeutet die Gefährdung einer flächendeckenden und wohnortnahen ärztlichen Versorgung ab 2019.“ Es müsse auch der zeitliche Aufwand berücksichtigt werden, den es benötigt, eine neue medizinische Ausbildungsstätte aufzubauen.
Zu Aussagen aus dem Wissenschaftsministerium, in denen vermittelt wird, weder Linz noch Salzburg bräuchten sich den Kopf zu zerbrechen, wo eine zusätzliche Medizinuniversität errichtet werden soll, weil ohnehin kein Geld für einen solchen Standort vorhanden sei, sagt Chini: „Hier muss sich die Politik überlegen, was ihr die langfristige Sicherstellung der medizinischen Versorgung wert ist…“

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 47/2007

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