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Allgemeinmedizin 28. November 2007

Freiheit - Gleichheit - Gesundheit

„Partizipation“ und „Empowerment“ – hochtrabende Schlagworte, von denen sozial und ökonomisch Schwache wenig haben, wenn konkrete Maßnahmen auf sich warten lassen.

Hinweise darauf, dass Menschen mit niedrigem soziökonomischem Status stärker von physischer und psychischer Krankheit betroffen sind, gibt es schon lange. „Laut einer Analyse der Statistik Austria aus dem Vorjahr sind 1.030.000 Österreicher armuts- und damit gesundheitsgefährdet“, berichtet Mag. Christoph Hörhan, Leiter des Fonds Gesundes Österreich (FGÖ), der vor zwei Wochen eine Tagung mit dem Titel Soziale Ungleichheit und Gesundheit veranstaltete.

Lieber reich und gesund ...

Laut Armutskonferenz (www.armutskonferenz.at) weist die Bevölkerung unter der Armutsgrenze einen um den Faktor drei schlechteren Gesundheitsstatus auf und ist doppelt so oft krank wie Menschen mit höherem Einkommen bzw. Bildungsstatus. Besonders betroffen sind alleinstehende Pensionisten, Menschen, die in kinderreichen Familien leben, Allein­erzieher, Migranten sowie Bezieher von Sozialleistungen.
„In den letzten Jahren hat sich der Trend verstärkt, dass die Bezieher hoher Einkommen noch mehr verdienen und jene mit niedrigem Einkommen finanziell eher stagnieren oder noch weniger am Konto haben“, analysiert Dr. Willibald Stronegger vom Institut für Sozialmedizin der Universität Graz. Auch wenn ein Thema der FGÖ-Tagung das von der finnischen EU-Ratspräsidenschaft initiierte Prinzip von „Health in all policies“ ist, also dass Gesundheit in allen politischen Feldern ein Thema sein muss, ist davon in Österreich aus Stroneggers Sicht noch wenig konkret spürbar. Eben erst abgeschlossen wurde beispielsweise ein EU-Projekt zur gesundheitlichen Chancengleichheit in Europa (www.health-inequalities.eu) – Österreich war nicht unter den 20 teilnehmenden Ländern.
Ähnlich sieht das Martin Schenk, Sozialexperte der Diakonie und Aktivist der Armutskonferenz: „In acht europäischen Staaten gibt es größere Programme zur Verringerung gesundheitlicher Ungleichheit – darunter auch in Großbritannien und den Niederlanden.“ Im aktuellen Bericht des Gesundheitsministeriums würden sozioökonomische Analysen und Strategien fehlen, in der erst kürzlich gesetzlich verankerten Gesundheitsförderung wären noch „zu wenig integrierte Ziele zur Verringerung des hohen Krankheitsrisikos Ärmerer verankert“, so Schenk weiter. Gesundheitspolitik, da ist er sich mit Stronegger einig, müsste unter anderem auch eine entsprechende Beschäftigungs-, Wohnungs-, Integrations- und Bildungspolitik bedeuten.

... als arm und krank

Für Hörhan ist wichtig, in der Gesundheitsförderung bei den Verhältnissen anzusetzen: „Bei den Projekten müssen die Zielgruppen von Anfang an einbezogen werden. Zu betonen ist: Von Maßnahmen für Menschen mit niedrigem soziökonomischen Status – das zeigen internationale Beispiele deutlich – profitiert die gesamte Bevölkerung!“
Den Ansatz der Partizipation kann Schenk noch in zu wenig Gesundheitsprojekten und schon gar nicht in der Gesundheitsplanung wahrnehmen. „Im Vordergrund steht meist der Lebensstil. Das ist sicher wichtig, aber eben nur ein Faktor.“ Auch internationale Studien zeigen: Das konkrete Einkommen ist nicht so bedeutend wie die Anerkennung, die eine Person erfährt, bzw. welche Möglichkeit sie hat, Rahmenbedingungen und den konkreten Lebensalltag aktiv mitzugestalten. „Eine wesentliche Gesundheitsbelastung stellt Distress durch die Arbeits- und Lebenssituation dar; genauso wichtig ist“, betont Schenk, „der Status im Berufsleben“. Er fordert daher den Ausbau des „zweiten“ Arbeitsmarktes für Menschen mit psychischen und psychosozialen Problemen.

Gemeinsam für Gesundheit

„Im aktuellen Arbeitsprogramm des FGÖ wird ein Fokus auf die Lebenswelt Gemeinde gesetzt, eben um Menschen dort abzuholen, wo sie gerade stehen“, sagt Hörhan. Eingebunden werden dabei gerade auch Allgemeinmediziner, „die eine Schlüsselposition im Gesundheitswesen innehaben, da sie für viele Probleme die erste Anlaufstelle sind. Mit dem aktuellen Programm wollen wir Auf- und Ausbau von Netzwerken fördern, an die niedergelassene Ärzte weiter verweisen können.“
Stronegger verweist auf das neue EU-Gesundheitsprogramm „Together for Health“, das sehr stark auf den Ansatz der Partizipation und des Empowerment setzt. Er nimmt aber auch Handlungsmöglichkeiten direkt für Ärzte wahr: „Sich bewusst zu werden, dass sich sozioökonomische Faktoren stark auf Gesundheit auswirken.“ Dies müsse sich auf die konkrete Praxis in Ordinationen, Spitalsambulanzen und -abteilungen auswirken.
Ein zweiter Punkt: Wie lassen sich Informationen für Zielgruppen aus „prekären Verhältnissen“ gut und verständlich aufbereiten? Schließlich geht es darum, wie Menschen, die nicht mehr oder noch nicht in die Ordinationen oder Spitäler kommen, erreicht werden können. Möglich ist dies etwa über den Weg der Gesunden Gemeinden oder das Mittragen von Gesundheitsprojekten in der Region.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 48/2007

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