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Allgemeinmedizin 12. Dezember 2007

Selbstbestimmt trotz Behinderung

Menschen mit schwerer Körperbehinderung benötigen tagtäglich Hilfe. Persönliche Assistenz kann ein selbstbestimmtes Leben außerhalb von Betreuungseinrichtungen ermöglichen und damit auch den Gesundheits­status deutlich verbessern.

Das Konzept der persönlichen Assistenz – Hilfe im Alltag, wo und wie sie benötigt wird – für Menschen mit Behinderung kommt aus den USA. In anderen Ländern ist sie schon längst wesentlich umfassender umgesetzt als in Österreich; so gab es etwa in Wien ein Pilotmodell, das seit 2006 21 Personen einbezog. Ende November beschloss der Wiener Gemeinderat nun eine „Pflegegeld-Ergänzungsleistung für persönliche Assistenz“. Unter anderen von den Grünen wird diese Initiative begrüßt, allerdings wird kritisiert, dass weiterhin kein Rechtsanspruch auf diese Leistung besteht und die Zielgruppe zu eng gefasst sei. Ein umfassendes Angebot für persönliche Assistenz gibt es in Oberösterreich – allerdings sind auch hier die Zuzahlungen gedeckelt.
„Persönliche Assistenz geht vom Bild eines souveränen selbstbestimmten Menschen aus, der eine Unterstützung in Anspruch nimmt, die seine ‚Behinderung’ möglichst ausgleicht“, erklärt Roswitha Schachinger von der Wiener Assistenzgenossenschaft (WAG), die für etwa 100 Personen in Wien persönliche Assistenz organisiert. Dementsprechend sehen auch die Grundprinzipien dieses Konzepts aus:
Menschen mit Behinderung werden als Kunden gesehen, die sich ihre Assistentin oder ihren Assistenten selbst auswählen. Diese Person unterstützt dann in Bereichen wie Ernährung, Körperpflege, Begleitung zu Terminen und Fahrtdienste, Hauswirtschaft, auch in der Freizeit oder bei der Kommunikation, wenn es um Menschen geht, die sich verbal schlecht oder gar nicht ausdrücken können.
„Ein Hauptproblem ist, dass die Regelungen für persönliche Assis­tenz in den Bundesländern sehr unterschiedlich aussehen. Es gibt kein verbrieftes Recht auf diese wichtige Leistung“, kritisiert Schachinger. Ähnlich sieht das Dr. Sylvia Hartl, Oberärztin an der 1. Internen Lungenabteilung am Wiener Otto-Wagner-Spital: „Wie wichtig persönliche Assistenz ist, zeigt etwa das Beispiel von ventilatorabhängigen Menschen, die ständig beamtet werden müssen. In Österreich sind mindestens 1.500 Personen betroffen, die Dunkelziffer ist aber deutlich höher – viele landen in Pflegeheimen mit den Botschaften: ‚Da lässt sich nichts machen’ und ‚Ein normales Leben ist unmöglich‘.“

Bestimmte Aufgaben

Am Otto-Wagner-Spital wird seit einigen Jahren ein Projekt umgesetzt, bei dem von Betroffenen genannte Personen zu „zertifizierten persönlichen Assistenten“ geschult werden. „Diese übernehmen für die konkrete Person bestimmte Aufgaben, die auch etwa die Funktion des Beatmungsgerätes sicherstellen.“ Dazu, so betont Hartl, ist keine pflegerische oder medizinische Grundausbildung nötig, es werden lediglich Handlungen übertragen, die exakt geübt wurden. Pflegediagnosen, medizinische Diagnosen oder entsprechende Versorgungen, die solche Diagnosen nach sich ziehen würden, können von persönlichen Assistenten nicht durchgeführt werden. Hartl verweist auf das Beispiel des Behindertensprechers der ÖVP Dr. Franz-Josef Huainigg, der aufgrund seiner Behinderung beatmet werden muss, aber auch in beruflicher Hinsicht ein „normales“ Leben führen kann.
„Die Chance, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, ist äußerst relevant für die Lebensqualität und den Gesundheitsstatus“, ergänzt Hartl. Selbstverständlich ist, dass z. B. mobile Beatmungsgeräte für zu Hause von der Krankenkasse finanziert werden, „es wird ja auch nicht diskutiert, ob ein Herzschrittmacher gezahlt wird“, so Hartl.

Gesetzesänderung

Dringend nötig sei aber eine Änderung des Gesundheits- und Krankenpflegegesetzes, das derzeit zwar Angehörigen bestimmte Tätigkeiten erlaubt, aber nicht persönlichen Assistenten, da die Bezahlung dieser Tätigkeiten mit der Ausübung eines Berufes gleichgesetzt wird.
„Dieses Angebot müsste schon bei Kindern und Jugendlichen ansetzen“, fordert Hartl, „denn Kinder mit schwerer Körperbehinderung werden oft vom Regelschulwesen ausgeschlossen.“ Als vorbildlich sieht die Lungenfachärztin das Modell der Schulassistenz an, das derzeit nur in Oberösterreich umgesetzt wird. Dazu Mag. Martina Weinberger, eine der Leiterinnen des Bereichs im Zentrum Spattstraße: „Die Schulassistenten begleiten die Kinder und Jugendlichen durch den Schulalltag. Dabei geht es nicht darum, für sie etwas zu tun, sondern ihnen dabei zu helfen, ihre Wünsche umzusetzen und aktiv am Unterricht teilzunehmen.“ Denn auch wenn die Kinder in manchen Belangen nicht selbständig mobil sind, „sind sie zu denselben geis­tigen Leistungen fähig und können etwa im EDV-Bereich eine Berufslaufbahn einschlagen.“ Auch Weinberger fordert daher einen Gesetzesanspruch auf die Finanzierung der persönlichen Assistenz.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 50/2007

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