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Allgemeinmedizin 23. Jänner 2008

Streit um neue Therapierichtung

Vor einem Jahr wurde die Neurolinguistische Psychotherapie (NLPT) als eigenständige Therapieform anerkannt. Die Begeisterung seitens etablierter Schulen hielt sich von Anfang an in Grenzen. Jetzt wird eine erneute Evaluation des therapeutischen Wertes von NLPT gefordert.

„Bereits seit zwölf Jahren gibt es immer wieder Vorstöße, um für Neurolinguistisches Programmieren bzw. Neurolinguistische Psychotherapie als eigenständige Therapieform eine Anerkennung zu finden. Und immer wieder gab es ausführlich begründete umfassende Ablehnungen“, blickt Markus Hochgerner MMSc zurück. Der Wiener Psychotherapeut ist Leiter einer Arbeitsgruppe des Psychotherapiebeirats des Gesundheitsministeriums, die für die Anerkennung neuer Therapierichtungen zuständig ist.
Diese Arbeitsgruppe hat vor einem Jahr ihre Aktivitäten eingestellt. Denn zu diesem Zeitpunkt – einige Tage vor dem Ende der Amtszeit der „alten“ Ministerin Maria Rauch-Kallat – wurde NLPT „trotz mehrerer negativen Gutachten und Stellungnahmen des Psychotherapiebeirates anerkannt. Es gibt keine andere vergleichbare Therapierichtung, zu der es eine so eindeutige und klare Ablehnung gibt. Die Anerkennung durch eine Unterschrift von Maria Rauch-Kallat war eine rein politische Entscheidung quasi in letzter Minute – und aktuell geht es darum, ob es möglich ist, die Anerkennung zurückzuziehen, weil sie eben aus fachlicher Sicht weiterhin nicht zu rechtfertigen und zu halten ist“, so Hochgerner.
Ähnlich sieht das Prof. Dr. Gerhard Schüssler von der Uniklinik für Medizinische Psychologie und Psychotherapie der MedUni Innsbruck. Schüssler, der ebenso ein negatives Gutachten zum damaligen Antrag verfasst hat: „NLP ist eine Mischung aus verschiedenen Methoden – diese können als Ergänzung von ärztlichen und therapeutischen Handeln durchaus Sinn machen und sind auf ihre Weise zum Teil wirksam – es fehlt aber das fundamentierte und wissenschaftlich ausreichend abgesicherte theoretische Gesamtkonstrukt dahinter.“ Außerdem gäbe es verschiedene Methoden (wie z.B. die Beobachtung und Analyse von Augenbewegungen), die zumindest sehr umstritten sind und zum Teil als unseriös gelten. Hochgerner betont dazu: „In einem aktuellen Gespräch im Psychotherapiebeirat hat Dr. Andrea Kdolsky selbst gesagt, auch sie halte NLP nicht für eine Therapierichtung, die Anerkennung von NLPT sei aber nun eben schon erfolgt und eine Rücknahme aus juridischen Gründen nicht möglich.“ Diese Vorgangsweise würde eine deutliche Abwertung anerkannter therapeutischer Schulen bringen sowie weiteren Anträgen von zu wenig etablierten Therapieformen Tür und Tor öffnen.

Alleingang oder nicht

NLP wird in sehr unterschiedlicher Form praktiziert. So gibt es u. a. den „Österreichischen Dachverband für Neurolinguistisches Programmieren (ÖDV-NLP)“, einer der Agierenden ist Dr. Franz Pesendorfer, Psychotherapeut und NLP-Lehrtrainer: „Die aktuellen Schritte waren ein Alleingang von einigen wenigen – es geht ja quasi um eine eigens konstruierte Therapie. Der ÖDV-NLP verwahrt sich gegen Monopolansprüche und das Erzwingen von Anerkennungen in Richtung Therapieausbildung, die nicht akkordiert und mit Diskriminierungsstrategien verbunden sind.“
Den Vorwurf des Alleingangs oder der politischen Beeinflussung weist der Psychotherapeut und Psychologe Mag. Peter Schütz strikt zurück: „Bei jenen, die eine Anerkennung der NLPT vorantreiben – eine Methode, die 1999 wissenschaftlich akkreditiert wurde –, handelt es sich um eine sehr breite Gruppe, die sich aus Ärzten, Therapeuten und Psychologen mit verschiedenen Schwerpunkten zusammensetzt. Und es gibt auch bezüglich NLPT sehr viele internationale sowie nationale positive wissenschaftliche Analysen und Stellungnahmen“ – deren Anerkennung basiere also auf einer „sehr gut abgesicherten Basis“. So würde es auch ein ausgereiftes Curriculum geben sowie eine große Bandbreite an hochkarätigen Medizinern und Therapeuten, die in dessen Umsetzung tätig werden können. Die aktuellen Diskussionen würden auf Probleme in persönliche Beziehungen der Agierenden basieren sowie auf unnötigen Konkurrenzängsten.

Brennendere Anliegen

Schüssler hat kein grundsätzliches Problem mit NLP als Methode, „aber die ministerielle Anerkennung bedeutet, dass sich Anbieter von NLPT in die Liste der Psychotherapeuten eintragen lassen können und dass diese Richtung eine vollwertige Ausbildung ähnlich wie z. B. die Verhaltenstherapie ist“. Dazu kommentiert Hoch­gerner, das sei so, „als würden Mediziner Akupunktur als Grundausbildung haben und nicht ein Medizinstudium, wo spezielle Aspekte durchaus sinnvoll und zielführend dazukommen können.“ Psychotherapeutisches Handeln müsse auf gut abgesicherte Theorie, Methoden und Wirksamkeitsforschung zurückgreifen können.
Für Schüssler kommt dazu, dass es auf dem psychotherapeutischen Sektor eigentlich ganz andere und viel brennendere zentrale gesundheitspolitische Agenden gäbe: „Psychotherapie hat nach wie vor sehr wenig Rückenwind. Einen Kosten­ersatz gibt es so nur für eine sehr kleine Gruppe von Menschen mit geringem Einkommen – alle anderen müssen dazuzahlen.“

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 4/2008

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