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Allgemeinmedizin 7. Februar 2008

Generation von Nuschlern

Zwar sind die derzeit kolportierten Zahlen über Sprachauffälligkeiten bei Kindern übertrieben, doch tatsächlich mangelt es an logopädischen Therapieplätzen.

In Oberösterreich wurden im Auftrag von Caritas, Jugendwohlfahrt und Volkshilfe 12.000 Kinder im Vorschulalter einem Screening zu Sprachstörungen unterzogen. 53 Prozent weisen demnach „Auffälligkeiten bzw. Störungen“ auf, bei einem Drittel würde Bedarf nach logopädischer Therapie bestehen.
„In den Medien finden sich nun Überschriften wie ‚Jedes zweite Kind hat Sprachstörungen‘ – dabei wird leider zu wenig differenziert“, analysiert die Logopädin Tanja Stephl, die im Berufsverband der Logopäden für den Bereich Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Insgesamt wären Sprachstörungen zwar im Anstieg, aber nicht in einem so hohen Ausmaß, wie dies aktuelle Medienberichte nahe legen.
„Bei den Screenings werden nach meiner Erfahrung keine standardisierten Instrumente verwendet, ein großer Teil der sogenannten ‚sprachgestörten‘ Kinder im Alter von fünf Jahren zeigt lediglich leichte Artikulationsauffälligkeiten“, konstatiert der klinische Linguist Dr. Daniel Holzinger. Er arbeitet am Institut für Sinnes- und Sprachneurologie des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder in Linz. Wirklich störungswertige Sprachentwicklungsprobleme würden nach internationalen aktuellen Zahlen bei etwa sieben Prozent der Kinder vorliegen. Eine Zahl, die
Stephl zu gering vorkommt, sie verweist auf Daten aus Deutschland und der Schweiz, wo von etwa 25 Prozent der Kinder die Rede ist. Ähnliche Daten nennt auch Dr. Doris Nekahm-Heis, Fachärztin für HNO und Phoniatrie an der Klinischen Abteilung für Hör-, Stimm- und Sprachstörungen der Medizinischen Universität Innsbruck: „Bei jedem Screening ist zu prüfen, wie und was genau getestet wurde. Und: Dort wird ein Verdacht auf ein mögliches Problem geäußert, der noch abgeklärt werden muss.“ Sie weist zudem darauf hin, dass jedes zehnte Vor- und Grundschulkind häufige Mittelohrentzündungen hat und Entwicklungsprobleme bei der Sprache damit eng zusammenhängen können.

Ein Bubenproblem

Holzinger verweist auf ein anderes Problem: „In einem vom Land Oberösterreich finanzierten Projekt wurden über 2.500 zweijährige Kinder in pädiatrischen Praxen hinsichtlich ihrer Sprachentwicklung gescreent. Bei etwa 15 Prozent konnten Auffälligkeiten festgestellt werden, wobei Buben deutlich häufiger betroffen sind. Obwohl die involvierten Kinderärzte sich sehr engagierten, entschloss sich nur die Hälfte der Eltern für eine weitere Abklärung – hier ist sicher noch Überzeugungsarbeit zu leisten.“ Das Projekt läuft nun weiter, Ziel ist es, im Rahmen der Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen einsetzbare Screeningverfahren für zweijährige Kinder und deren weiteren Sprachentwicklungsverlauf zu entwickeln. Zudem geht es um ein Modell der weiterführenden multidisziplinären Abklärung und Intervention (logopädische, elternzentrierte und pädagogische).
Holzinger hält die logopädische Versorgung nicht für das Kernproblem. Das sieht Stephl ganz anders: „Wir haben zum Beispiel auch in Tirol Reihenscreenings bei Kindergartenkindern. Werden hier Auffälligkeiten festgestellt, gibt es vor allem in Randbezirken allerdings in vielen Fällen keine freien logopädischen Therapieplätze.“ Es würden österreichweit zu wenig Logopäden ausgebildet werden, es fehle an Praktikumsstellen und auch an Dienstposten im intra- und vor allem extramuralen Bereich. „Teilweise gibt es mit der Gebietskrankenkasse keine Vereinbarungen oder nur so niedrige Refundierungen, dass sie einen Zugang zu dieser wichtigen Therapieform auch im späteren Alter oft erschweren“, so Stephl weiter.
Auch Nekahm weist auf das Problem der oft fehlenden Therapieplätze hin: „Es mag schon sein, dass es viele Logopäden gibt – aber viele davon arbeiten Teilzeit, manchmal auch nur einige Stunden. Vor allem abseits der großen Zentren ist es sehr schwierig, Logopädinnen zu finden.“ Dass die Finanzierung der Therapie auch nicht immer gesichert ist, trifft vor allem Kinder aus sozial schwachen Familien: „Das ist besonders problematisch: Dort hat Sprachförderung oft nicht so einen großen Stellenwert und Probleme treten häufiger auf, gleichzeitig können sich die Familien die Logopädie dann nicht leisten.“ Günstig wäre in vielen Fällen eine Kombination mit Ergotherapie – in Tirol gibt es ein Projekt mit multidisziplinären mobilen Teams, aber auch hier geht es um die Frage der Finanzierung.

Heidelberger Modell

Im deutschen Sprachraum gut bewährt hat sich bei leichten Sprachstörungen das Modell des Heidelberger Elterntrainings, dabei werden – ebenso für Kindergartenpädagogen – einfachste Methoden vermittelt, um Sprache ganzheitlich zu fördern. Stephl dazu: „Die Frage ist, wer die Teilnahme an solchen Maßnahmen finanziert, sonst sind sie wieder nur bestimmten Gruppen vorbehalten, die oft ohnehin schon sehr sensibel sind.“
Für Nekahm ebenso ungelöst ist die Versorgung der steigenden Zahl von Familien mit Migrationshintergrund: „Eigentlich müsste es eine türkische und auch andere muttersprachliche logopädische Angebote geben, ein Feld, wo noch kaum etwas geschehen ist.“

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 6/2008

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