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Allgemeinmedizin 2. Mai 2007

Mehr Praxisnähe, zu wenig Perspektiven

Das neue Curriculum beim Medizin­studium hat sich bewährt – Mankos gibt es in Bezug auf personelle und räumliche Ressourcen sowie bei der Frage, welche Optionen die Absolventen später haben.

Mit Ende des Studienjahrs 2001/02 begann eine neue Ära in der Medizinerausbildung: Aufgrund eines Gesetzes war ein neues Curriculum entwickelt worden. Rund 2.500 studieren derzeit noch nach dem alten Curriculum – kürzlich wurden die Übergangsregelungen in die neue Studienordnung entschärft. Über 500 Studierende sind nun bereits im dritten Abschnitt nach neuem Curriculum, werden also bald das Studium beenden.

Besser vorbereitet

Aus der Sicht von Dr. Peter Niedermoser, Leiter der Ausbildungskommission der Österreichischen Ärztekammer, sind diese Mediziner deutlich besser auf den Alltag in Spital oder Ordination vorbereitet: „Das Studium ist nun wesentlich praxisbezogener. Außerdem werden nicht mehr stückchenweise einzelne Details gelehrt, sondern eine Herangehensweise, bei der es um Zusammenhänge geht, um Vernetzung von Informationen.“ Ähnlich nimmt das auch Jenny Bruni wahr. Sie studiert Medizin im zweiten Abschnitt und ist Vorsitzende der „ÖH Med“, der Studentenvertretung der Medizinischen Universität Wien: „So wird z. B. am Vormittag über das Herz vorgetragen, mittags gibt es die Gelegenheit, selbst ein EKG zu schreiben und zu interpretieren, am Nachmittag geht es im Seziersaal um das Herz.“ Früher waren Vorlesungen oft spärlich besucht, für Prüfungen wurde aus Büchern gelernt, „das hat sich völlig verändert, denn auch in den Prüfungen geht es um den engen Bezug zwischen Theorie und Praxis“, so Bruni. Eine weitere wesentliche Änderung ist im dritten Abschnitt die Arbeit in Kleingruppen in den Kliniken. „Hier kann jeder und jede direkt mit Patienten arbeiten, steht nicht irgendwo in der letzten Reihe bei der Visite, ohne etwas mitzubekommen.“ Ein Manko ist für Bruni und Niedermoser allerdings, dass es noch zu wenige Lehrspitäler gibt, das führt dazu, dass die Gruppen oft auf sieben oder acht Studierende anwachsen. „Schon im ersten Abschnitt geht es um die Gesprächsführung mit den Patienten, dies wird in Rollenspielen und auch in der Praxis geübt. Vor Famulaturen wird geprüft, inwieweit ein Student diese Kommunikationsfähigkeit intus hat“, berichtet Bruni. Auch Prof. Dr. Manfred Maier, Leiter der Abteilung für Allgemein- und Familienmedizin an der Medizinischen Universität Wien, bekommt von Ärzten, die Famulanten betreuen bzw. auch von niedergelassenen Ärzten meist sehr positive Rückmeldungen in Bezug auf Wissen und Fähigkeiten der „neuen“ Studierenden. „Trotzdem wird etwa an der Medizinischen Universität Wien unter den Verantwortlichen immer wieder darüber diskutiert, welche Veränderungen noch nötig sind – es besteht aber leider derzeit die Gefahr, dass Partikularinteressen die Überhand gewinnen und das Grundkonzept, die Ideologie des neuen Curriculums verloren geht.“ Praxisnähe, Arbeiten in Kleingruppen oder ganzheitlichere Herangehensweise an den menschlichen Körper dürften nicht mehr zerredet werden. „Es ist keine Frage, dass es Bereiche gibt, die noch nachgebessert werden könnten – hier sollte es aber um einen gemeinsamen Nachdenkprozess im Interesse einer zeitgemäßen medizinischen Grundausbildung und nicht um Wettbewerb verschiedener Fachbereiche um Einfluss gehen“, so Maier weiter.

Qualität braucht Ressourcen

„In vielen Bereichen gibt es allerdings nach wie vor zu wenig Personal- und Raumressourcen“, kritisiert Bruni. Lehrende stehen unter einem hohen Druck durch den Spagat durch Lehr- und Forschungstätigkeit und ihre Aufgaben an diversen Stationen. Beim Übergang vom ersten zum weiten Studienabschnitt gibt es lange Wartelisten und oft große Zeitverluste. Dies würde auch zunehmend ein Problem für den dritten Abschnitt werden, wenn es nicht mehr Lehrspitäler gibt. Für Niedermoser ist es gerade in dieser Hinsicht der völlig falsche Weg, dass sich die Bundespolitik momentan von Plänen verabschiedet hat, dass in Oberösterreich der dritte Studienabschnitt absolviert werden kann. Dringender Handlungsbedarf sei zudem für die unmittelbare Zeit nach dem Studium gegeben: „Die Wartezeit auf Turnus- oder Facharztausbildungsstellen ist in vielen Regionen viel zu lange.“ Dazu kommt für Bruni das Problem, dass in Österreich die Approbation in Österreich momentan erst nach der Turnuszeit erfolgt. Gemeinsam mit Niedermoser und Maier fordert sie die Umsetzung des vielfach diskutierten „common trunk“, also einer einjährigen klinischen Weiterbildung nach dem Studium, die von allen Medizinern vor dem Weg in die Spezialisierung absolviert werden muss, an deren Ende die Approbation steht. Niedermoser fordert, dass darin auch eine Notarztausbildung inkludiert sein muss.

Probleme in EU-Ländern

Für Maier ist es zudem „allerhöchste Zeit, dass die Konzepte für den Facharzt für Allgemeinmedizin endlich umgesetzt werden.“ Österreichische Mediziner haben oft sehr große Probleme, wenn sie mit ihrer Ausbildung in anderen EU-Ländern weitere Erfahrungen sammeln oder dort zu arbeiten beginnen wollen. „In anderen Ländern ist der Facharzt für Allgemeinmedizin seit Jahren Standard“, so Maier weiter. Aus seiner Wahrnehmung wird die Verwirklichung des Common Trunk momentan aus standespolitischen Gründen paradoxerweise von Seiten der Turnusärzte blockiert, die Gehaltseinbußen befürchten würden. Er wünscht sich von der Ärztekammer viel mehr Druck, um endlich zu einer Lösung, also einer ehebaldigsten Umsetzung zu kommen. Ebenso dringend ist für Bruni die Diskussion um die Zulassung von EU-Bürgern zum Medizinstudium zu einem Ende zu bringen: „Diese Menschen haben Flexibilität bewiesen in der Wahl des Studienortes – da in Österreich momentan nach dem Studium attraktive Möglichkeiten zum unmittelbaren Weitermachen fehlen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass diese in ihre Ursprungsländer zurückkehren.“ Bruni wünscht sich eine Abstimmung vor allem zwischen Deutschland und Österreich und eine gemeinsame Vorgehensweise gegenüber der EU. „Hier wurde zehn Jahre lang eine Entwicklung verschlafen und auch jetzt geht wenig konkret weiter“, kritisiert Bruni. Niedermoser wünscht sich ein „Ende der theoretischen Zahlenspielereien und genaue Analysen, wie viele Ärzte tatsächlich in welchen Bereichen gebraucht und daher ausgebildet werden müssen“. Hier dürfe es nicht um parteipolitische Interessen, sondern um die Frage der langfristigen Sicherstellung der flächendeckenden medizinischen Versorgung gehen.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 18/2007

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