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Allgemeinmedizin 30. Oktober 2007

Chirurg und Kosmetiker in einem

In den USA kommt sie bei nahezu 100 Prozent der Verstorbenen vor der Erdbestattung zur Anwendung, in Großbritannien bei 90 Prozent, in Frankreich bei 80 Prozent – und bei uns gerade einmal bei zwei Prozent. Die Rede ist von der Thanatopraxie, der kosmetischen Behandlung von Verstorbenen, die in Österreich erst 2002 zugelassen wurde.

Der Begriff Thanatopraxie leitet sich vom griechischen Thanatos, dem Todesgott, und Praxis als Verrichtung, Handhabung ab. Die Toten werden so hergerichtet, dass die Hinterbliebenen bei der offenen Aufbahrung in Ruhe Abschied nehmen können.
Der Thanatopraktiker legt in den USA bei fast jedem Toten Hand an, richtet ihn auch gerne so her, als ob er sich bester Gesundheit erfreuen würde; bei uns beschränkt sich der Kreis der Behandelten eher auf die Unfallverletzten und entstellten Toten, also auf jene, deren Anblick für die Hinterbliebenen einen Schock bedeuten könnte.
Der Thanatopraktiker – im Augenblick üben in Österreich gerade einmal drei Personen diesen Beruf aus – ist eine Art Chirurg und Kosmetiker in Personalunion. Er näht zusammen, was wieder zusammengehört, spritzt dem Toten zwecks Desinfizierung und Verzögerung des Verfallprozesses eine formalinhältige Lösung in die Adern und richtet ihn mit Bürste und Schminkutensilien her. Anders als in den USA wird hierzulande ein „würdevolles Aussehen“ angestrebt. Blessuren sollen verdeckt, aber der Tote auch nicht zu sehr aufgepeppt werden.

Napoleon wollte seine Soldaten zu Hause beerdigen

Wieso ist die Thanatopraxie gerade in den USA, in Großbritannien und Frankreich so stark verbreitet? Das hat vor allem historische Gründe. Napoleon Bonaparte hatte den Ehrgeiz, jeden auf seinen Feldzügen gefallenen Soldaten in französischer Erde bestatten zu lassen. Jean Nicolas Gannal, Chemiker und Offizier in Napoleons Grande Armee, entwickelte ein Konservierungsverfahren, das die Körper monatelang vor dem Verfall bewahrte. Seine „Geschichte des Einbalmasierens, 1840 ins Englische übersetzt, führte in Großbritannien und den USA zu einer raschen Verbreitung seiner Methode. Bei uns musste erst das 21. Jahrhundert anbrechen, dass sie auch hier Fuß fasste.

Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 44/2007

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