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Allgemeinmedizin 30. Oktober 2007

Aktionismus statt Begleitung

In den vergangenen Jahrhunderten war der Tod ein selbstverständlicher Teil des alltäglichen Lebens. Die Kindersterblichkeit war hoch und das Sterbealter breit gestreut. Dass Menschen davon ausgehen können, 70 oder 80 Jahre alt zu werden, wie es heute in den Industrieländern der Fall ist, ist ein ganz neues Phänomen in der Menschheitsgeschichte.

Früher hatten die Menschen nicht so sehr Angst vor dem Sterben als vielmehr davor, keinen „guten Tod“ zu erfahren. Wobei entgegen unserem modernen Verständnis „gut“ nicht etwa ein möglichst schmerzloses und kurzes Sterben bedeutete, sondern vielmehr, am Ende des Lebens frei von Sünden zu sein. Denn nach allgemein gültigem christlichen Verständnis eröffnete sich dem sündigen Menschen nicht das Licht und ewige Leben, der Himmel, sondern vielmehr die Verdammnis, die Hölle. Das irdische Leben wurde bloß als eine Art Übergangsstation aufgefasst. Als Vorstufe zu dem wahren Leben. Die Anstrengungen der Ärzte galten denn auch mehr dem seelischen als dem körperlichen Heil der Menschen. Heilung, dieses Wort hatte damals noch diese Bedeutung: die Kranken trösten und pflegend begleiten.
Wie anders heute in unserer sogenannten säkularisierten Gesellschaft. Das irdische Leben steht nun ganz im Mittelpunkt, was zählt, ist die Selbstverwirklichung mit dem Ziel maximaler Glücksgewinnung.

Dem Tod Lebenszeit abtrotzen

Die Bemühungen der Mediziner gehen denn auch vor allem in die Richtung, dem Tod so viel Lebenszeit wie nur möglich abzutrotzen. Und dennoch: Im Kampf Medizin gegen den Tod bleibt der Tod sicherer Sieger. Immer. Unabwendbar. Der Tod kann höchstens hinausgeschoben werden, mehr nicht. Gegenüber früher ist das Sterben heute in der Regel ein sehr viel längerer Prozess, über Wochen, Monate, manchmal sogar Jahre.
Früher starben die Menschen zu Hause, heute sterben sie im Verborgenen, hinter Mauern, im Krankenhaus oder Pflegeheim. Der Tod ist, wie Soziologen konstatieren, hospitalisiert, wie im Übrigen auch die Geburt. Das Krankenhaus ist auf Heilung und Wiederherstellung der Kranken ausgerichtet, nicht darauf, einen Menschen in Ruhe sterben zu lassen. Der Arzt lernt in seiner Ausbildung, Krankheiten zu behandeln, aber nicht, wie er einen Menschen in seinen letzten Tagen zu begleiten hat. Die Folge davon ist nicht selten, dass er bei einem Todkranken das macht, was er immer macht – noch ein Röntgen veranlassen, noch eine Überweisung zu einem Spezialisten schreiben –, sich also letztlich in leeren Aktionismus flüchtet. Das Trösten und pflegende Begleiten muss erst wieder gelernt werden.

Siehe auch "Wie das Sterben verdrängt wird".

Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 44/2007

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