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Allgemeinmedizin 30. Oktober 2007

Jenseits der Schwelle

Je nach Zeit und Kultur bestimmen Menschen in ganz unterschiedlicher Weise, wann eine Person tot ist.

Wo ist die Schwelle zwischen Leben und Tod? Wann ist der Sterbeprozess abgeschlossen und der Mensch in einen anderen Seinszustand übergegangen? Die Sache scheint klar zu sein: dann, wenn sein Herz aufgehört hat zu schlagen und die Atemtätigkeit über eine längere Zeit ausgesetzt hat. Dies waren in der Tat in unserem Kulturkreis über Jahrhunderte die klinischen Zeichen, die den Tod markierten. Sie sind es heute nicht mehr. Nun wird die exakte Grenze durch das sogenannte Hirntodkonzept definiert: Ein Mensch ist dann tot, wenn sein Gehirn als zentrales und den Gesamtorganismus steuerndes Organ in seiner Gesamtfunktion vollständig und irreversibel ausgefallen ist.
Diese Differenzierung war notwendig geworden, nachdem in den 1960er Jahren die Intensivmedizin in die Krankenhäuser eingezogen war und es geschafft hatte, ein still stehendes Herz wieder in Gang zu bringen und einen Menschen auch mit schwersten Hirnschädigungen künstlich zu beatmen. Wann kann das Beatmungsgerät wieder abgeschaltet werden? Mit dieser Frage waren die Intensivmediziner plötzlich konfrontiert. Es musste entschieden werden, von welchem Zeitpunkt an eine Therapie sinnlos ist und wann sie enden darf bzw. muss. Dieses Problem hatte sich vorher nicht gestellt, denn Lunge, Herz und Gehirn eines Menschen konnten nur gemeinsam funktionieren. Der Hirntod folgte unmittelbar auf den Herztod oder umgekehrt. Es war die amerikanische Harvard Medical School, die erstmals 1968 das Hirntodkriterium einführte.
Wann ein Mensch tot ist, ist also nicht von der Natur vorgegeben, sondern wird von den Menschen selbst festgelegt, und zwar, je nach Zeit und Kultur, in ganz unterschiedlicher Weise. Im 18. Jahrhundert definierte das Zedler’sche Universallexikon den Tod als „ein Abscheiden der Seele von dem Leibe“. 200 Jahre später finden wir in der Brockhaus Enzyklopädie unter dem Stichwort Tod kein Wort mehr über die Seele.
Die alten Griechen hielten einen Menschen dann für tot, wenn sein Zwerchfell still stand. Der Grund: Sie hielten das Zwerchfell für den Ort, wo sich die menschliche Seele befindet. Heute noch gibt es Gegenden in Afrika, wo die Ohnmacht eines Menschen genügt, um ihn für tot zu erklären. Nicht weil diese Menschen nicht wüssten, dass der in Ohnmacht Gefallene sich wieder erholen kann, sondern weil er in ihren Augen eine entscheidende Schwelle überschritten hat, die nach ihrem Verständnis zum Totenreich gehört.
Die Frage nach dem viel zitierten „point of no return“ wird seit tausenden Jahren von verschiedenen Völkern zu verschiedenen Zeiten auf ganz verschiedene Arten beantwortet. Gilt auch heute bei uns das Hirntodkonzept, so ist nicht auszuschließen, dass es vielleicht in Zukunft einmal durch ein anderes Kriterium ersetzt wird.

Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 44/2007

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