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Allgemeinmedizin 30. Oktober 2007

Asche zu Asche

Pro Jahr werden in Wien etwa 3.000 Tote eingeäschert. Das geschieht im Verborgenen, hinter Mauern, der technische Teil des Krematoriums Simmering liegt im Keller. Die Ärzte Woche erhielt Zutritt zu diesem Raum.

 Krematorium 1
Die gewonnene Leichenasche wird in Urnen umgefüllt.

 Krematorium 2
Kühlraum zur Aufbewahrung der Toten.

 Krematorium 3
Gleich wird der Sarg in den Verbrennungsofen hineingefahren.

 Krematorium 4
Der Bestatter liefert Särge mit Verstorbenen an.

Fotos: Wenzel Müller

Mächtig und prachtvoll wirkt das Krematorium Simmering von außen, ein Bau von Clemens Holzmeister. Klein und versteckt ist dagegen sein eigentliches Herzstück, der Verbrennungsraum. Man gelangt zu ihm von der Hinterseite, wo er direkt unter der Abschiedshalle liegt. Wenn in der Durchfahrt das Licht eingeschaltet ist, wissen die Bestatter, die Verstorbene anliefern, dass sie kurz warten müssen, weil im Augenblick eine Trauerfeier stattfindet. Brennt kein Licht, können sie ihre Arbeit tun: Die Särge in den Kühlraum geben, wo sie zunächst in Regalen gelagert werden.
Gleich neben dem Kühlraum befindet sich ein kleiner Raum, der von Muslimen zur rituellen Waschung ihrer verstorbenen Glaubensbrüder genutzt wird. Eine unpassendere Umgebung kann man sich kaum für diese Religionsgemeinschaft vorstellen: Eine Verbrennung kommt für Muslime nicht in Frage, die Toten müssen in der Erde begraben werden. Immerhin ist es, und das haben sich wohl auch die Verantwortlichen gedacht, von hier nicht weit bis zum Wiener Zentralfriedhof.
„Betreten verboten“, so steht es an der Tür zum Verbrennungsraum. Auch Angehörigen von Verstorbenen ist der Zutritt nur mit Ausnahmegenehmigung erlaubt, anders als etwa in Holland, wo es selbstverständlich ist, dass sie dabei sein können, wenn der Sarg in den Ofen fährt und der geliebte Menschen endgültig dem Feuer übergeben wird.
Die vier Öfen der Feuerhalle Simmering werden über Heizspiralen aufgeheizt, auf so hohe Temperaturen, dass sich der hineingefahrene Sarg sofort entzündet. Man sieht kurz die Flammen hochschlagen, dann schließt sich die Ofentür. Den Arbeitern bleibt ein Guckloch, durch das sie den Verbrennungsprozess beobachten können. Zu ihren Aufgaben gehört, vor der Einäscherung einen Kontrollblick in den Sarg zu werfen. Handelt es sich auch wirklich um die angegebene Leiche? Und vor allem: Sind auch keine schwer brennbaren Materialien mit im Sarg, wie beispielsweise Schuhe oder besondere Grabbeilagen? Die sind nämlich schon aus Umweltschutzgründen verboten.
Einmal lag, erzählt Christian Vikenscher, der Verwalter der Feuerhalle Simmering, ein Toter in voller Motorradkluft im Sarg. Die Hinterbliebenen hatten es sicher gut gemeint und vielleicht auch den Bestatter ein bisschen bestochen, doch dieser letzte Liebesdienst hätte, wenn er nicht rechtzeitig entdeckt worden wäre, den Ofen sicher beschädigt.
Die Leichenverbrennung dauert etwa eineinhalb Stunden, bei korpulenten Personen auch etwas länger. Die gewonnene Asche ist noch nicht die eigentliche Leichenasche. Erst muss sie von der Holz­asche getrennt werden, was über ein Rüttelsieb und Luftabzug geschieht. Dann werden die Metallteile sowohl vom Sarg (Nagel) als auch vom Menschen (Herzschrittmacher) mit einem Magneten entfernt. Schließlich kommt die Asche in eine Mahlmaschine, um die größeren Knochenstücke zu zerkleinern. Heraus kommt das Endprodukt, die 2-3,5 kg schwere Leichenasche, fein wie Sand. Im letzten Schritt wird die Leichenasche in eine sogenannte Aschenurne gefüllt, zusammen mit einem nummerierten Schamotteplättchen, das der einwandfreien Identifikation dient.
Pro Tag werden in der Feuerhalle etwa 20 Tote kremiert. Zu Ferienbeginn häufen sich die Särge im Kühlraum, denn da bringt die Medizinische Universität jene Verstorbenen, die den eigenen Körper der Anatomie gespendet haben. Rauch sieht man über der Anlage nicht aufsteigen, höchstens dann einmal, wie Vikenscher erklärt, wenn viele verstorbene Krebs-Patienten eingeäschert werden – die Chemie hinterlässt ihre Spuren. Die Filteranlage arbeitet gut und demnächst sicher noch besser, denn es steht eine umfassende Renovierung an.
In Wien liegt der Anteil der Kremation im Vergleich zur Erdbestattung bei etwa 20 Prozent – in Graz und Vorarlberg ist das Verhältnis genau umgekehrt. Die Einäscherung ist allerdings überall auf dem Vormarsch, auch in Wien. Der Hauptgrund dürfte sein, dass sie einfach billiger kommt als eine Erdbestattung. Für manche mag auch ausschlaggebend sein, dass die Leichenasche viele verschiedene Beisetzungsmöglichkeiten bietet: Sie kann im Meer versenkt, vom Ballon aus verstreut, in den Weltall geschossen oder zu einem Diamanten verarbeitet werden.
Ideologisch besetzt ist die Kremation heute dagegen kaum noch: Vergessen, dass sie Anfang des 20. Jahrhunderts hart erkämpft wurde, von einer Bewegung, die sich hauptsächlich aus Freidenkern und Sozialisten zusammensetzte und die von einem antiklerikalen Impuls getragen war. Als der Wiener Bürgermeister Jakob Reumann am 17. Dezember 1922 die Feuerhalle Simmering feierlich eröffnete, bedeutete das auch einen Triumph der roten Stadtväter in der Auseinandersetzung mit der katholischen Kirche und speziell dem christlichsozialen Minister Richard Schmitz.

Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 44/2007

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