zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 30. Oktober 2007

Die Welt der Pompfüneberer

Der Tod muss ein Wiener sein. Heißt es. Schon immer hat man der österreichischen Hauptstadt ein besonders inniges Verhältnis zum Tod unterstellt. Ob zu Recht oder nicht, das lässt sich kaum verifizieren.

 Gabriel von Max
Der Anatom Gabriel von Max (1840-1915, Deutschland)

Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Neue Pinakothek, München

Fakt ist, dass Wien aktuell 50 aktive Friedhöfe besitzt und dazu mit dem Zentralfriedhof den zweitgrößten in Europa – also so viele wie keine andere Großstadt. Und dass die Wiener gerade in der Vergangenheit eine Vorliebe für die schöne Leich, für das pompöse Begräbnis an den Tag legten, so sehr, dass Kaiser Joseph II (1765-1790) kläglich mit seiner Idee eines Klappsarges scheiterte, der mehrfach verwendet werden kann.
Nun ist der Tod Thema einer Ausstellung in Wien, sie heißt kurz und bündig Exitus. Tod alltäglich und ist im Künstlerhaus zu sehen. Der Ort der Ausstellung verweist schon darauf: Gezeigt wird, wie Künstler mit dem Thema Tod umgehen. Vor allem sind Werke österreichischer Künstler zu sehen, von Hermann Nitsch, Arnulf Rainer und Erwin Wurm, um nur die bekanntesten zu nennen. Der Tod ist ein universelles und uraltes Thema in der Kunst, schon die Geschichte des Bildes ist, sagt der Kunsthistoriker Bernhard Fibich, eng mit der Idee des Festhaltens der Gesichtszüge Verstorbener verknüpft. Gezeigt wird in der Ausstellung aber auch die profane Wirklichkeit: reale Objekte der Bestattungsgeschichte wie beispielsweise Uniformen der Pompfüneberer – so werden die Bestatter noch heute gerne in Wien genannt – ein moderner Leichenwagen und eine Kutsche aus dem 19. Jahrhundert.

Überzeugendes Konzept

Die Absicht ist klar: Realität und Fiktion, Alltag und künstlerische Überhöhung sollen zusammenkommen. Das Konzept wirkt überzeugend – und doch berührt einen die Ausstellung kaum, was bei einem Thema, das sich immerhin einem Kardinalereignis widmet, schon etwas Ungewöhnliches ist.
Das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden zeigt im Augenblick die Ausstellung Six feet under. Die Autopsie unseres Umgangs mit Toten, und am Eingang wird gewarnt, dass Jugendliche unter 16 Jahren sie nicht allein betreten sollten. Und tatsächlich:
Diese Schau stellt einige künstle­rische Werke aus, die einem unter die Haut gehen können.

Brave Schau

Geradezu harmlos nimmt sich im Vergleich die Wiener Ausstellung aus. Nicht dass sie auch schockieren müsste, aber irgendeine Absicht müsste erkennbar sein. Sie könnte informativ, aufklärend, ironisierend, provokativ oder sonst etwas sein. Nichts von alledem, sie ist nicht mehr als eine lose Ansammlung verschiedener Objekte, eine im schlechten Sinne einfach nur brave Schau. Vielleicht liegt das daran, dass die Bestattung Wien, die in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen feiert, Kooperationspartner ist. Und sie wollte sich wohl als solides Unternehmen präsentieren. Im wirklichen Leben, im Trauerfall, ist das richtig, aber wer eine Ausstellung macht, sollte auch ein Anliegen mitbringen. Und das ist hier nicht erkennbar. Man erfährt im Übrigen auch nicht, worauf der Konnex von Wien und Tod beruht. Immerhin können Kinder und Jugendliche ohne Bedenken die Ausstellung besuchen.

Exitus. Tod alltäglich
Bis 6. Jänner 2008
Das Künstlerhaus präsentiert die Ausstellung in Kooperation mit der Bestattung Wien anlässlich ihres 100-jährigen Bestehens.
Künstlerhaus, Karlsplatz 5,
1010 Wien
Täglich 10-18 Uhr
Donnerstag bis 21 Uhr

Six Feet Under
Bis 30. März 2008
Wie Künstler mit dem Thema Tod umgehen, zeigt das Dresdner Hygiene-Museum in einer aktuellen Ausstellung, die sich zu großen Teilen aus einer Schau des Kunstmuseums Bern zusammensetzt. Untertitel: „Autopsie unseres Umgangs mit den Toten“.
Deutsches Hygiene Museum
Lingnerplatz 1, D-01069 Dresden
Dienstag bis Sonntag, Feiertage:
10 bis 18 Uhr

Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 44/2007

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben