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Allgemeinmedizin 28. Juni 2007

Das Museum in der ehemaligen Kinderstation

Recht versteckt liegt das im letzten Jahr eröffnete Art/Brut Center Gugging, am Rande des Wienerwalds, inmitten von Feldern, dort, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen.

Ein ungewöhnlicher Ort für ein ungewöhnliches Museum: Es beherbergt die Kunst der Psychiatrie-Patienten von nebenan, vom „Haus der Künstler“. Eine Kunst, die durch ihre Unmittelbarkeit und Unverfälschtheit auffällt und für die der französische Maler Jean Dubuffet den Begriff „art brut“ prägte. Im Art/Brut Center Gugging sind unter anderem Werke von Franz Kramlander ausgestellt. Der Künstler kannte eigentlich nur ein Motiv: die Kuh. Er malte sie in poppigen Farben und immer als stolze, hochbeinige Wesen. Kramlander datierte seine Werke nicht, signierte sie aber immer: mit drei Wellenlinien. Auf der Wandtafel steht zu lesen, dass der Künstler gehörlos und lernbehindert war und auf einem Bauernhof aufwuchs. Die Kuh kann als Erinnerung an seine Kindheit auf dem Land gedeutet werden. Die biografische Angabe ist ein Ausnahmefall. Seit Dr. Johann Freilacher, Psychiater und Bildhauer, vor rund 20 Jahren die Betreuung der Psychiatrie-Patienten von seinem Vorgänger Leo Navratil übernommen hat, lautet die neue Leitlinie, die Krankengeschichten der Patienten nicht mehr öffentlich zu machen. Einmal aus Gründen der ärztlichen Schweigepflicht und zum anderen auch, um von dem einengenden, teils auch diskreditierenden Etikett der „Psychiatriekunst“ wegzukommen. Die Menschen hier sollen nicht als Patienten, sondern in erster Linie als Künstler wahrgenommen werden. Eine der ersten Handlungen von Freilacher war denn auch, dass er 1986 das vormalige „Zentrum für Kunst-Psychotherapie“ in „Haus der Künstler“ umbenannte. Das heutige Museum mit angeschlossener Galerie war einmal eine Kinderstation, der Umbau dauerte über viereinhalb Jahre. Das Haus markiert den vorläufigen Höhepunkt eines Projekts, das in den 1960er Jahren begonnen wurde. Am Anfang stand die kunsttherapeutische Arbeit. Darauf folgte die Entdeckung der außergewöhnlichen Formensprache dieser Künstler, mit ersten Ausstellungen in den 1970er Jahren. Und inzwischen sind die Gugginger Künstler auf dem Kunstmarkt etabliert, das zeigt schon die regelmäßige Teilnahme bei der Kunstmesse in New York.

Eigene Rechtskonstruktion

Der Sinn dieses Museums- und Galerieprojekts liegt nicht zuletzt darin, wie die Sozialarbeiterin und Kuratorin Mag. Nina Katschnig erklärt, die Gugginger Künstler an den Einnahmen zu beteiligen und ihnen so ein würdevolles Leben zu ermöglichen: „In anderen Kliniken haben die Psychiatrie-Patienten am Ende des Monats oft nicht einmal mehr ausreichend Geld, um sich Zigaretten kaufen zu können. Unsere Patienten können sich auch einen Urlaub leisten, und manche zahlen ganz normal Steuern.“ Dazu war es notwendig, eine eigene Rechtskonstruktion auf die Beine zu stellen, was sich angesichts der besonderen Schwierigkeiten (Sachwalterschaft, Pflegschaftsgericht) über mehrere Jahre hinzog. Heute ist diese Psychiatrie-Institution autonom, die Ablösung von der Klinik erfolgte im Jahr 2000. Produktion und Distribution der Kunst liegt nun bloß einen Katzensprung voneinander entfernt.

Den Flur auf und ab

Elf Patienten wohnen momentan im „Haus der Künstler“, betreut von fünf Pflegern. Der Tagesablauf ist mit festen Zeiten für Frühstück, Mittagessen und Abendbrot vorgegeben. Wann sich jeder Einzelne seiner künstlerischen Arbeit zuwendet, ist ihm überlassen. Manche tun das tagsüber, andere in der Nacht. Johann Garber hat sein eigenes Zimmer als eine Art Ausstellungsraum eingerichtet, das er dem Besucher gerne zeigt. 240 Werke hängen an den Wänden. Josef Schmelzer sitzt wie so oft am Ende des Flurs in einem Sessel und beobachtet das Geschehen. Und Heinrich Reisenbauer geht mal wieder den Flur auf und ab. Das „Haus der Künstler“ ist eine offene Institution, Wohn- und Arbeitsplatz zugleich. Die Bewohner können sich frei bewegen, zum Arbeiten auch hinüber ins Museum gehen, wo Atelierräume eingerichtet sind. Derzeit sind noch ringsum die Häuser des Donauklinikums (vormals Landesnervenklinik Gugging), doch die sollen demnächst abgerissen werden, entstehen wird hier die „University of Excellence“. Dann wird der Konnex zu Krankheit und Behinderung noch weniger bestehen.

Art/Brut Center Gugging, Hauptstr. 2, 3400 Maria Gugging,
Sommerzeit: Di-So 10-18 Uhr,
Winterzeit: Di-So 10-17 Uhr.

Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 26/2007

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