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Allgemeinmedizin 20. Juni 2007

Mit Gehstock und Oxygenator

Ob mit Diabetes oder Herzinsuffizienz, Prostatahypertrophie oder künstlicher Hüfte – das Reisen lassen sich die Senioren nicht vermiesen. Um Zwischenfälle zu vermeiden, muss der Arzt schon im Vorfeld an einiges denken. Die Checkliste ist äußerst individuell und reicht vom Reise-Training über die Fußinspektion bis zum Endoprothese-Attest.

 Koffer
Senioren brauchen zuweilen besondere Reisevorbereitungen.

Foto: Buenos Dias/photos.com (4)

Bereits jetzt stellen die über 60-Jährigen 29 Prozent aller Reisenden in Mitteleuropa, und diese Zahl wird sicher noch anwachsen. Gleichzeitig finden sich in dieser Altersgruppe neben physiologischen Altersveränderungen auch gehäuft chronische Erkrankungen, z. B. Diabetes mellitus (zehn bis 25 Prozent), KHK (0,7 bis 5,1 Prozent Männer, 0,2 bis 4,4 Prozent Frauen), chronische Rückenschmerzen (20 bis 22 Prozent), Arthrosebeschwerden (52 bis 60 Prozent) sowie psychische/psychiatrische Diagnosen (ca. 30 Prozent).

Reisemedizinische Beratung

Aus der Beratungspraxis heraus scheinen – wenn überhaupt – nur schwer wiegende Erkrankungen Senioren vom Reisen abzuhalten. Die altersphysiologischen Veränderungen und Krankheiten müssen somit Teil der reisemedizinischen Beratung sein. Nachfolgend sind die wichtigsten reisemedizinisch relevanten Veränderungen mit entsprechenden Empfehlungen aufgeführt:

• Verringerte kognitive Adaptationsbreite mit Folgen wie Gang­unsicherheit, Angst, Desorientierung.
=> Kulturell adaptierte Reiseziele, bekannte Begleitpersonen.
• Verringerte Melatoninproduk­tion.
=> Reisen in nord-südlicher Richtung sind günstiger als in Ost-West-Richtung. Gegebenenfalls Zeitzonenadaptation vorwegnehmen (z. B. vorschlafen).
• Presbyopie, Linsentrübung, Gesichtsfeldeinschränkung.
=> Sonnenbrille gegen Lichtempfindlichkeit, äquatorferne Ziele, Abend-/Nachtausflüge meiden.
• Reduziertes Durstgefühl.
=> Trinkmenge überwachen, Harnfarbe als Orientierung, gegebenenfalls RR-Medikation reduzieren, um Blutdruckabfall mit Sturzgefahr zu vermeiden.
• Muskelfaserreduktion.
=> Reise-Training („Fit to Travel“).
• Dünnere Haut, geringere Schweißproduktion/Thermo­adaptation.
=> Hautpflege vor und während der Reise, um Infektanfälligkeit zu vermindern; Fußpflege, eingetragene Schuhe, Desinfektion von Bagatellwunden, physikalischer Sonnenschutz.
• O2-Verbrauch bei Belastung erhöht, kompensatorischer Frequenzanstieg der Atmung vermindert.
=> Frühzeitig einchecken, Trinkmenge monitoren, adäquate körperliche Belastung, gegebenenfalls RR-Medikation anpassen.
• Lungenvitalkapazität und maximale O2-Aufnahme bis zu 40 Prozent reduziert, Zilienfunktion vermindert.
=> Wegen erhöhter Infektanfälligkeit Pneumokokken- und Influenzaimpfung, Atemtraining.
• Nephronanzahl, glomeruläre Filtration, tubuläre Exkretion vermindert.
=> Trinkmenge monitoren (Harnfarbe!), gegebenenfalls Medikation korrigieren.
• Prostatahypertrophie/Descensus uteri.
=> Medikation optimieren, Beckenbodentraining, Toilettenintervalle erfragen.
• Gastritisneigung, verringerte Magenmotilität, reduzierte Säurebarriere, verminderte Darmmotilität.
=> Mehrere kleine, leichte Mahlzeiten, lokales Obst und Gemüse als Ballaststoffe.
• Verminderte T-Zell-Aktivität.
=> Impfungen, Antibiose bei akuter Leistungsminderung.

Bei einem Flugkabinendruck entsprechend einer Höhe von 1.600–2.300 m dehnen sich Gase um ca. 40 Prozent aus, die O2-Sättigung sinkt auf 93 Prozent (–5 Prozent). Daraus resultiert eine Begrenzung für Reisende mit nicht luftkommunikablen Körperhöhlen (z. B. chronische NNHAffektion, Otitis media, Roemheld-Syndrom, kurz zurückliegender abdomineller/laparoskopischer Eingriff) sowie mit Erkrankungen mit grenzwertiger O2-Versorgung (z.B. Herzinsuffizienz NYHA III–IV, schwere COPD/intrinsic Asthma bronchiale).
Bei O2-Bedarf kann nach Anmeldung auf einem MEDA-Formular im Reisebüro und Beurteilung durch einen Arzt der Fluglinie kostenpflichtig ein Sauerstoffoxygenator zur Verfügung gestellt werden. Gehbehinderte können auf gleiche Weise ein „Handicapped Ticket“ beantragen, das ihnen einen Transport vom Counter zum und im Flugzeug (spezieller Rollstuhl) ermöglicht. Diabetiker, Lebensmittelallergiker und religiös orientierte Gäste können bei Buchung spezielle Speisen für den Flug bestellen. Psychisch Kranke dürfen nur unter strengen Kautelen mit Arztbegleitung fliegen.

Tropentauglichkeit prüfen

Nach IATA-Richtlinien sind Reisende mit für Mitreisende infektiösen Erkrankungen vom Flug auszuschließen (in der Praxis schwer umzusetzen). Die Tropentauglichkeit ist abhängig von der Zielregion. Feucht-heiße Regionen aggravieren pulmonale Vorerkrankungen, führen eher zu einer arteriellen RR-Senkung und über den Steal-Effekt zu einer akuten Koronarinsuffizienz. Bei Indikation zur Malariaprophylaxe sind Kontraindikationen und Wechselwirkungen zu beachten. Borderliner werden in den Tropen häufig auffällig.
Vorerkrankungen müssen aktiv, gegebenenfalls mit einem Anamnesebogen erfragt werden, da ihre Relevanz von Reisenden oft unterschätzt wird. Alle chronisch Kranken und Personen über 60 Jahren sollten laut Empfehlungen des Obersten Sanitätsrats influenza- und pneumokokkenimmunisiert sein. Der Influenzaimpfstoff für die Südhalbkugel kann sich von dem hiesigen unterscheiden. Kontraindikationen einiger Malariamedikamente beachten, z.B. psychische Anamnese, Herzrhythmusstörungen bei Mefloquin, Doxycyclin-/MCP-Medikation bei Malarone® u.a.
Reisende mit oder kurz nach immunsuppressiver Erkrankung oder Therapie bedürfen besonderer Aufmerksamkeit. Hierzu zählen u.a. aktive Leukosen, Lymphome, metastasierende Malignome, aplastische Anämien, Organ-/Knochenmarkstransplantationen, Personen während und drei Monate nach Radiatio/Zytostase sowie vier Wochen nach größeren Operationen, symptomatische HIV-Erkrankung, CD4-Zellzahl < 500, azathioprin-/methotrexatbehandelte Rheumatiker/Colitis-ulcerosa-Patienten. Primär müssen hier die Reisedestination, das zu erwartende Risiko einer Verschlechterung der Grunderkrankung und das Infektionsrisiko diskutiert werden.

Besser risikoarm

Nur selten gelingt es, Reisenden ein risikoärmeres Ziel (z.B. Europa, Nordamerika, Australien, Südafrika) nahezubringen. Malariaregionen und Regionen mit erhöhter Enteritisinzidenz (z.B. Indien) sollten gemieden werden. Totimpfungen sind grundsätzlich auch bei Immunsuppression möglich. Der Impferfolg ist abhängig von der alters- und erkrankungsbedingten Immunresponse; serologische Kontrollen erscheinen in Einzelfällen sinnvoll. Absolute Kontraindikationen für Lebend­impfungen sind:

• metastasierendes Malignom,
• < 4 Wochen nach OP (Höhleneingriff),
• < 3 Monate nach Zytostase/Radiatio,
• < 2 Jahre nach Knochenmarks­transplantation,
• symptomatische HIV-Erkrankung (CD4 < 200),
• aktive Leukose,
• aplastische Anämie,
• akute Encephalomyelitis disseminata,
• < 6 Wochen nach MS-Schub. Als relative Kontraindikationen gelten die Einnahme von Low-Dose-Methotrexat oder TNF-Blocker sowie eine asymptomatische HIV-Erkrankung mit CD4-Zellzahlen zwischen 200 und 500.

 Vier Tipps für die gute Reise

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