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Allgemeinmedizin 5. Dezember 2007

Patient? Klient? Konsument?

Das Angebot an Gesundheits­informationen ist – schon durch das Internet – unübersehbar geworden. Die Player im Gesundheitssystem sind auch für verständliche und leicht nachvollziehbare Informationen für die Patienten verantwortlich.

„Nur wer die angebotene Information versteht, ist auch in der Lage, Dienstleistungen des Gesundheitssystems in Anspruch zu nehmen und informierte Entscheidungen zu treffen“, hielt die deutsche Sozialmedizinerin Prof. Dr. Marie-Luise Dierks in einem Vortrag anlässlich der Tagung Konsumentenschutz im Gesundheitswesen am 16. November in Wien fest.
„Österreich hat zwar eines der besten Gesundheitssysteme der Welt, in Bezug auf Konsumentenschutz ist das Land aber beinahe noch ein weißer Fleck auf der Landkarte“, hielt Hauptverbandsvorsitzender Dr. Erich Laminger im Rahmen der Veranstaltung der SV-Wissenschaft in Wien fest. Der immer stärker werdende Wettbewerb im Gesundheitswesen, die Zunahme an Patienten mit chronischen Erkrankungen sowie die Demokratisierung des Gesundheitssystems mit immer mündiger werdenden Patienten schreibt dem Konsumentenschutz im Gesundheitssystem einen immer wichtigeren Stellenwert zu.
In Österreich herrscht – etwa im Gegensatz zu Deutschland – Pflichtversicherung. Eine Wahlmöglichkeit, bei welcher Versicherung jemand seine Krankenversicherung abschließt, gibt es hier nicht. Ganz im Gegensatz zu Deutschland, wo ein intensiver Wettbewerb zwischen den verschiedenen Krankenkassen herrscht. „Die Kassen müssen sich anstrengen, um ihre Versicherten zu halten“, berichtete Heike Wöllenstein, Mitarbeiterin des AOK-(Allgemeine Orts Krankenkasse)-Bundesverbandes in Deutschland. „Kassen und Leistungserbringer müssen patientenorientierte und qualifizierte Angebote unterbreiten.“ Das Thema Konsumentenschutz in einem wettbewerbsorientierten Gesundheitssystem ist laut Wöllenstein in einem solchen Umfeld unbedingt notwendig, um Transparenz im Gesundheitsmarkt herzustellen: „Kassen informieren daher nicht nur über Sozialleistungen und privat angebotene Leistungen in der Arztpraxis, sondern beraten ihre Versicherten auch zu Behandlungsfehlern und bieten Präventionsprogramme an“, so Wöllenstein.

Ein Patient ist ein Patient ist ein Patient

Die „Patientencharta“ schützt die Rechte von Patienten in Österreich. Sie regelt unter anderem das Beschwerdemanagement – „da ist Österreich im internationalen Vergleich sehr gut aufgestellt“, wie der Sprecher der Patientenanwälte Dr. Gerald Bachinger festhielt. Er vermisst allerdings umfassende und transparente Qualitätsdaten, etwa im Hinblick auf die Eingriffshäufigkeit bestimmter Krankenhäuser sowie eine unvoreingenommene Beratung über Gesundheitseinrichtungen.
„Der mündige Patient soll sich an diesen Qualitätsdaten orientieren können“, so der Patientenanwalt. Ein „Konsument“ ist der Patient für Bachinger nur in kleinen Teilbereichen, etwa bei der Hotelkomponente im Krankenhaus. Ansonsten besteht „ein Abhängigkeitsverhältnis des Patienten vom Gesundheitssystem“ mit begrenzten Auswahlmöglichkeiten.
International besteht mittlerweile eine ganze Reihe von Beispielen, wie Konsumentenschutz im Gesundheitssystem durchführbar ist. „Große Gesundheitsportale wie medlineplus.gov in den USA oder www.sundhed.dk in Dänemark tragen wesentlich zum Konsumentenschutz im Gesundheitswesen bei“, berichtete Dr. Thomas Czypionka vom Institut für Höhere Studien. „Diese Portale ermöglichen es dem Patienten, sich multimedial und interaktiv über Erkrankungen, Diagnostik und Therapie zu informieren.“ Wesentlich für die Nutzung derartiger Angebote ist allerdings die Förderung der Gesundheitskompetenz der Nutzer.
In Österreich hat das Minimed-Studium versucht, einen ähnlichen Weg zu gehen wie die Patienten­universität an der Medizinischen Hochschule Hannover. Freilich mögen Zweifel an der Objektivität aufkommen, wenn Pharma­unternehmen einzelne Abende des Studiums finanziell unterstützen, wie der Website www.minimed.at zu entnehmen ist. Dies zeigt einmal mehr, wie wichtig unabhängige, transparente und leicht zugängliche Information über das Gesundheitswesen für Patienten ist: „Vorerst ist der mündige Patient eine Chimäre“, hielt Dr. Harald Glatz, Leiter der Abteilung für Konsumentenschutz in der Arbeiterkammer fest. „Wir müssen übersichtliche Strukturen entwickeln, um den Patientinnen und Patienten sachlich richtige, objektive und nachvollziehbare Informationen aus dem Gesundheitssystem zur Verfügung zu stellen.“
Eine Aufgabe, der sich der Hauptverband der Österreichischen Sozialversicherungsträger in Zukunft intensiver widmen will, wie Dr. Josef Probst, Generaldirektor-Stellvertreter, abschließend festhielt: „Der Hauptverband startet 2008 mit der Umsetzung des Themas Konsumentenschutz. Ein erster Schritt dabei ist eine Kooperation mit dem Verein für Konsumenteninformation, künftig wird sich die Sozialversicherung verstärkt den Themen Behandlungsfehlermanagement und Patienten- bzw. Konsumenteninformation widmen.“

Sabine Fisch, Ärzte Woche 49/2007

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