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Allgemeinmedizin 10. Jänner 2008

Fleiß, Ausdauer, Gewissenhaftigkeit (Teil 1)

Mit dieser Ausgabe beginnt die Ärzte Woche mit einer Serie, die Frauen in der Medizin, vorwiegend solche in Führungspositionen, vor den Vorhang holt. In Interviews berichten sie über ihren Karriereweg, Erfolge und Hindernisse. Im ersten Teil der Serie stellen wir die historischen Vorbilder der heute tätigen Ärztinnen vor.

 Frauen

Erst seit dem Jahr 1900 dürfen Frauen in Österreich Medizin studieren. Die erste österreichische Ärztin Dr. Gabriele Possanner von Ehrenthal musste ihr Medizinstudium in Zürich absolvieren und sämtliche Rigorosen in Österreich nochmals wiederholen, bevor ihr der Titel Dr. med. univ. zugestanden wurde. Seither hat sich viel geändert in der Medizin – freilich: Die Führungspositionen sind zum überwiegenden Teil nach wie vor fest in männlicher Hand.
Gabriele Possanner von Ehrenthal, an deren Ordination heute eine Gedenktafel in der Alserstraße 26 im neunten Wiener Gemeindebezirk erinnert, musste heutzutage unglaublich scheinende Hürden überwinden, um das zu tun, was sie als ihre Berufung ansah: als Ärztin zu arbeiten. Sie legte zweimal die Matura ab (einmal in Österreich, einmal in der Schweiz) und musste als in der Schweiz promovierte Medizinerin in Österreich noch einmal 21 Prüfungen bestehen, bevor sie sich in Wien als praktische Ärztin niederlassen konnte. Mit 68 Jahren erhielt Possanner von Ehrenthal als erste österreichische Frau den Titel Medizinalrat. „Ihrer Hartnäckigkeit ist es zu verdanken, dass das Medizinstudium ab 1900 für Frauen geöffnet wurde“, berichtet die Medizinhistorikerin und Ärztin Dr. Ingrid Arias vom Institut für Medizingeschichte in Wien.

Zäher Anfang

Im Jahr 1910 waren im gesam­ten Gebiet der Donaumonarchie 80 Ärztinnen, die in Österreich studiert hatten, tätig. In Wien arbeiteten davon 39. Bereits am 1. September 1903 hatte die erste Kassenärztin ihre Arbeit aufgenommen: Dr. Frederika Lubinger praktizierte als Ärztin für die Arbeiterinnen der Allgemeinen Arbeiter Kranken- und Unterstützungskasse in Wien. Bis 1912 stieg die Zahl der Kassenärztinnen dieser Versicherung auf ganze fünf. Die Mehrheit der zu dieser Zeit praktizierenden Ärztinnen arbeitete als niedergelassene Praktikerin. Bis 1929 stieg die Zahl der Ärztinnen auf 477, auch Fachärztinnen waren darunter. Besonders viele arbeite­ten übrigens als Zahnärztin (72). Eine einheitliche Ausbildungsordnung, die zum Führen eines Facharzttitels berechtigte, bestand übrigens in Österreich bis nach dem Zweiten Weltkrieg nicht. Mit der nationalsozialistischen Machtergreifung wurde 1938 in Österreich die deutsche Reichsärzteordnung übernommen. Erst das österreichische Ärztegesetz vom 30. März 1949 schrieb eine Facharztausbildung vor und die dazu notwendigen Fertigkeiten fest.

Unikarriere unmöglich

Bis zu Beginn der Nazidiktatur durfte sich jede Ärztin und jeder Arzt als Fachärztin bzw. Facharzt bezeichnen, wenn sie oder er sich dazu berechtigt und ausgebildet fühlte. Dies tat auch die erste Gynäkologin, die die Annalen der Medizingeschichte Österreichs verzeichnet. Ihr Name war Dr. Dora Teleky. Die Arzttochter promovierte 1904 an der Alma mater Rudolphina und absolvierte ihre Facharztausbildung an der 1. Chirurgischen Klinik am Wiener Allgemeinen Krankenhaus unter Anton Eiselsberg sowie an der II. Frauenklinik. Sie wählte das Spezialgebiet Urogynäkologie und arbeitete intensiv wissenschaftlich. Habilitieren konnte sie sich allerdings nicht, auch wenn dies zeitlebens ihr Wunsch gewesen war. Die Medizinhistorikerin Dr. Ingrid Arias: „Sie hat wissenschaftlich gearbeitet und zahlreiche Publikationen in wissenschaftlichen Journalen veröffentlicht. Allerdings wäre es in den frühen 20er Jahren für eine Frau undenkbar gewesen, sich zu habilitieren. Teleky musste 1938 vor den Nazis fliehen und emigrierte, gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Physiologen Prof. Dr. Ernst Theodor von Brücke, nach Boston in die USA, wo sie bis zu ihrer Pensionierung als Frauenärztin arbeitete.“

Zurück in die Zukunft?

Übrigens scheint es auch heute noch ziemlich schwierig zu sein, im Fach Frauenheilkunde in eine Führungsposition zu gelangen: Derzeit sind zwar in ganz Österreich genau 1.515 Fachärzte für Gynäkologie tätig. 485 davon sind Frauen, also rund ein Drittel. Trotzdem werden immer noch sämtliche Universitätskliniken für Frauenheilkunde und Geburtshilfe von Männern geführt. Abteilungen an Krankenhäusern werden ebenfalls praktisch zu 100 Prozent von männlichen Frauenärzten geleitet. Zwei Ausnahmen gibt es immerhin seit dem Vorjahr: So steht die Gynäko-Onkologin Prof. Dr. Teresa Wagner seit Juni 2007 als Primaria der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe am Kaiser Franz Josef Spital in Wien vor. Den zweiten Chefinnensessel für Frauenheilkunde und Geburtshilfe nimmt seit kurzem Prof. Dr. Petra Kohlberger als ärztliche Leiterin der Semmelweisklinik ein.

 Ärztinnen und Ärzte in Österreich

Bastion eingenommen

Als ein Vorbild der heute agierenden weiblichen Abteilungsvorstände kann Prof. Dr. Helene Wastl gelten, die es als erste Frau in Österreich schaffte, sich in der Medizin, und zwar im Fach Physiologie, zu habilitieren. Ihr Mentor war übrigens Dora Telekys Ehemann: Prof. Dr. Ernst Theodor von Brücke. Er ermöglichte es der engagierten Medizinerin, ihre ersten wissenschaftlichen Arbeiten zu veröffentlichen. Wastl galt als strebsam und gewissenhaft. Sie entsprach ganz und gar dem Bild der Medizinstudentin, das der Wiener Pathologe Prof. Dr. Rudolf Maresch in der Festschrift zum 30-jährigen Jubiläum des Hochschulzugangs für Frauen so charakterisierte: „Die geistige Reife, die Frauen häufig rascher erlangen, erleichtert ihnen das Eindringen in das ernste Wissensgebiet, und Fleiß, Ausdauer, Gewissenhaftigkeit, die ernsten Frauen in hohem Maße eignen, bringen es mit sich, dass uns die Erscheinung der ‚verbummelten’ Studentin unbekannt geblieben ist.“
Trotzdem dauerte es zwei Jahre, bis Wastl die Venia legendi zugestanden wurde, wie die Medizinhistorikerin und Ärztin Doz. DDr. Sonia Horn sagt: „Sie reichte 1928 um die Venia legendi ein, verliehen wird sie ihr erst im Jänner 1930. Der Entscheidungsprozess dauerte somit fast zwei Jahre.“ Der Habilitation zur außerordentlichen Professorin für Physiologie waren Studienaufenthalte in Graz (1923) und Cambridge (1924) vorausgegangen. Neben ihrer Tätigkeit als Physiologin war Helene Wastl Delegierte der Hygienesektion des Völkerbundes. 1931 wurde sie an die Lehrkanzel für Physiologie ans Women‘s Medical College Philadelphia berufen, die sie 1936 verließ, um an die Cornell University zu wechseln. Einmal noch kehrte Helene Wastl nach Österreich zurück. Sie heiratete den Physiologen Dr. Franz Lippay und setzte danach ihre Lehrtätigkeit an der Cornell University fort. In der Nazizeit wurden ihr Doktortitel und Habilitation aberkannt. Danach verliert sich ihre Spur.

Viel verändert?

Mittlerweile studieren mehr Frauen als Männer Medizin. 57,6 Prozent der Turnusärzte sind weiblich, bei den Allgemeinmedizinern beträgt der Frauenanteil 48,6 Prozent und 30,4 Prozent aller Fachärzte in Österreich sind Frauen (siehe Kasten). Führungspositionen für Frauen bleiben allerdings dünn gesät. Das zeigt der Anteil an ordentlichen Professorinnen der medizinischen Universitäten in Österreich: Er liegt nach wie vor bei nur zehn Prozent.*

Zahlen und Informationen aus
Birgit Bolognese-Leuchtenmüller, Sonia Horn (Hrsg.): Töchter des Hippokrates. 100 Jahre akademische Ärztinnen in Österreich. Verlag der Österreichischen Ärztekammer 2000
Sonia Horn, Ingrid Arias (Hrsg.): Sozialgeschichte der Medizin – Medizinerinnen. Wiener Gespräche,Band 3. Verlagshaus der Ärzte 2003
Stand FachärztInnen für Gynäkologie Österreich – Zahlen von der Ärztekammer Österreich

* Quelle: Medizinische Universität Innsbruck http://www.i-med.ac.at/gleichstellung/mentoring/ausgangslage.html

Sabine Fisch, Ärzte Woche 1/2008

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