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Allgemeinmedizin 5. Juni 2007

Wiener Hitzekessel forderte Tote

Forscher wollen nun die Zahl derer festgestellt haben, die im Sommer 2003 an den Folgen der Hitze gestorben sind. Laut Studie steigt die Mortalität bei brütender Hitze um den Faktor 1,13.

„Im letzten Sommer starben 200 Menschen an der übergroßen Hitze“ – eine Aussage, die häufig von den Medien transportiert wird. Dem kritischen Leser drängt sich freilich die Frage auf, wie diese als harte Fakten verkaufte Beurteilung ermittelt wird. Vor allem der Tod älterer Menschen ist schwierig zu kategorisieren. War es Herzversagen, Multiorganversagen oder wirklich die Hitze, die letztendlich das Sterben einleitete?
Diese spannende Frage könnte sich in diesem Jahr wieder stellen, denn Meteorelogen prophezeien erneut einen heißen Sommer. Zur Beantwortung lohnt ein Blick ins „Hitzejahr 2003“. Damals starben allein in Wien zumindest 130 Menschen an den Folgen der überdurchschnittlich hohen Temperaturen. Zu dieser Feststellung kommen zumindest die Wissenschafter der Medizinischen Universität Wien, die ihre Erkenntnisse in der aktuellen „Wiener Klinischen Wochenschrift“ publizierten. Die Daten zur täglichen Mortalität in Wien wurden von Statistik Austria, von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik zur Verfügung gestellt.
Statistiker erfassten europaweit 2003 eine erkleckliche Anzahl an „Hitzetoten“. Freilich brachten die unterschiedlichen Rechenmodelle gröbere Differenz hervor. So errechneten die Fachleute in Frankreich rund 5.000, aber im bevölkerungsschwächeren Italien 20.000 Tote.

44 Hitzetage im Rekordsommer

Ein Team um den Facharzt für Hygiene und Mikrobiologie Dipl.-Ing. Dr. Hans-Peter Hutter vom Institut für Umwelthygiene der Universität Wien stellte zunächst die harten Fakten fest: In den letzten 35 Jahren stiegen in Wien die durchschnittlichen Temperaturen in den Sommermonaten Mai bis September um über 1,7 Grad Celsius. Im Jahr 2003 konnte eine Vermehrung der Hitzetage auf insgesamt 44 (1998: 18, 1999: 3, 2000: 13, 2001: 9, 2002: 12, 2003: 44, 2004: 4) festgestellt werden. Die erhöhten Durchschnittstemperaturen waren deutlich mit einer erhöhten Anzahl von Todesfällen assoziiert.
Unter den Toten, die der Hitze zugeschrieben wurden, fanden sich häufiger Frauen und (erwartungsgemäß) signifikant mehr ältere Menschen über 65 Jahre. Insgesamt konnte aber eine höhere Mortalität in allen Altersgruppen beobachtet werden. Bemerkenswert war das um den Faktor 1,55 erhöhte Sterberisiko von männlichen Säuglingen. Aufgrund der geringen Zahl konnte daraus aber keine statistische Signifikanz abgeleitet werden.
Insgesamt konnten die meisten der rund 180 Toten nicht dem so genannten Harvesting-Effekt zugeordnet werden. Der Fachbegriff bezeichnet Fälle von multimorbiden, kurz vor ihrem Tod stehenden Menschen, deren Ableben nur beschleunigt wird. Zwischen 1998 und 2004 erfassten die Studien­autoren an Tagen mit brütender Hitze ein deutlich gestiegenes relatives Mortalitätsrisiko von 1,13. Ein Faktor, den die Wiener Wissenschaftler auch auf die Berechnungen des Rekordjahres 2003 mit seinen wiederkehrenden Hitzeepisoden von über 30 Grad Celsius einfließen ließen.
Das Fazit der Autoren: „Auch wenn die Folgen der Hitzewellen nicht so ausgeprägt waren wie in Frankreich und Südwesteuropa, war in Wien im Sommer 2003 die tägliche Sterblichkeit erhöht. Zumindest 130 Todesfälle hätten in diesem Jahr durch prompte medizinische Hilfe und rechtzeitige Aufklärung der Risikogruppen zum Verhalten bei extremer Hitze verhindert werden können. Die Häufigkeit extremer Hitze-Episoden wird voraussichtlich als Folge der globalen Erwärmung zunehmen. Speziell auf die ältere Bevölkerung ausgerichtete Vorsorgeprogramme sind daher erforderlich.“

Wiener Klinische Wochenschrift (2007) 119/7–8: 223–227
DOI 10.1007/s00508-006-0742-7

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