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Allgemeinmedizin 22. Mai 2007

Bluttest für individuelle Therapien

Neue Untersuchungen aus Hannover brachten Erkenntnisse, die es möglich machen könnten, die Wahrscheinlichkeit von Nebenwirkungen vorherzusagen und so medikamentöse Therapien individuell zu planen.

Das Problem der unerwünschten Nebenwirkungen von Arzneimitteln hat in der Medizin einen besonderen Stellenwert. Es sind nicht nur die auftretenden körperlichen Schäden, die es zu berücksichtigen gilt, sondern ebenso das nachlassende Vertrauen des Patienten in die Kompetenz des Arztes und die schwindende Compliance.
Außerdem stehen Ärzte immer wieder vor der schwierigen Entscheidung, eine notwendige medikamentöse Therapie weiterzuführen, obwohl Nebenwirkungen in unterschiedlichem Ausmaß drohen, oder stattdessen die Arznei abzusetzen und eine Verschlimmerung der Krankheit zu riskieren.
Entscheidungen dieser Art könnten bald leichter werden, glaubt man den Erkenntnissen einer Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Christian Strassburg von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Der Internist erhielt im April auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin in Wiesbaden den mit 25.000 Euro dotierten Paul-Martini-Preis für seine Forschungen hinsichtlich einer genetischen Disposition und das individuelle Ansprechen auf eine medikamentöse Therapie.

Pharmazeutische Gießkanne

Arzneien haben einen festgelegten therapeutischen Bereich, in dem die erwünschte Durchschlagskraft gegenüber dem Risiko von Nebenwirkung überwiegt. Entgegen regelmäßig erhobenen Warnungen von Experten werden Medikamente in der Regel mit derselben Dosis für alle Patienten ohne Rücksicht auf Geschlecht, Alter oder anderen Prädispositionen angewandt. Der blinde Fleck gegenüber individuellen Faktoren provoziert auch bei korrekter Dosierung bei Patienten schwere unerwünschte Nebenwirkungen, die bislang nicht vorhersagbar waren.

Checkpoint Glukuronidierung

„Einen entscheidenden Einfluss auf die Nebenwirkungen eines Medikaments haben Stoffwechselwege, die zur Entgiftung und Entfernung von Wirkstoffen aus dem menschlichen Körper beitragen“, erklärte Strassburg in einer Aussendung der MHH. Einer dieser Ausscheidungsprozesse ist die Glukuronidierung. Dabei wird eine fettlösliche Substanz, die den Körper über Niere oder Galle nicht verlassen kann, so modifiziert, dass sie wasserlöslich ist. Danach kann sie über Harn und Leber ausgeschieden werden.
Entscheidende Angriffspunkte sind die mit Enzymen gespickten Kontaktflächen nach außen. Dazu zählen etwa Mund- und Darmschleimhaut oder die Lungenoberfläche. Wichtige Enzymsysteme befinden sich freilich auch in der Leber. Die individuelle Fähigkeit, Abfallstoffe über diese Wege zu entsorgen, sind allerdings variabel. „Der Schlüssel liegt in der genetischen Programmierung“, so Strassburg. „Die Erbanlagen entscheiden, ob ein Entgiftungsenzym in ausreichender Menge bzw. hinlänglicher Aktivität hergestellt wird.“

Gelbe Heimsuchung

Sein Team nahm verschiedene Varianten von Enzymgenen unter die Lupe, insbesondere die Gilbert-Meulengrachtschen Erkrankung, eine Erbkrankheit, die mit einer stressausgelösten temporären Gelbsucht assoziiert ist. Strassburg: „Bei dieser Krankheit ist die Verminderung eines Stoffwechselweges bereits im Erbgut festgelegt. Zu Komplikationen kommt es aber dann, wenn der Betroffene auf eine Therapie mit Medikamenten angewiesen ist.“
Träger der Gilbertschen Erkrankung zeigen insbesondere Veränderungen der Glukuronidierung, die an mehreren Stellen des Genoms festzumachen sind. Diese als Haplotypen bezeichneten Häufungen wurden immerhin bei 9,6 Prozent der deutschen Bevölkerung nachgewiesen. „Damit konnten wir zeigen, dass jeder zehnte Deutsche einen veränderten Stoffwechsel aufweist, der Ursache für Nebenwirkungen von Arzneimitteln sein kann“, verweist Strassburg auf die hohe Wahrscheinlichkeit, auf Betroffene zu stoßen. Das mag die schlechte Nachricht sein, die jedoch vom Professor relativiert wird: „Diese erblichen Risikofaktoren für Nebenwirkungen können bereits jetzt vor einer Therapie durch eine Blutanalyse bestimmt werden. Zukünftig können wir Gentests nutzen, um Therapien individuell einzusetzen und damit für die Patienten effizienter und sicherer zu machen.“

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