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Allgemeinmedizin 22. Mai 2007

„Schlafen Sie lange!“

Wie Schlafmangel unseren Organismus dazu bringt, die Fettreserven aufzustocken, ist noch nicht klar. Dass es aber einen direkten Zusammenhang gibt, wurde in zahlreichen Untersuchungen belegt. Den Hormonen Leptin und Ghrelin kommt eine zentrale Rolle zu.

Zu viel Pommes und Eis, zu langes Sitzen ohne Sport – auf diesen Verhaltensweisen liegt das Schwergewicht bei der Erklärung, wieso die Häufigkeit der Adipositas in den vergangenen Jahrzehnten so massiv zugenommen hat. Nun haben US-Wissenschaftler Hinweise gefunden, dass eine weitere, bisher nur vermutete Ursache zumindest ein gewisses Scherflein zur Leibesfülle beiträgt: Schlafmangel. Von diesem Ergebnis erhoffen sie sich neue Impulse für Prävention und Behandlung.

Doppelt so dick

Innerhalb von 30 Jahren hat sich in den westlichen Ländern der Anteil der Adipösen mehr als verdoppelt: von 15 auf über 30 Prozent. Parallel dazu machen immer mehr Menschen die Nacht zum Tage: So schliefen die US-Bürger 1960 durchschnittlich noch 8,5 Stunden pro Nacht, im Jahr 2000 aber weniger als sieben Stunden – abgehalten offenbar durch helle Beleuchtung, verschobene Arbeitszeiten und Unterhaltung wie Fernsehen und Internet. Für Europa gilt Ähnliches.
Studien mit Erwachsenen legten einen Einfluss der Schlafdauer auf das Gewicht zwar nahe, solide war der Beweis aber nicht. So war unklar, was Ursache und was Folge ist. Beispielsweise käme ja in Betracht, dass Menschen sich erst erhöhtes Gewicht anfuttern und dann wegen Folgekrankheiten wie Apnoe oder Arthritis schlecht und kurz schlafen.
Um den Zusammenhang deutlicher zu belegen, haben Dr. Sanjay R. Patel aus Cleveland im US-Bundesstaat Ohio und seine Kollegen Daten der Nurses’ Health Study ausgewertet (Am J Epidemiol 164, 2006, 947). Für diese Studie füllten knapp 70.000 Frauen mittleren Alters über einem Zeitraum von 16 Jahren acht Mal einen Fragebogen aus. Dabei machten sie auch Angaben zu Gewicht und Schlafdauer. Schon zu Beginn wogen die Frauen umso mehr, je weniger sie schliefen. Zum Beispiel hatten Frauen mit durchschnittlich fünf Stunden Nachtschlaf fast 2,5 Kilo mehr Speck auf den Hüften als die mit sieben Stunden.
Im Verlauf von zehn Jahren vergrößerten sich die Gewichtsunterschiede weiter: Die Frauen mit maximal fünf Stunden Schlaf nahmen zusätzlich 5,6 Kilo zu, die mit sieben Stunden aber bloß 4,9 Kilo. Diese Verknüpfung blieb selbst dann bestehen, wenn die Wissenschaftler Variablen wie Rauchen, Sport, Kalorienaufnahme oder Ausbildung heraus rechneten.

Zusammenhang bereits in der Kindheit ersichtlich

Bei Kindern ist der Zusammenhang zwischen verkürzter Schlafdauer und Übergewicht schon länger belegt. Wissenschaftler aus Bayern schienen in einer Studie mit fünf- bis sechsjährigen Kindern bewiesen zu haben, dass in der Gruppe mit weniger als zehn Stunden Schlaf 5,4 Prozent adipös waren, dagegen nur 2,1 Prozent derer, die wenigstens elfeinhalb Stunden schliefen (Int J Obes Relat Metab Disord 26, 2002, 710). Ebenso beeinflusste nach einer kanadischen Untersuchung die Schlafspanne das Körpergewicht der fünf- bis zehnjährigen Kinder stärker als Fernsehen, PC-Spiele oder Bewegung (Int J Obes 30, 2006, 1080).
Das Ergebnis scheint paradox: Eher wäre ja zu erwarten gewesen, dass Menschen, die wenig schlafen, mehr Kalorien verbrauchen und deshalb dünner sind. Warum dem nicht so ist, erklärt Patel mit einer gängigen Hypothese: Schlafmangel bringt den zirkadianen Rhythmus aus dem Takt, der Nahrungsaufnahme, Energieverbrauch, Stoffwechsel und Hormonhaushalt streng vorgibt.
Tatsächlich legte eine Studie mit 1.024 Teilnehmern dar, dass nach fünfstündigem Nachtschlaf der Spiegel des Sättigungshormons Leptin um 16 Prozent niedriger als nach achtstündigem Schlaf war. Die Konzentration des appetitanregenden Ghrelins wiederum lag bei den Kurzschläfern um 15 Prozent höher als bei den Langschläfern (PLoS Medicine 1, 2004, e62).

Nach kurzer Nacht sinkt vermutlich der Grundumsatz

Allerdings wächst der Speckgürtel bei Kurzschläfern offenbar nicht dadurch, dass sie mehr essen. Zumindest entdeckte Patel kein Bindeglied zwischen Schlafdauer und Kalorienaufnahme. Auch der Verdacht, dass Menschen, die wenig schlafen, sich nur gemächlich bewegen, weil sie müde sind, trifft Studien zufolge nicht zu (Sleep 27, 2004, 661). Des Rätsels Lösung liegt nach Ansicht der Wissenschaftlerin wahrscheinlich darin, dass ein Schlafdefizit den Grundumsatz durch Drosseln der Thermogenese erniedrigt. Doch auch wenn die Wechselbeziehungen noch nicht feststehen – schon jetzt können Kollegen ihren Patienten guten Gewissens wünschen: Schlafen Sie lange!

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