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Allgemeinmedizin 24. April 2007

Wenn Muslime zum Arzt gehen

Muslime sind wehleidig, essen kein Schweinefleisch, bringen die ganze Sippschaft mit ins Spital, wollen sich weder ausziehen noch untersuchen lassen und machen überhaupt jede Menge Probleme. Oder?

Gleich vorweg: Wer über „die Muslime“ spricht, sollte sich bewusst sein, dass er einer groben Verallgemeinerung unterliegt. So wie die Bandbreite der Christen vom Taufscheinchrist bis zum Opus Dei-Mitglied und von liberalen Freikirchen bis zu den Zeugen Jehovas reicht, so ist auch die Palette des Islams und der Muslime enorm gefächert. Oft liegen die Probleme eher in kulturellen als in religiösen Differenzen. In vielen Ländern Asiens, Afrikas und teilweise auch in der Türkei wird etwa ein klares „Nein“ als sehr unhöflich angesehen – unabhängig von der Religion. Daher wird ausweichend geantwortet oder sogar zugesagt und nicht eingehalten, da das für einige immer noch höflicher ist als das bei uns gängige Ablehnen oder Absagen. Wenn das Bekenntnis zum Islam für ein Problem sorgt, dann handelt es sich zumeist um strenggläubige oder zumindest praktizierende Muslime. Schlüssel zur Kommunikation ist – wie allgemein üblich –, die Patienten als Menschen wahrzunehmen und zu respektieren sowie Missverständnisse nicht sogleich persönlich zu nehmen. Damit lösen sich viele Probleme wie von selbst. Wenn etwa eine ausgestreckte Hand nicht genommen wird, so ist das nicht unbedingt ein Ausdruck der Ablehnung. Im gesamten asiatischen und auch im arabischen Raum ist unser Händeschütteln kein unbedingt üblicher Ritus. Auch strenggläubige Hindus fürchten etwa, sich dadurch zu verunreinigen. Umgekehrt wird etwa der bei Arabern unter Männern übliche Begrüßungskuss auf die Wange von hiesigen Geschlechtsgenossen bestenfalls mit Befremden wahrgenommen, wenn nicht sogar rundweg abgelehnt. Die größte Gruppe unter den in Österreich lebenden Muslime ist jene mit türkischer Staatsbürgerschaft (123.000), gefolgt von den Österreichern, Bosniern (64.628), Jugoslawen (21.594), Mazedoniern (10.969) und Iranern (3.774). Die meisten arabischen Muslime kommen aus Ägypten (3.541) und Tunesien (1.065). Gerade Türken und (Ex-)Jugoslawen sind aufgrund ihrer Kultur den Österreichern weniger fremd. Diese Staaten sind auch schon seit langem laizistische Staaten, in denen Religion in der Gesellschaft keine übermächtige Rolle spielt.

Praxis im Brunnenviertel

Dr. Irene Lachawitz, praktische Ärztin im 16. Wiener Bezirk (einem Bezirk mit einem hohen Anteil an türkischen Familien), hat in ihrer Praxis nur ein Problem: Während des Fastenmonats Ramadan, in dem das Essen und Trinken von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang verboten ist, wollen relativ viele Patienten untertags keine Medikamente nehmen, da dies als Fastenbrechen gewertet werden könnte. Zwar sieht der Koran Ausnahmen vom Fasten für Kranke, Stillende und Schwangere vor, doch vor allem bei chronischen Krankheiten fühlen sich die Gläubigen häufig selbst nicht von der Pflicht entbunden. Ein Ausweg könnte eine ein- oder zweimal tägliche Medikation sein, die dann – dem Glaubensgebot gehorchend – vor bzw. nach Sonnenuntergang eingenommen werden kann.

Du sollst deinen Körper ehren

Hier wird der gläubige Moslem gemeinsam mit dem Arzt abwägen müssen, ob das Fastengebot wichtiger ist als die Gefahr, dem Körper zu schaden. Da im Islam der Körper des Menschen quasi eine Leihgabe Gottes ist, hat der Mensch auch die Pflicht, für seinen Körper zu sorgen und Schaden von ihm fernzuhalten. Ein Hinweis darauf kann die Compliance erhöhen. In der Literatur wird das ausgeprägte Schamgefühl in islamischen Kulturen als Problem angeführt. Lachawitz kann das aus ihrer Praxis nicht bestätigen: „Im Gegenteil. Die türkischen Männer sprechen oft offener über ihre Probleme als die österreichischen, dies gilt ebenso für die erektile Dysfunktion.“ Auch körperliche Untersuchungen sind in ihrer Praxis nie abgelehnt worden. Andrea Saleh vom islamischen Seelsorgebüro am AKH kennt das Problem dagegen durchaus und erklärt als Faustregel: „Je verhüllter die Person, desto größer auch das Schamgefühl.“ Natürlich vor allem gegenüber dem anderen Geschlecht. Auch hier ist das allerdings weit mehr eine kulturelle als religiöse Frage, da der Koran in keinerlei Weise über die Frage spricht, ob Frauen von Männern oder Männer von Frauen untersucht und behandelt werden sollen bzw. dürfen. Saleh: „Beispielsweise gehen Türken und Türkinnen meist dorthin, wo ihre Sprache gesprochen wird.“ Egal, ob Mann oder Frau. Arabische Muslime sind diesbezüglich im wahrsten Sinn des Wortes häufig verschlossener. Oft wird auch gewünscht, dass eine Begleitperson dabei ist – nicht nur der Sprache wegen.

Sprache ist der Schlüssel

Das Problem mit der Scham kann freilich auch auftreten, wenn eine übersetzende Begleitperson dabei ist. Aber auch das ist kein religionsspezifisches Problem, und hier ist es wohl am besten, möglichst einen Kollegen hinzuzuziehen, der die Sprache des Patienten beherrscht. Im Krankenhaus kann dies etwa auch eine Person aus dem Pflegepersonal sein. Das Spital bietet überhaupt eine größere Bandbreite an Problemen. Da ist nun einmal die Besonderheit der Europäer, dass die Familienbande – zumindest in der Stadt – nicht mehr so ausgeprägt ist wie in vielen anderen Kulturen. Daher sind so manche Österreicher irritiert, wenn der Bettnachbar am Wochenende Besuch von der gesamten Verwandtschaft erhält. Eine ideale Lösung können ausreichend Aufenthaltsräume sein. Da trennen sich die Konfliktparteien von selbst, da entweder der Besuchte mit seiner Verwandtschaft dorthin geht oder der sich gestört Fühlende. Für praktizierende Muslime ist der Krankenbesuch übrigens eine religiöse Pflicht. Eine weitere Knacknuss ist oft das Essen. Nicht nur, dass hiesige Mahlzeiten nicht den Ernährungs- und Kochgewohnheiten anderer Kulturkreise entsprechen, kann das falsche Essen für einen gläubigen Moslem ein tiefschürfendes Problem bedeuten. Dass Schweinefleisch nicht gegessen werden kann, ist meist bekannt. Aber auch anderes Fleisch wird von Strenggläubigen abgelehnt, wenn es nicht geschächtet, also das Tier auf eine bestimmte Art geschlachtet wurde. Zwar werden in fast allen Spitälern auch vegetarische Gerichte angeboten, doch wer fleisch­reiche Kost gewohnt ist, wird damit nicht immer zufrieden sein. Daher kommt es immer wieder vor, dass die Verwandten Lebensmittel ins Krankenhaus mitnehmen, die dem Patienten bzw. der Patientin zwar schmecken, jedoch unter den Umständen den Diätvorschriften deutlich widersprechen. Hier helfen die Beobachtung des Pflegepersonals und das Gespräch mit den Angehörigen. Im Wiener AKH soll übrigens schon bald auch eine koschere und eine Halal-Speise die tägliche Menü-Auswahl erweitern (Halal umfasst alle Dinge und Handlungen, die aus islamischer Sicht gestattet, zulässig und Islam-konform sind), erzählt Saleh.

Vorbehalt gegen Gelatine

Es kann auch vorkommen, wenn auch sehr selten, dass das Einnehmen von Gelatine-Kapseln abgelehnt wird, aus Furcht, damit etwas vom Schwein Stammendes zu sich zu nehmen. Allerdings konnte selbst unter den Islam-Religionsgelehrten keine Einstimmigkeit erzielt werden, ob solche Kapseln überhaupt noch als Produkt vom Schwein anzusehen sind. Auch hier sollten sich wohl in vielen Fällen andere medikamentöse Alternativen finden lassen. Etwas häufiger ist die Ablehnung alkoholhaltiger Medikamente. Diese Problematik ist allerdings auch von abstinenten Alkoholkranken bekannt, so dass erfahrene Ärzte alkoholfreie Alternativen meist schon kennen und parat haben.

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Livia Rohrmoser, Ärzte Woche 17/2007

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