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Allgemeinmedizin 18. April 2007

Nebenwirkungen gezielt ansprechen

Viele Patienten fühlen sich über mögliche Wechsel- und Nebenwirkungen von Medikamenten nicht ausreichend aufgeklärt, andere tun Warnhinweise ab. Die Möglichkeit, Kollegen und Hersteller über beobachtete unerwünschte Wirkungen zu informieren, wird von etlichen Ärzten nicht wahrgenommen.

Bevor ein Arzneimittel zugelassen wird, muss es bekanntlich einen Begutachtungsprozess durchlaufen. Geprüft wird dabei auch, welche Informationen auf den berühmt-berüchtigten Beipackzettel kommen sollen. „Als Arzt muss ich davon ausgehen können, dass dieser tatsächlich über alle möglichen Nebenwirkungen informiert“, meint Dr. Gerhard Hochmaier, Sprecher der Fachgruppe Gynäkologie auf Österreichebene. Dies sei ganz besonders bei Medikamenten wichtig, die über lange Zeiträume eingesetzt werden, also auch etwa Präparate zur Geburtenregelung. Ausreichend Zeit sollte bei solchen Präparaten ebenso für die Aufklärung der Patienten sein: „Dabei ist zu beachten, ob ein Medikament das erste Mal zum Einsatz kommt und wie lange es angewendet werden soll“, meint Dr. Judith Binder, Ärztin für Allgemeinmedizin und Leiterin des Frauen- und Männergesundheitszentrums Trotula in Wien. Auf jeden Fall informiert werden muss über mögliche lebensbedrohliche Nebenwirkungen – also etwa Thrombosen und Embolien bei der Pille. Ebenso müsse über auf den ersten Blick weniger schwer wiegende Nebenwirkungen informiert werden, die oft eng mit der Lebensqualität zusammenhängen, also im Fall der Pille etwa über mögliche Gewichtszunahme, Pigmentflecken oder sexuelle Lustlosigkeit.

Täglicher Grenzgang

Für Dr. Kurt Leitzenberger ist zudem wichtig bei der Aufklärung über Nebenwirkungen, sich intensiv mit Vorerkrankungen, vorhandenen Grundleiden oder familiären Veranlagungen des Patienten auseinanderzusetzen und entsprechend die Informationsarbeit zu gestalten. Leitzenberger ist neben seiner Tätigkeit als Präsident des Landesgerichts St. Pölten Vorsitzender der „Schiedsstelle der NÖ Ärztekammer für Schadenersatzansprüche von Patienten“. „Es ist völlig praxisfern, immer den gesamten Katalog des Beipackzettels mit dem Patienten durchzugehen. Gleichzeitig geht es aber um eine möglichst umfassende Aufklärung im Sinne der Dialogorientierung und Transparenz“, beschreibt er einen alltäglichen Grenzgang in der Ordination. Hochmaier weist zum Thema darauf hin, „dass Patienten oft schon mit sehr spezifischen Wünschen in Bezug auf ein bestimmtes Medikament in die Ordination kommen und in Bezug auf die Information über mögliche Nebenwirkungen teils eine selektive Wahrnehmung anzutreffen ist. Das hängt oft auch mit großen Medien­berichten über ein neues Medikament zusammen.“ Warnhinweise würden dann oft abgetan. Leitzenberger unterstreicht auch in solchen Fällen die Wichtigkeit der Aufklärung, „es reicht gerade auch bei anstehenden operativen Eingriffen nicht aus, irgendwelche vorgefertigten Einverständniserklärungen unterschreiben zu lassen – die umfassende und dokumentierte persönliche Information, die auf die individuelle Auffassungsgabe und persönliche Situation Rücksicht nimmt, bleibt unerlässlich.“ Viele Beschwerden von Patienten basieren auf nicht ausreichender Kommunikation zwischen Arzt und Patienten und darauf, dass sich Letztere von den Betreuenden nicht ernst genommen fühlen.

Patienten ernst nehmen

Leitzenberger empfiehlt auch, „Berichte über unerwartete Symptome, die im Umfeld des Einsatzes eines Medikaments oder einer Therapie auftreten, ernst zu nehmen“. Fallen diese in den Katalog der im Beipackzettel erwähnten Nebenwirkungen, ist für Hochmaier „die ausführliche Information des Patienten wichtig und dass dieser nicht einfach mit seinen Problemen allein gelassen wird“. Binder weist auf die Berichte gerade von Frauen hin, die sich mit ihren Vermutungen und Wahrnehmungsberichten immer wieder nicht ernst genommen fühlen. „Oder die erleben, dass ein Hinweis auf eine mögliche Neben- oder Wechselwirkung sofort als diffamierende Kritik am behandelnden Arzt aufgefasst wird.“ Tritt eine schwerwiegende Nebenwirkung auf, „so reicht schon eine begründete Vermutung über einen Zusammenhang mit dem verschriebenen Medikament oder einer Wechselwirkung, um dies über das seit über 15 Jahren bestehende System der ‚Roten Hand’ (siehe Kasten) an uns weiterzumelden“, erklärt Dipl.-Ing. Oskar Wawschinek, Pressesprecher der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES). Der Arzt müsse nicht in die Rolle des Gutachters oder wissenschaftlichen Analytikers schlüp­fen – die Bedeutung dieser Meldungen würde aber oft unterschätzt.

Kontakt mit dem Hersteller

Leitzenberger motiviert dazu, bei unklaren Symptomen auch direkt mit dem Hersteller Kontakt aufzunehmen – „dieser Dialog läuft aus meiner Erfahrung meist sehr konstruktiv“. Trotzdem sei zusätzlich die Meldung über die „Rote Hand“ wichtig. Aus Leitzenbergers Sicht wäre es grundsätzlich wichtig, die Rückmeldungen von Patienten zur Wirkung und Nebenwirkung von Medikamenten oder Therapien stärker in die Genehmigungs- und Überprüfungsverfahren einzubinden. Das sieht auch Binder so – sie verweist auf ein aktuelles Projekt des Grazer Frauengesundheitszentrums. Über Gynäkologen wurden Fragebögen verteilt, mit der Wahrnehmungen von Patientinnen über die Langzeitanwendung einer Hormonspirale gesammelt wurden. „Viele Frauen fühlen sich von ihren Ärzten nicht ausreichend aufgeklärt oder es werden Zusammenhänge von unerwünschten Wirkungen und dem Tragen der Hormonspirale negiert oder bagatellisiert “, berichtet Binder. Gerade in den ersten Jahren nach der Einführung eines neuen Arzneimittels wäre es wichtig, intensiv die Erfahrungen von Ärzten und Patienten einzuholen – dies wäre auch im Interesse der Hersteller bzw. Zulassungsinhaber, um die Wirkungsweise und Qualität der Produkte weiter zu entwickeln.

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Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 16/2007

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