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Allgemeinmedizin 11. April 2007

Laien-Reanimation: Besser ohne Atemspende

Ertrunkene brauchen zweifellos eine Mund-zu-Mund-Beatmung. Bei Patienten mit Herzstillstand aufgrund von kardialen Problemen wird das jetzt in Zweifel gezogen.

Menschen, die außerhalb einer Klinik wegen eines Herzstillstandes von Laien wiederbelebt werden, haben bessere Überlebens­chancen, wenn sich die Reanimation auf Herzmassagen beschränkt. Diesen Schluss legt eine Mitte März im Lancet veröffentlichte Studie nahe (2007; 369: 920-926). Verglichen wurden dafür die Daten von über 4.000 Erwachsenen, die, nachdem sie auf der Straße zusammengebrochen waren, von Passanten entweder nur eine Herzdruckmassage oder eine konventionelle Reanimation mit zusätzlichen Atemspenden erhalten hatten. Dr. Ken Nagao vom Surugadai Nihon University Hospital in Tokio fand mit seiner Arbeitsgruppe heraus, dass die alleinige Herzmassage hinsichtlich neurologischer Folgen vor allem bei Patienten mit Atemstillstand, Herzrhythmusstörungen oder kurzen, nicht behandelten Herzstillständen bessere Resultate erzielte als die übliche Wiederbelebung. Auch stellte sich heraus, dass die Mund-zu-Mund-Beatmung bei keiner der Patientengruppen irgendeinen Vorteil gebracht hatte.

Nur wenige packen zu

Die Studie bestätigte aber auch noch etwas ganz anderes, was sich schon in früheren Beobachtungen abgezeichnet hatte: Nur wenige Passanten sind tatsächlich bereit, Wiederbelebungsversuche zu starten. So ergab sich aus den japanischen Daten, dass bei 72 Prozent der 4.000 kollabierten Patienten die Zeugen überhaupt nicht reagiert hatten. In 18 Prozent der Fälle wurde eine konventionelle Reanimation mit abwechselnd zwei Beatmungen und 30 Druckmassagen durchgeführt. Und bei elf Prozent beließen es die Helfer bei Herzmassagen. Wahrscheinlich, so nehmen die Autoren als Grund an, sehen viele Passanten von einer Hilfestellung ab, weil sie bei einer Mund-zu-Mund-Beatmung Angst vor Ansteckung mit diversen Krankheiten haben.

Anpassung der Leitlinien

In einem Editorial derselben Lancet-Ausgabe schreibt Prof. Dr. Gordon A. Ewy, Leiter des Sarver Heart Center an der University of Arizona in Tucson, die Studie bestätige, „was wir in Tierversuchen gelernt haben, lässt sich auch auf Menschen übertragen“. Deshalb fordert Ewy, wie auch sein Kommentar betitelt ist, „dringend notwendige Änderungen der Leitlinien“. Zudem seien, vermutet Ewy, Passanten möglicherweise eher bereit zu einer Wiederbelebung, wenn sie wissen, dass sie keine Mund-zu-Mund-Beatmung durchführen müssen. Europäische und amerikanische Fachgesellschaften hatten erst im Herbst 2005 die Leitlinien zur Laien-Reanimation hinsichtlich der Atemspenden modifiziert. Demnach sollte die Beatmung jeweils nur eine statt zwei Sekunden dauern und das Verhältnis von Kompression zu Beatmung wurde auf 30 zu zwei verdoppelt. Auch empfahlen die Guidelines seither, die beiden initialen Atemspenden zu unterlassen und mit 30 Kompressionen, unmittelbar nachdem ein Kreislaufstillstand festgestellt wurde, zu beginnen. Ob und wie die Leitlinien-Kommissionen auf diese Studie reagieren werden, bleibt abzuwarten. Fest stand bisher schon, dass bei einer Reanimation von Menschen mit Herzstillstand die Druckmassage sowieso die wichtigere Maßnahme ist.

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