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Allgemeinmedizin 11. April 2007

Zweifel an der Qualität von Laborbefunden

Laborbefunde sind ein zentrales Element in einer umfassenden Diagnostik. Umso wichtiger sind Bemühungen um eine adäquate Qualitätssicherung, die schon in der Ausbildung ansetzen müsste und besonders beim – mitunter zu langen – Transport wichtig ist. Eine standardisierte Evaluierung ist im Anlaufen.

Mehr als 40 Prozent aller Blutproben in Niederösterreich sollen aufgrund ihrer Qualität nicht verwendbar sein bzw. zu falschen Schlussfolgerungen führen. Mit dieser Aussage wird ein medizinischer Experte in einer österreichischen Tageszeitung zitiert. Zudem bestünde die Gefahr, dass Erkrankungen – etwa Diabetes – übersehen oder zumindest erst mit unnötig großer zeitlicher Verzögerung erkannt werden. „Grundsätzlich weisen unsere regelmäßigen Reihenuntersuchungen auf keine so schwer wiegenden Probleme hin“, konstatiert Prof. Dr. Matthias Müller, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Qualitätssicherung und Standardisierung medizinisch-­diagnostischer Untersuchungen (Öquasta), die diese Tests durchführt. Aber es gäbe Bereiche, in denen vor allem in Bezug auf die alltägliche Handhabung keine lückenlose Kontrolle möglich ist. „Wir kontrollieren die analytischen Abläufe in den Labors. Es könnten aber durchaus Probleme auftreten, wenn die Kommunikation zwischen Arzt und Patient etwa in Bezug auf die zwölfstündige Nahrungskarenz vor der Blutabnahme nicht funktioniert. Schwierigkeiten können sich zudem durch falsche Lagerung oder unzureichende Qualitätsmaßnahmen beim Transport ergeben“, analysiert Müller.

Abläufe und Standards werden überprüft

Allerdings gäbe es ausreichende und sehr detaillierte Leitlinien, sowohl für niedergelassene Allgemeinmediziner und Fachärzte als auch für den Laborbereich. „Die beginnende standardisierte Evaluierung der Qualität bei allen Fachgruppen und den Allgemeinmedizinern umfasst ja auch den Laborbereich, die dortigen Abläufe und Standards“, auch diese würde, so ist Müller überzeugt, zu einer weiteren kontinuierlichen Verbesserung der Qualität von Laborbefunden beitragen. Für Dr. Gerhard Schobesberger, Leiter der Fachgruppen der Fachärzte für Labormedizin auf Österreichebene, ist die möglichst dezentrale Versorgung schon allein deshalb wichtig, weil Patienten Labors zuweilen persönlich aufsuchen müssen: „Die Entfernungen zwischen den Ärzten, die z.B. Blutproben entnehmen, und Labors sollte möglichst gering sein – in den meisten Teilen Österreichs ist dies gegeben. In Niederösterreich ergibt sich ein Problem darin, dass es keine Kassenstellen für Fachärzte für Labordiagnostik gibt und so Proben teils bis nach Wien geführt werden.“ Für ihn ist es problematisch, dass es für diesen Bereich keine einheitlichen Regelungen gibt. Allerdings hält er die Aussage, über 40 Prozent der Blutproben seien nicht verwertbar, für maßlos übertrieben. Der Allgemeinmediziner Dr. Anton Hengst aus Haag betont: „Wir wünschen uns schon lange die Einrichtung eines Laborinstitutes in Niederösterreich, eben damit die Transportwege im Sinne der optimalen Behandlung der Patienten und im Sinne der Probenqualität verkürzt werden.“ Hengst ist Leiter der größten Laborgemeinschaft in Niederösterreich.

Transportdienst und Hotline

„Wir haben uns einen eigenen Transportdienst organisiert – zudem gibt es für alle beteiligten Ärzte ganz klare und auch transparente Richtlinien, die mit der Öquasta abgestimmt sind und von der präanalytischen Phase der Proben bis hin zur optimalen Gestaltung der Vorbereitungen auf den Transport reichen.“ Zudem wurde eine Hotline geschaffen, um eventuelle Schwierigkeiten rasch klären zu können bzw. Rückfragen bei unklaren Werten zu beschleunigen. Klare Leitlinien gibt es auch für die Vorgangsweise bei aufwendigeren Untersuchungen, die nicht von den Laborgemeinschaften durchgeführt werden, etwa bei der Analyse von Tumormarkern oder der Abklärung von TBC bzw. Schilddrüsenerkrankungen. „Wir planen auch für Ärzte anderer Laborgemeinschaften gemeinsame Fortbildungen, die mit der Öquasta umgesetzt werden sollen“, blickt Hengst in die Zukunft. Aus Schobesbergers Sicht wäre es trotzdem wichtig, dafür zu sorgen, dass es auch in Niederösterreich flächendeckend Kassenstellen für Labormediziner gibt – „für ganz Österreich müsste zudem ganz klar sein: Wenn ein Spital ein Labor einrichtet, muss dieses auch von einem Facharzt für Labormedizin geleitet werden.“ Dies wäre ein wesentlicher Faktor für die Qualität der Ergebnisse, denn diese Fachgruppe könnte auf die notwendige fachliche Qualifikation und langjährige Erfahrung zurückgreifen.

In jeder Hinsicht aufwendig

Als für ganz Österreich problematisch sieht Schobesberger, dass die Tarife für aufwendigere Untersuchungen in den letzten Jahren teils drastisch gesenkt wurden. „Wir betreiben ein Fach, bei dem jede Handlung genau dokumentiert und der Outcome analysiert wird – daher ist es scheinbar leichter, hier Streichungen vorzunehmen.“ Zu wenig berücksichtigt wird aber der personelle Aufwand sowie die teils sehr große Zeitintensität. Dazu kommen oft hohe Anschaffungs- und Erhaltungskosten für spezielle Analysegeräte. Müller kritisiert in diesem Zusammenhang die aus seiner Sicht überbordende Bürokratie, die sich durch aktuelle Änderungen im Medizinproduktegesetz ergeben hat. „Hier wird viel zu wenig auf die tagtägliche Praxis Rücksicht genommen bzw. die langjährige Erfahrung ausreichend bewertet – der administrative Aufwand müsste deutlich reduziert werden.“ Es gäbe eine Fülle von Leitlinien aus allen Fachgebieten, die ohnehin ausreichend ins Detail gehen und einen hohen Standard sichern würden. Müller wünscht sich außerdem Veränderungen in Bezug auf die medizinische Ausbildung: „Weder im Studium noch im Turnus hat der Bereich der Labormedizin bis jetzt einen ausreichenden Stellenwert. Viel zu wenig vermittelt wird, wie die Qualität von entsprechenden Untersuchungen gesichert werden kann. Es gibt viele mögliche Fehlerquellen! Viel stärker ein Inhalt müsste zudem sein, wie Testergebnisse mit der nötigen Genauigkeit interpretiert werden können.“ So muss nicht jeder überhöhte Wert automatisch eine Katastrophe sein, andererseits dürften Alarmzeichen auch nicht bagatellisiert werden.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 15/2007

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