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Allgemeinmedizin 5. April 2007

„Ich bereue keinen Schritt“

Dr. Helmut Heiter aus Gaspoltshofen im oberösterreichischen Hausruckviertel ist seit 23 Jahren niedergelassen. Seit Beginn betreibt er eine Hausapotheke und erinnert sich: „Am Anfang hatte ich eine typische Papierkartei und habe natürlich alles, also auch die Hausapotheke und die Bauern, von Hand abgerechnet. Das hat uns jedes Mal fast zur Verzweiflung getrieben.“

Diese leidige Situation war für Heiter der Grund, sich bereits wenige Monate nach seiner Praxisgründung mit einer Firma in Verbindung zu setzen, die sich auf Abrechnung und Vorfinanzierung der Bauerkrankenkasse spezialisiert hatte. Im Umfeld dieser Firma war ein Verein installiert, der so genannte „Arbeitskreis für ärztliche Datenverarbeitung“. Heiter war von der Zielsetzung dieses Vereins sehr angesprochen.
Bereits damals gingen viele Ärzte davon aus, dass elektronische Datenverarbeitung früher oder später in die Arztpraxen Einzug halten werde. Es war nur noch nicht klar, wann und vor allem wie sie kommen würde. Nachdem vor allem die monatliche Medikamentenabrechnung für die ganze Arztfamilie eine Plage war, ist Heiter im Jahr 1987 als vierter Kunde von Gruber ÄDV mit dem damaligen Hausapotheken-Abrechnungsprogramm in die EDV eingestiegen.

 Arbeitsplatz Dr. Heiter
Dr. Helmut Heiter an seinen „Arbeitsplätzen“: Die Schaltstelle mit Server befindet sich im Büro, der Schreibtisch ist mit Arbeitsstation, Laptop, Drucker und anderem Zubehör ausgestattet. Die Vernetzung im Kabelschrank lässt auf ein komplexes Leitungssystem schließen.

 Arbeitsplatz Dr. Heiter

 Arbeitsplatz Dr. Heiter

Fotos: Michael Dihlmann

Zehn Tage schiefer Haussegen

Die Abwägung der Investition war einfach: Entweder die Arztgattin macht die Abrechnung selbst, dann hängt für zehn Tage pro Monat der Haussegen schief. Oder man beauftragt eine Lieferfirma, selbstverständlich gegen eine gewisse Umsatzabgeltung. Der Hausapotheker entschied sich für die dritte Alternative: Den Großteil der Abrechnung ab sofort von einer Maschine machen zu lassen, da die Anschaffungskosten bzw. Abschreibungen in ähnlicher Größenordnung wie die Kosten für die externe Taxierung lagen.

Computer so teuer wie Auto

Für damalige Verhältnisse war es dennoch eine enorme Investi­tion: Das ultimative Gerät im Jahr 1987 war ein IBM AT2 mit 640 KB Arbeitsspeicher, 16 MHz Taktfrequenz und 17 MB Festplatte. Allein der Computer kostete damals ohne Drucker und Bildschirm etwa 13.000 Euro.
Der „kleine“ Trost: Von Netzwerk war noch keine Rede, und ein Nadeldrucker sowie ein Bildschirm waren wirklich das Einzige, was für dieses Einplatzsystem an Zusatzkomponenten gebraucht wurde. Zum Vergleich: Ein VW Golf II mit 70 PS und 170 km/h Spitze mit bequemem Platz für mindestens drei Fahrgäste plus Fahrer hat damals gerade einmal 11.000 Euro gekostet.
Von Anbeginn an musste ein monatliches Update erfolgen, was damals noch eher aufwändig war, weil jeweils mehrere 3½-Zoll-Disketten eingespielt werden mussten. Als Betriebssystem kam MS-DOS zum Einsatz, mit dem so mancher Arzt sogar heute noch arbeitet.

Die Großtaten der EDV-Forschung

Von Beginn an hat Heiter großen Wert auf Sicherheit gelegt. Eine externe Datensicherung war bereits im ersten System inkludiert. Nach dem ersten Datenverlust aufgrund von Stromschwankungen im Netz wurde auch sofort in eine unterbrechungsfreie Stromversorgung investiert.
Nach etwa drei Jahren folgten Nachinvestitionen, ein 286-er war zu diesem Zeitpunkt das Maß aller Dinge. Unmittelbar danach kam der Umstieg auf einen 386-er. Vier MB Arbeitsspeicher und mehr als 100 MB Festplatte sorgten für große Erleichterung in der Ordination. „Wir waren paralysiert und konnten nicht glauben, zu welchen Großtaten die Forschung auf dem EDV-Sektor fähig ist“, blickt Heiter zurück.

Dokumentation war reiner Luxus

Nach sechs Ordinationsjahren war der Auszug aus der gemieteten Ordination unumgänglich. Ein Ordinationsneubau samt Privathaus wurde in Angriff genommen. Nachdem wieder eine EDV-Aufrüstung anstand und in diesem Jahr (1993) von Gruber ÄDV das erste „Vollprogramm“ verkauft wurde, war für Heiter klar, dass er das auf einen Schlag erledigen musste.
So wurde das erste EDV-Netzwerk in der Ordination Heiter angelegt. In diesem System war – immer noch auf DOS basierend – eine Karteiführung schon möglich, in den ersten Monaten wurden auch sehr fleißig alle bestehenden Karteikarten ins System eingegeben. Heiter erinnert sich: „Bis dahin war Dokumentation ein Luxus, den man sich nicht bei jedem Patienten geleistet hat.“ Hauptzweck der Dokumentation war damals die Erfassung der zu verrechnenden Leistungen. „Man kann die heutige Bürokratie durchaus kritisieren“, so Heiter, „aber das damals war sicher auch kein idealer Zustand.“
Ab diesem Zeitpunkt wurde in Heiters Ordination ein Ringnetzwerk mit drei Arbeitsplätzen verwendet. Das Fehlen der Papierkartei hatte allerdings schnell zur Folge, dass alle Arbeitsplätze der Ordination mit Computern bestückt wurden. „Man kann ohne Papierkartei nämlich nur so effizient arbeiten“, begründet der Allgemeinmediziner. Das Ringnetzwerk hatte übrigens die unangenehme Nebenerscheinung, dass beim Ausfall eines Computers das ganze Netz lahm gelegt war.

Preisniveau seit etwa zehn Jahren stabil

1995 wurde die Ordination dann „voll“ ausgebaut. Inzwischen bestehen sechs Arbeitsplätze plus Laptop, die über einen Zentralserver „sternförmig“ zusammengeschlossen sind. Damals wurden auch schon erste elektronische Befundübermittlungssysteme in Betrieb genommen.
Dies war ein neuer Meilenstein in der Geschichte der Praxis-EDV. Heiter: „Es war ein riesiger Fortschritt, wie die Befunde elektronisch verfügbar wurden.“ Ein Teil der Fachärzte hat die Befunde elektronisch verschickt, der Rest wurde in die Ordinationssoftware eingescannt. Zu diesem Zeitpunkt hat sich auch das Preisniveau von EDV auf einem aus heutiger Sicht erträglichen Niveau eingependelt.
„Die Zeit zwischen elektronischer Kartei und elektronischer Befundabspeicherung war allerdings sehr mühevoll, weil für Papierbefunde eine Extraablage geschaffen werden musste“, so Heiter. Zu diesem Zeitpunkt wurden auch die heute so geschätzten Annehmlichkeiten wie Internet und E-mail langsam populär.

Der Bug, der keiner war

Heiter erinnert sich auch an den „Milleniums-Bug“: „Alle hatten große Angst, das ganze Jahr ist von nichts anderem geredet worden.“ Der damals noch „Praktische Arzt“ hatte sogar Silvesterdienst und war darauf eingestellt, dass möglicherweise etwas passieren könnte. Gegen 22 Uhr machte er eine Komplettsicherung und spielte die Updates ein – und „um Mitternacht ist dann nichts passiert“, erzählt Heiter heute noch mit Erleichterung.
Ein weiterer Meilenstein, der abermals eine kräftige Investition erforderte, war 2002 die Umstellung auf Windows. Bis zu diesem Zeitpunkt war es Usus in der Ordination, dass beim Aufrüsten einer Anlage der bisherige Server als Arbeitsplatz im neuen Netz eingesetzt wurde. Doch beim Umstieg auf Windows war das anders. Der Server des ehemaligen Netzwerkes reichte selbst als Arbeitsstation nicht mehr, obwohl er beim Kauf wenige Jahre zuvor enorm leistungsfähig war.

Umstieg hat sich gelohnt

Im Windows-Zeitalter angekommen, musste sich Heiter, wie alle User in allen Branchen, mit etwas größerer Ausfallhäufigkeit als bei DOS anfreunden: „Als Gegenleistung bekam man angeblich eine bessere Benutzerfreundlichkeit.“ Noch heute sind, wie erwähnt, einige EDV-Anwender im ärztlichen Bereich auf DOS unterwegs, sofern der Hersteller das Programm überhaupt noch wartet.
Doch der Umstieg hat sich gelohnt. Heute gibt es keine Einschränkungen mehr bei der Kommunikation verschiedener Programme, etwa der Textverarbeitung. Die Updates funktionieren mittlerweile halbautomatisch online: Das Einspielen von Disketten ist obsolet, es genügt, bestimmte Updateforderungen zu bestätigen.
Heiter blickt auf 20 interessante Jahre mit EDV zurück. Als Pionier hat er sich bereits mit Anlagen auseinandergesetzt, die aus heutiger Sicht fast schon museumsreif wären. Trotz der enormen Investitionssumme von insgesamt etwa 100.000 Euro bereut Heiter keinen Schritt. Natürlich hätte es immer Argumente gegeben, etwas zu warten, bis sich das Preisniveau einpendelt.
In den kommenden Jahren steht für Heiter keine „normale“ Investition an, sowohl Geschwindigkeit als auch Speicherkapazität entsprechen den Anforderungen. Wenn sich ein Arzt jedoch heute eine Anlage neu kauft, hat der Zentralrechner leicht eine Festplattenkapazität von 500 GB bei einer Taktfrequenz von 2,8 GHz und 1 GB RAM. Die Kosten für so einen Computer liegen bei rund 1.200 Euro.
Auf unseren VW Golf umgelegt, würde das bedeuten, dass man um weniger als 1.000 Euro ein Gefährt mit 110.000 PS (hochgerechnet auf Arbeitsspeicher), 30.000 km/h Geschwindigkeit (hochgerechnet auf Taktfrequenz) und 90.000 Fahrgastsitzplätzen (hochgerechnet auf Festplattenspeicher) kaufen kann.

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