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Allgemeinmedizin 5. April 2007

Sechs gewonnene Jahre

Zwischen 1985 und 2005 ist die durchschnittliche Erwartung an „weiteren Lebensjahren“ für männliche Neugeborene um 6,3 und für weibliche Neugeborene um 4,91 Jahre größer geworden. Dies ist vor allem auf Fortschritte in der Prävention, Diagnostik und Therapie der häufigsten schweren Erkrankungen zurückzuführen.

„In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Lebenserwartung wesentlich erhöht“, sagt Mag. Peter Bayer von der Statistik Austria. Laut den aktuellen Daten aus dem „Jahrbuch der Gesundheitsstatistik 2005“ hatten männliche Neugeborene 1985 noch 70,35 „weitere Lebensjahre“ zu erwarten. Zwei Dekaden später waren es bereits 76,65 Jahre, was einem Zuwachs von 6,3 Jahren entspricht. Für weibliche Neugeborene konnte 1985 im Durchschnitt mit 77,33 und 2005 mit 82,24 „weiteren Lebensjahren“ gerechnet werden. Das entspricht einer Steigerung der Lebenserwartung von 4,91 Jahren. Die „Lebenserwartung insgesamt“, also der Durchschnittswert für beide Geschlechter, ist seit 1985 um 5,61 Jahre gestiegen.

Mehr als in den beiden Dekaden davor

Das sind erfreulich viele „gewonnene Jahre“, und dieser Zuwachs übertrifft auch jenen, der zwischen 1965 und 1985 erzielt werden konnte, bei den Männern um 67 Prozent und bei den Frauen um 13 Prozent.
„Die Hauptursache dafür waren die Verbesserungen in der Prävention, Diagnostik, Therapie und Rehabilitation der häufigsten schweren Erkrankungen“, weiß Prof. Dr. Christian Vutuc, Leiter der Abteilung für Epidemiologie am Zentrum für Public Health der Medizinischen Universität Wien. So ist etwa die Sterblichkeit durch Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems zwischen 1985 und 2005 um nicht weniger als rund 53 Prozent gesunken.
Das zeigen die so genannten altersstrukturbereinigten Daten der Statistik Austria, bei denen die Verteilung der Altersgruppen innerhalb der Bevölkerung im jeweiligen Vergleichsjahr miteinbezogen wird. Das heißt, durch eine entsprechende Gewichtung der Daten wird berücksichtigt, dass in einer im Durchschnitt relativ jüngeren Bevölkerung Altersleiden wie etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen naturgemäß seltener auftreten als in einer vergleichsweise älteren. Bei den bösartigen Neubildungen, der zweithäufigsten Todesursache, ergab sich nach dieser Berechnungsmethode zwischen 1985 und 2005 eine Verringerung der Mortalitätsrate von 19,3 Prozent.
„Bei den Krebserkrankungen ist zu beobachten, dass bestimmte Formen, wie etwa der Magenkrebs, heute wesentlich seltener sind als noch vor 20 Jahren“, so Vutuc. „Die genauen Ursachen dafür sind nicht bekannt, wahrscheinlich besteht aber ein Zusammenhang zu den veränderten Ernährungsgewohnheiten.“ 1985 gab es in Österreich noch 2.116 Sterbefälle aufgrund von Magenkrebs, 2005 waren es 1.066.
Einen Rückgang gab es auch bei den Lungenkrebsfällen bei Männern sowie im Bezug auf Brustkrebs sowie Krebs des Gebärmutterhalses und anderer Teile der Gebärmutter bei den Frauen. 1.618 sowie 778 Todesfällen im Jahr 1985 stehen im 20-Jahres-Vergleich 1.583 Todesfälle durch Brustkrebs und 460 durch Krebs des Gebärmutterhalses und anderer Teile der Gebärmutter im Jahr 2005 gegenüber. „Diese Reduktion bei den Frauen ist wahrscheinlich auf bessere Früherkennung zurückzuführen“, meint Vutuc.

Gute Gesundheitsversorgung

„Ein wesentlicher Faktor für die Zunahme der Lebenserwartung insgesamt war vor allem auch die Einführung des Mutter-Kind-Passes in Österreich in den 1970-er Jahren und der Ausbau der neonatologischen Versorgung, der bis zu den 1990-er Jahren flächendeckend erfolgt ist“, ergänzt der Wiener Epidemiologe. 1985 verstarben in Österreich 977 Säuglinge. 20 Jahre später 327. Das entspricht einer Verringerung von rund zwei Dritteln.
Bayer von der Statistik Austria hebt hervor, dass speziell auch die gute Gesundheitsversorgung auf Basis der im internationalen Vergleich hohen Ärztedichte in Österreich einen bedeutenden Anteil an der kontinuierlich zunehmenden durchschnittlichen Lebenserwartung der Bevölkerung habe. So ist etwa die Zahl der berufsausübenden Ärzte insgesamt zwischen 1985 und 2005 in Österreich von 286,5 pro 100.000 Einwohnern auf 482,8 angewachsen. Wenn nur die Dichte an Allgemeinmedizinerinnen und Allgemeinmedizinern betrachtet wird, so hat sich diese in Österreich von 89,5 pro 100.000 Einwohner im Jahr 1985 auf 146,5 pro 100.000 Einwohner im Jahr 2005 erhöht. Nach Bundesländern unterschieden, gibt es in Wien insgesamt die meisten, im Burgenland und in Vorarlberg die wenigsten Ärzte.

Lebenserwartung entsprach dem Pensionierungsalter

Vutuc betont, dass soziale Verbesserungen und speziell solche im beruflichen Umfeld in der jüngeren Vergangenheit nicht mehr einen so hohen Anteil an der kontinuierlichen Zunahme der Lebenserwartung gehabt hätten wie etwa in den 1960-er und 1970-er Jahren. „Damals haben sich zahlreiche Menschen in der Schwer­industrie oder auch in der Landwirtschaft buchstäblich noch zu Tode gearbeitet“, so der Experte für Epidemiologie, der in diesem Zusammenhang auch darauf hinweist, dass etwa Männer in den 1960-er Jahren bei der Geburt mit rund 66 Jahren noch eine durchschnittliche Lebenserwartung gehabt hätten, die ungefähr ihrem Pensionsantrittsalter entsprochen habe.
„Zahlreiche extreme Formen beruflicher Exposition, die noch vor 30 Jahren sehr häufig waren, gibt es heute jedoch nur mehr in vergleichsweise geringem Ausmaß“, bemerkt Vutuc. Das ist statistisch auch daran zu erkennen, dass zwar in der jüngeren Vergangenheit immer mehr gesundheitliche Schädigungen am Arbeitsplatz als Berufskrankheiten anerkannt wurden, die Zahl der tatsächlich gemeldeten Berufskrankheiten jedoch zurückgegangen ist. 1.421 Fällen im Jahre 2005 stehen 2.325 im Jahre 1985 gegenüber.
Bei den Veränderungen der Lebenserwartung in Österreich während der vergangenen 20 Jahre ist nicht zuletzt auch auffallend, dass der Abstand zwischen Männern und Frauen kleiner geworden ist. 1985 musste für Männer mit einer um 6,98 Jahre kürzeren Lebenserwartung gerechnet werden. Bei den aktuellsten Daten für das Jahr 2005 macht die Differenz nur mehr 5,59 Jahre aus.
„Die Männer haben aufgeholt, was unter anderem auch darauf zurückgeführt wird, dass der Anteil an Rauchern geringer geworden ist“, weiß Bayer. „Vielleicht hat aber auch die öffentliche Aufklärung zu wichtigen Gesundheitsthemen speziell bei den Männern bereits Wirkung gezeigt und ihr im Vergleich zu Frauen schlechteres Gesundheitsverhalten verbessert. In diesem Sinne darf erhofft werden, dass Männer bereits zunehmend auf gesundheitlich riskante Verhaltensweisen verzichtet haben und dass sich dieser Trend auch in Zukunft fortsetzen wird“, so der Projektleiter für den Bereich Gesundheit bei der Statistik Austria.

Mag. Dietmar Schobel, Ärzte Woche 14/2007

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