zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 5. April 2007

„Therapeutische Partnerschaft“

Lektor OA Dr. Michael Peintinger, Lehrbeauftragter für Medizinethik an der Medizinischen Universität Wien und der Universität Wien, Facharzt für Anästhesie und Vorsitzender der Ethikkommission der Krankenanstalt „Göttlicher Heiland“ in Wien, erläutert im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE die Veränderungen im Verhältnis zwischen Arzt und Patienten und die Einflüsse dieser Veränderungen auf ärztliche Entscheidungen im klinischen Alltag.

Worin sehen Sie für den Klinik-Arzt die problematischsten ethischen Herausforderungen im Alltag?
Peintinger: Mediale Highlights, wie die Diskussion um Stammzellforschung, Präimplantations-Diagnostik oder Xenotransplantation, spielen, so wichtig diese Themen sind, im Alltag eine geringe Rolle. Die dauernd bestehenden Alltagsprobleme ergeben sich vielmehr aus den Veränderungen der Arzt-Patienten-Beziehung in einer geänderten Gesellschaft.
Der Arzt ist nicht mehr derjenige, der in paternalistischer Weise für den Patienten entscheidet, sondern er wird zum Berater, der die individuellen Entscheidungen des Patienten respektieren muss. Täglich sind Ärzte mit immer älteren, multimorbiden Patienten konfrontiert, die gleichzeitig gesellschaftlich – wenn auch nicht klar ausgesprochen – gering geschätzt werden. Sie entsprechen nicht dem medial verbreiteten Schönheitsideal, sind nicht konsum­orientiert und im Trend der Zeit.
Bei Behandlungen stoßen Ärzte immer wieder an Therapiegrenzen. Ökonomische Vorentscheidungen, die Management-Etagen ohne Diskurs beschließen, determinieren das ärztliche Handeln und führen Werthaltungen unhinterfragt als Handlungsmaßstäbe ein. Andere Werthaltungen und Kulturen werden immer bedeutsamer. Das westlich geprägte individualistische Aufklärungsgespräch mit einem Patienten unter vier Augen kann auf Menschen aus kollektivistisch orientierten Gesellschaften beispielsweise fremd und unangemessen wirken.

Wie erleben Sie Reaktionen von Kollegen auf ethische Einwände?
Peintinger: Ich denke, dass wir hier deutliche Fortschritte feststellen können. Nicht nur in Aus- und Fortbildung steigt das Interesse der Ärzteschaft an ethischen Fragen, deren Spannungsfeld im Alltag nicht mehr leichtfertig negiert wird. Vielmehr nimmt auch die Wachheit gegenüber dem Positionswechsel des Patienten zu.
Immer mehr Kolleginnen und Kollegen sehen, dass ein informierter und autonomer Patient nicht nur keine Bedrohung darstellt, sondern dass er zum Partner im therapeutischen Prozess werden kann. Zwar wird die Kommunikation anspruchsvoller, zugleich gewinnt aber das gemeinsame Entscheiden und Handeln an Qualität.
Aber es bleibt immer noch viel zu tun. Das 20. Jahrhundert war geprägt von medizintechnischen Erfolgen. Das 21. Jahrhundert sollte sich dadurch auszeichnen, dass diese großartigen Erfolge durch eine „therapeutische Partnerschaft“ zwischen Ärztinnen, Ärzten, Patientinnen, Patienten und Pflegekräften ergänzt werden, wodurch die Medizin wieder als umfassend heilsam erfahren werden kann.

Dr. Lutz Reinfried, Ärzte Woche 14/2007

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben