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Allgemeinmedizin 5. April 2007

„Forderung nach vermehrter Ethik“

Wissen ist Macht. Macht braucht Kontrolle. In der Medizin dient die Ethik als Regulativ und Orientierungshilfe für heikle Entscheidungen – vor 20 Jahren genauso wie heute. Doch: Wie hat sich der Stellenwert von Ethik in der Medizin in den letzten 20 Jahren verändert?

Prof. Dr. Ulrich Körtner ist Leiter des Institutes für Recht und Ethik in der Medizin und Professor für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Er kennt die Brennpunkte ethischer Probleme sowie deren Möglichkeiten und Grenzen in einer säkularen, multikulturellen Gesellschaft: „Mit der enormen Ausweitung der medizinischen Möglichkeiten, Leben zu verlängern, stellt sich immer zentraler die Frage, ob die Medizin alles tun darf, was sie tun kann. Diese Problematik stellt sich am Lebensende, verknüpft mit der Debatte um Patientenautonomie und Euthanasie, insbesondere seit in den Niederlanden eine entsprechende gesetzliche Regelung umgesetzt wurde.“
Die großen medizinethischen Felder der letzten Zeit liegen am Beginn des Lebens und an dessen Ende. Zentral sind laut Körtner Fragen, wie weit die Patientenautonomie reicht, ob sie Selbsttötung oder gar ein Recht auf Tötung auf Verlangen einschließt: „Beides ist in Österreich verboten. Alternativ stehen Palliativ-Care beziehungsweise Palliativversorgung diesen Konzepten gegenüber.“
In Österreich gibt es seit Juni letzten Jahres ein Gesetz zur Patientenverfügung. Dessen praktische Auswirkungen wird das von Körtner geleitete Institut in den nächsten drei Jahren evaluieren. „Aber auch am Lebensbeginn werfen Reproduktionsmedizin und Präimplantations-Diagnostik ethische Fragen auf“, gibt der Experte im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE zu bedenken.

Wie lässt sich die zunehmende Hinwendung zu Ethik-Themen erklären?
Körtner: Die Forderung nach vermehrter Ethik sehe ich als Symptom einer Vertrauenskrise im Arzt-Patient-Verhältnis. Zwar ist die Rolle des Patienten heute gestärkt, und der Arzt ist gehalten, so zu informieren, dass der Patient zu einer eigenständigen Entscheidung kommen kann. In Wirklichkeit ist das System aber zunehmend von gegenseitigem Misstrauen und Verunsicherung geprägt.
In der klinischen Ethik – das haben einschlägige Untersuchungen gezeigt – spielen Kommunikationsprobleme, der hohe Zeit- und Entscheidungsdruck eine wichtige Rolle. Individuelle Werte von Ärzten und Ärztinnen, Pflegepersonal, Patienten und dem kodifizierten Recht klaffen auseinander. Das erschwert eine Entscheidungsfindung.

Wie lässt sich ethischer Konsens in einer multikulturellen Gesellschaft herstellen?
Körtner: Man muss unterscheiden, wo die Orte des Ethischen sind. Eine Ethikkommission im Bundeskanzleramt ist etwas anderes als ein Ethik-Konsil auf einer Station, das konkret für einen Patienten eine Entscheidung zu treffen hat.
Im Bereich von Politik und Biopolitik ist Ethik zweifellos in erster Linie beratend tätig. In einer Ethikkommission wird nicht über ein Gesetz abgestimmt. Das ist Aufgabe der Parlamente. Es geht nicht um einhelligen Konsens, sondern um eine geordnete Darstellung unterschiedlicher Standpunkte. Meistens lässt sich ein Grundkonsens formulieren, in vielen praktischen Details gehen die Ansichten oft wieder auseinander.Ethik funktioniert nicht nach Mehrheitsverhältnissen.

Welche Rolle spielt Religion in einer Diskussion um Ethik?
Körtner: Viele meinen, Religion sei in unserer säkularen Gesellschaft eigentlich reine Privatsache, und in einer Ethikkommission sollten nur säkulare Argumente zur Geltung kommen, die alle teilen können. Doch halte ich das für einen Trugschluss.
Jede Grundorientierung, aus der man etwas für ein moralisches Problem hält oder nicht, ist immer eine weltanschauliche oder religiöse. Aus diesen Vorannahmen erwächst die moralische Sensibilität. Man kann sie nicht einfach übergehen, denn das verstieße gegen Menschenwürde und Menschenrechte.

Welche Themen werden in der Medizinethik in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnen?
Körtner: Auf dem Feld der Genetik werden sich noch viele Themen stellen. Noch geht es bei Genomik und Proteomik um Grundlagenforschung. Hiefür benötigt man Biobanken, die in großen Mengen unterschiedlichste Gewebe und Genproben sammeln. Bedeutung und Auswirkungen solcher Datenbanken auf Datenschutz und das Gesundheitssystem werden in der Öffentlichkeit allerdings noch wenig diskutiert.
Die fortschreitende Medikalisierung des natürlichen Lebens im Rahmen der Anti-Aging-Medizin wird an Bedeutung gewinnen. Auch durch die demographische Entwicklung sind aufgrund der Krankheitsverteilung gravierende Probleme zu erwarten, die uns erheblich zu schaffen machen werden. Zentrale Themen der Zukunft werden Fragen der Medizinökonomie, der Gerechtigkeit im Gesundheitswesen, der Ressourcenverteilung als Teil von Wirtschafts- und Sozialpolitik sein.
Ein noch wenig beachteter Bereich ethischer Fragestellungen eröffnet sich durch Nanotechnologie und so genannte Converging Technologies, durch die neue Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine entstehen. Es geht dabei um grundlegende Veränderungen der menschlichen Natur. Kognitive oder somatische Eigenschaften von Menschen mit Hilfe von Technik zu optimieren, übersteigt bei weitem den klassisch-medizinischen Ansatz, Krankheiten zu heilen. In seiner ganzen Tragweite ist diese Thematik in der Öffentlichkeit noch nicht wahrgenommen worden.

Dr. Lutz Reinfried, Ärzte Woche

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