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Allgemeinmedizin 5. April 2007

Von Ärztemangel keine Spur

20.342 MedizinerInnen waren im Gründungsjahr der ÄRZTE WOCHE, 1987, in Österreich tätig. 20 Jahre später sind es 36.919, nahezu doppelt so viele. Die österreichische Bevölkerung hat zwar nicht so stark zugenommen, wohl aber die Ansprüche, die heute an die Medizin gestellt werden.

Ein Zuviel an Ärztinnen und Ärzten in Österreich sieht der Präsident der Ärztekammer für Wien und Stellvertretende Präsident der Österreichischen Ärztekammer, Prim. MR Dr. Walter Dorner, nicht: „Wir stehen heute vor ganz anderen Herausforderungen als noch vor 20 Jahren“, sagte er im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE. Da sei zum einen das Ärztearbeitszeitgesetz, das einzuhalten sei und deutlich mehr Personal erfordere. Zum anderen würden auch die PatientInnen heute deutlich mehr Ansprüche an die medizinische Versorgung stellen als in den
80-er Jahren des 20. Jahrhunderts. Eine Unterversorgung konstatiert Dorner auch nicht: „Ich glaube, wir sind heute noch ganz gut aufgestellt.“

Mehrbedarf an Personal schon in naher Zukunft

Dies könnte sich allerdings rasch ändern. Ursache dafür ist nicht nur eine Änderung im Ärzteausbildungsgesetz, die fordert, dass für die auszubildenden Jungärztinnen und -ärzte auf jeder Station ein eigener Ausbildungsassistent zur Verfügung steht. „Auch das geforderte intensive Bedside-Teaching bedingt in naher Zukunft sicher ein größeres personelles Angebot“, so Dorner.
Arbeitsmöglichkeiten sollte es also für österreichische Mediziner auch weiterhin in ausreichendem Maße geben. Theoretisch zumindest. Denn praktisch setzen Krankenhausbudgets und festgelegte Planzahlen für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte mit Kassenvertrag den theoretischen Arbeitsmöglichkeiten eine handfeste praktische Grenze.
Neben den Erfordernissen des neuen Medizin-Curriculums stellt aber auch die demographische Entwicklung MedizinerInnen vor neue Herausforderungen, nicht zuletzt, was die Anzahl der Ärztinnen und Ärzte betrifft: „Die demographische Entwicklung hin zu einer immer älter werdenden Bevölkerung wird den Kolleginnen und Kollegen neue Kenntnisse abfordern“, sagte Dorner. „Dazu gehört etwa die Geriatrie.“ Österreich sei ja, was die Anzahl der berufsausübenden Ärztinnen und Ärzte betrifft, ohnehin immer noch eine Insel der Seligen: „In vielen Ländern Europas haben wir bereits jetzt einen manifesten Ärztemangel“, warnt Dorner. „Das betrifft Deutschland und Frankreich ebenso wie Großbritannien, Norwegen, Finnland und Schweden.“

Entwicklung wie in anderen Ländern Europas

Auch vor Österreich wird diese Entwicklung nicht halt machen. Die Ursachen hiefür sieht Dorner in immer unattraktiver werdenden Arbeitsbedingungen und der – im Verhältnis zum Aufwand – nicht gerade berauschenden Entlohnung der MedizinerInnen: „Seit ich vor 38 Jahren begonnen habe, als Arzt zu arbeiten, hat sich am Gehalt der Ärztinnen und Ärzte nicht viel geändert. Alle Faktoren eingerechnet, sind wir heute beim gleichen Bettel wie damals.“
Noch mehr als die unattraktive Bezahlung ärgert Dorner die „Welle der Bürokratie, die heute jeden Mediziner überschwemmt.“ Schlechtreden will er den Arztberuf trotzdem nicht – und sei es nur, weil bereits das Medizinstudium den Studierenden ein so hohes Maß an Anstrengung koste, dass die Ausbildung im Krankenhaus dagegen immer noch das „kleinere Übel“ sei: „Vor lauter Arbeit im Krankenhaus sieht der junge Arzt gar nicht, dass er ein Sklave ist“, so Dorner drastisch: „Ein Sklave des Systems, und das ist heute viel schlimmer als zu jenen Zeiten, wo ich angefangen habe.“

Getriebene im System

Vor allem die leistungsorientierte Krankenanstaltenfinanzierung (LKF) ist Dorner ein Dorn im Auge: „Noch vor 20 Jahren war etwa ein Patient, dem die Galle entfernt werden musste, rund zehn Tage im Krankenhaus. Heute sind es drei Tage, wenn es hoch kommt, damit das System profitabel bleibt.“ Für die Ärztinnen und Ärzte in Ausbildung heißt das, dass sie viele PatientInnen nur einmal sehen: „Das ist im Vergleich zu der Zeit, als ich ein junger Arzt war, sicher wesentlich schlechter geworden“, resümiert Dorner.

Internationaler Standard bei der Ausbildung

Als durchaus positiv beurteilt der Stellvertretende Präsident der Österreichischen Ärztekammer dagegen die neue Ausbildungsordnung, auch wenn die Umsetzung manchmal noch Probleme macht: „Das Medical School-System, das nun auch bei uns umgesetzt wird, hat sich international bewährt. Schon um die Kontinuität der Ausbildung zu gewährleisten, war es sinnvoll, das Curriculum zu verändern“, so Dorner, der sich damit eines Sinnes mit den Rektoren der Medizinunis in Wien und Graz, aber auch des Rektors der medizinischen Privatuniversität in Salzburg weiß.
„Die AbsolventInnen des neuen Curriculums werden besser auf die praktischen Anforderungen der postpromotionellen Weiterbildung vorbereitet sein“, meint etwa der Rektor der Medizinischen Universität Wien, Prof. Dr. Wolfgang Schütz. Und sein Kollege, Prof. DDr. Gerhard Franz Walter, Rektor der Medizinuniversität Graz, ergänzt. „Wir sind davon überzeugt, dass die AbsolventInnen gute theoretische, aber auch eine ausgezeichnete praxisnahe Ausbildung erfahren haben.“
Auch die Auswahlverfahren, die nun bereits vor Beginn eines Medizinstudiums über Sein oder Nichtsein für die StudentInnen entscheiden, werden von den Rektoren, aber auch von Ärztekammervize Dorner durchwegs positiv beurteilt. So ist etwa Dorner davon überzeugt, dass „die Eingangsprüfungen für eine weit höhere Qualität der Studentinnen und Studenten sorgt, als dies vor den Zugangsbeschränkungen der Fall war“.

 Paracelsus Medizinische Privatuniversität

Auswahlverfahren positiv, weniger Dropouts

Auch der Grazer Walter sieht in den Zulassungsbeschränkungen keine Probleme: „Die ersten Erfahrungen an der MedUni Graz haben uns gezeigt, dass die Zahl der StudienanfängerInnen durch die notwendige Kapazitätsbeschränkung im Vergleich zu den Jahren davor leicht gesunken ist.“ Dagegen hätte sich allerdings auch die Dropout-Rate, die vor den Eingangsbeschränkungen bei rund 60 Prozent gelegen war, auf etwa zehn Prozent vermindert.
Im Gegensatz zum Wiener Ärztekammerpräsidenten sehen die Unirektoren auch keinen Mangel an Ärztinnen und Ärzten ante portas. Rektor Schütz steht zwar zur durchaus heterogenen Diskussion darüber, „eine noch nicht veröffentlichte Studie des Österreichischen Bundesinstituts für Gesundheit aus dem Jahr 2006 sieht allerdings zumindest bis 2025 keine Gefahr eines Ärztemangels in Österreich“. Und der Rektor der Grazer Medizinuni sieht in der Zahl der AbsolventInnen der Medizinunis nur einen Faktor für einen möglichen Ärztemangel. Viel wichtiger sei, wie „die Arbeitsbedingungen für ÄrztInnen in Zukunft in Österreich sein werden“, sagt Walter ganz im Sinne von Dorner.
Der Kammerpräsident würde jedenfalls, stünde er nochmals vor der Entscheidung Medizinstudium ja oder nein, ganz sicher wieder auf die Uni gehen und „als Demokrat und begeisterter Österreicher wieder eine öffentliche Universität besuchen“.
Dorner bezweifelt, dass die Ausbildung in der Salzburger medizinischen Paracelsus Privatuniversität schneller oder gar besser sei als die Ausbildung an einer öffentlichen Medizinhochschule: „Salzburg funktioniert ganz gut. Ich bezweifle aber, dass ein Mikrostaat wie Österreich das unbedingt braucht.“ (Mehr zur einzigen medizinischen Privatuniversität im Kasten).

Der Mensch im Mittelpunkt

Für die Zukunft hofft Dorner auf die Möglichkeit, „Medizin auch weiterhin in der traditionellen humanistischen Weise betreiben zu können, für die Österreichs medizinische Schulen berühmt geworden sind.“ Die größte Herausforderung dabei sei und bleibe „eine menschenorientierte Medizin, die sich nicht von Technologie und Ökonomie zugrunde richten lässt.“

Sabine Fisch, Ärzte Woche 14/2007

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