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Allgemeinmedizin 27. März 2007

Grenzgang Gutachten

Zeitknappheit und mangelnde Fehlerkultur: Immer wieder wird die Qualität von ärztlichen Beurteilungen in Zweifel gezogen. Der Druck auf medizinische Gutachter, in eine bestimmte Richtung zu entscheiden, ist oft ziemlich groß.

In Österreich gibt es 1.500 MedizinerInnen, die gerichtlich beeidete Sachverständige sind. „Früher konnten Allgemeinmediziner oder Fachärzte, die fünf Jahre Berufserfahrung hatten, zu einem Gerichtspräsidenten der Region gehen und wurden dort – meist mit großer Freude – in die Liste als Sachverständige aufgenommen“, erinnert sich Prof. Dr. Hans Diemath, Leiter des Gutachterreferats der Österreichischen Ärztekammer.
Vor etwa fünf Jahren wurde eine Richtlinie der EU umgesetzt: Nun müssen MedizinerInnen zusätzlich eine Prüfung vor einem Senat ablegen, der aus einem Richter, einem Facharzt für das jeweilige Gebiet und einem Vertreter von Ärztekammer oder Gutachterverband besteht. „Und nach fünf Jahren ist eine Rezertifizierung vorgeschrieben, dies gilt auch für alle Ärzte, die bereits auf der Gutachterliste stehen.“ Diemath sieht dies als „wichtigen Schritt zu einheitlichen Qualitätsstandards bezüglich der Qualifikation der gutachterlich tätigen Ärzte.“

Keine Erfolgsgarantie

Gerade in der letzten Zeit kommen Qualitätsstandards öfters in die Schlagzeilen: So werden immer wieder widersprüchliche Gutachten über den psychischen Zustand von Gewalttätern oder die Folgen von Unfällen publiziert oder aber auch über den Gesundheitszustand bzw. die Vernehmungsfähigkeit von Personen wie Ex-Bawag-Direktor Helmut Elsner.
„Die Erwartungen von Patienten an Gutachter haben sich deutlich verändert, oft erwarten sie sich geradezu eine Analyse, die genau ihren Vorstellungen entspricht, und sind bitter enttäuscht, wenn dies nicht der Fall ist“, konstatiert Dr. Walter Dorner einen Trend der letzten Jahre. Abgesehen von seiner Tätigkeit als Präsident der Wiener Ärztekammer ist er neben Diemath in der ÖÄK für die Anliegen der Gutachterärzte zuständig.
„Gerade auch wenn es um die Beurteilung von mutmaßlichen Behandlungsfehlern geht: In der Medizin gibt es durchaus verschiedene Wege, um zum Ziel zu kommen und es kann letztlich keine Erfolgsgarantie abgegeben werden“, so Diemath. Beurteilt werden könne, ob sich ein Arzt an die Sorgfaltspflicht und an den letzten Stand des Wissens gehalten habe. Aber auch hier gibt es durchaus divergierende Sichtweisen und daher auch unterschiedliche Wahrnehmung durch Gutachter. „So kann zum Beispiel das Thema der psychosozialen Auswirkungen von Extremsituationen auf Menschen sehr unterschiedlich beurteilt werden.“
Der Wiener Rechtsanwalt Dr. Matthias Göschke hat sich u. a. auf die Vertretung von Patienten bei Verdacht auf Behandlungsfehler spezialisiert: „Keine Frage: Es gibt sehr fundierte und gute Gutachter. Aber immer wieder werden Gerichten sehr schleißige und oberflächliche Gutachten vorgelegt.“ So habe ein Gutachter in einem aktuellen Fall argumentiert, ein Arzt habe eine bereits vorhandene Augenerkrankung, die zu Blindheit führte, deswegen übersehen, weil Ärzte so viel zu tun hätten, dass diese nicht jeden Patienten genau untersuchen könnten.

Mangelnde Fehlerkultur

„Ich bin ein Anwalt und ich mache Fehler; nur versuche ich auch daraus zu lernen“, vermisst Göschke eine Fehlerkultur bei den Medizinern. „Das müsste – und das melden uns sehr viele Patienten zurück – schon damit beginnen, einfach zu sagen: Es tut mir leid, es ist ein Fehler geschehen, wir werden alles versuchen, damit die Konsequenzen gehalten werden.“ Denn, so Göschke, die finanzielle Ebene würde ohnehin von der Haftpflichtversicherung übernommen. Aber oft würden Fehler hartnäckig geleugnet, heruntergespielt oder, noch schlimmer, den Patienten angelastet.
Diemath betont zum Thema Qualität, „dass es inzwischen eine Kommission für Qualitätssicherung bei den ärztlichen Gutachten gibt. Diese analysiert Gutachten oder gibt Unterstützung bei deren Abfassung.“ Zudem gebe es jedes Jahr eine Reihe von Fortbildungsveranstaltungen.
Ein sensibles Terrain sind aus Diemaths Sicht Kurzgutachten: „Hier soll innerhalb kürzester Zeit auf ein oder zwei Seiten festgestellt werden, ob z.B. ein Autounfall bestimmte Symptome auslösen kann.“ Vom Gutachterreferat gibt es die klare Empfehlung, sich auf solche Gutachten nicht einzulassen, auch wenn der Druck von Versicherungen teils sehr hoch ist. „Zumindest festgehalten werden muss, dass eine eingehendere Befragung und Untersuchung des Betroffenen noch andere Ergebnisse bringen kann – aber letztlich braucht ein seriöses Gutachten auch die nötige Gründlichkeit und Zeit.“

Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft

Endlich in Bewegung dürften die seit Jahren festgefahrenen Diskussionen um die niedrigen Tarife gekommen sein, die Gutachtern gezahlt werden. „Eine gutachterliche Tätigkeit ist eine Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft. Aber dass es bislang fixe und äußerst niedrige Tarife gab, egal wie intensiv der nötige Aufwand für ein Gutachten war, ist skandalös und widerspricht dem medizinischen Ethos“, so Diemath. Auch Dorner ist erleichtert, dass Justizministerin Maria Berger in einem aktuellen Gespräch eine „deutliche Anhebung“ der Tarife versprochen hat. Zusätzlich müsse – auch aufgrund aktueller Erkenntnisse der EU – die Wertung der Intensität verschiedener Gutachten neu verhandelt werden.
Reformbedarf sieht Göschke außerdem in punkto Schmerzensgeld: „Es ist oft geradezu lächerlich, welche Beträge hier Patienten bekommen, die eine massive und lebenslange Gesundheitsschädigung davongetragen haben, die immer wieder auch mit dem Verlust des Arbeitsplatzes einher geht.“
Weitere Gespräche mit dem Justizministerium kündigt Diemath in Bezug auf die Primäraufklärung an: „Das Urteil des Obersten Gerichtshofes im Fall des Gynäkologen, der eine schwangere Frau nicht intensiv genug aufgefordert haben soll, in eine Spezialabteilung zu gehen, um eine Trisomie 21 abzuklären, ist eine krasse Fehlentscheidung.“ Natürlich sei eine umfassende Aufklärung und deren Dokumentation wichtig – wenn sich Patienten aber trotzdem anders entscheiden, dürfe dies nicht dem Arzt angelastet werden.

Der Hausarzt kann eine wichtige Rolle spielen

„Es kommt immer wieder vor, dass Opfer von Unfällen erst nach einiger Zeit mit ihren Beschwerden zum Arzt, meist zum niedergelassenen Allgemeinmediziner, gehen“, so Dorner. Wichtig sei, die Schilderungen der Patienten ernst zu nehmen sowie im Bedarfsfall eine umfassende Abklärung durchzuführen bzw. zu koordinieren. Es gäbe immer wieder Patienten, die es als eine Art Schande sehen würden, wenn sie über Schmerzen nach einem Unfall sprechen, denn sie würden keine Schwierigkeiten machen wollen. „Der Hausarzt kann wichtige Vorfeldarbeit für ein fundiertes Gutachten liefern bzw. ist es wichtig, seine Wahrnehmung sowie das meist vorhandene umfassende Wissen über den Patienten und seine Lebenssituation einzubeziehen“, betont Dorner.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 13/2007

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