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Allgemeinmedizin 20. März 2007

Meist ist es mit ein paar Stichen getan

In den meisten Fällen können auch stark blutende Wunden mit einer kleinen Naht direkt in der Hausarztpraxis versorgt werden. Bei Verletzungen im Mund-, Nasen- und Augenbereich, bei Fremdkörpern, einer möglichen Narbenproblematik, erhöhter Infektionsgefahr oder wenn Begleitverletzungen bestehen, sind allerdings Vorsicht und die Überweisung an einen Facharzt geboten.

Eine akute Wunde ist eine umschriebene oder flächenhafte Gewebedurchtrennung oder -zerstörung, entstanden durch äußere Einflüsse. Zunächst muss der Verletzungsmechanismus geklärt werden. Besteht der Verdacht auf einen röntgendichten Fremdkörper, ist eine radiologische Diagnostik notwendig. Zudem muss eine Untersuchung auf sensible bzw. motorische Ausfälle, Durchblutung und sonstige Begleit­erkrankungen erfolgen und dokumentiert werden. Alter, Tiefe und Beschaffenheit der Wunde haben Auswirkungen auf die weitere Therapie. Wunden
• ohne Begleitverletzungen,
• ohne Fremdkörpereinsprengungen,
• ohne Infektionskomplikationen,
• ohne voraussichtliche Narbenprobleme
kann der Hausarzt in der Regel selbst versorgen.
Ziel jeder Wundbehandlung ist die Ausheilung mit geringstmöglicher Narbenbildung bei maximaler Funktion und die Vermeidung einer Wundinfektion.
Nach Anamnese und klinischer Untersuchung wird die Wunde gereinigt und mit physiologischer NaCl-Lösung oder Ringerlösung gespült. Die operative Wundversorgung geschieht unter aseptischen Bedingungen und bei ausreichender Schmerzfreiheit (Lokalanästhesie oder periphere Leitungsanästhesie). Bei großen und tiefen Wunden mit Verdacht auf Begleitverletzungen sollte eine Revision und Versorgung im Operationssaal erfolgen.

Wundexzision an Gesicht und Händen vermeiden

Zur Blutstillung kann an den Extremitäten gegebenenfalls eine Blutsperre (z.B. Gummiband am Finger) angelegt werden. Bei glatten, gut durchbluteten Rändern kann auf eine Wundexzision verzichtet werden. An Gesicht und Händen ist diese aus anatomischen und kosmetischen Gründen generell zu vermeiden. Der Wundverschluss muss spannungsfrei erfolgen. Bei gelenknahen Wunden sollte das Gelenk bis zur Wundheilung ruhig gestellt werden.
Eine Abklärung des Tetanusschutzes ist obligat. Besteht keine Grundimmunisierung, muss eine simultane aktive und passive Tetanusimpfung erfolgen. Ist die letzte Impfung mehr als zehn Jahre her (bei stark verschmutzen Wunden fünf Jahre), ist eine Auffrischung nötig.

Verbandswechsel und Nahtentfernung

Der erste Verbandswechsel erfolgt am ersten oder zweiten postoperativen Tag, eine Wundkontrolle nach drei und sieben Tagen. Das Fadenmaterial wird je nach Lokalisation der Wunde nach drei bis 14 Tagen entfernt. Die primäre Wundnaht ist kontraindiziert, wenn nicht alle Fremdkörper entfernt werden konnten, bei ausgedehnten Trümmerzonen und Gewebszerquetschungen, bei Verletzungen, die mit pathogenen Keimen infiziert sein können, sowie bei Biss- und Schusswunden.

Besser zum Facharzt

Wunden in besonderen Lokalisationen sollten vom Spezialisten behandelt werden:
• tiefe Wunden senkrecht zum Lidrand und im Bereich der Tränenwege => Augenarzt
• Wunden im Bereich der Nasenflügel => Plastischer Chirurg oder HNO-Arzt
• Wunden im Bereich des Mundes => Plastischer Chirurg
Wunden im Gesicht sollten immer sorgfältig/ anatomiegerecht genäht werden.

 

 Fingerwunde
Geringstmögliche Narbenbildung bei maximaler Funktion ist das Ziel jeder Wundbehandlung.

Foto: Ärzte Woche

Akute Wunden fachgerecht versorgen

Schürfwunden
Oberflächliche, schmerzhafte Epidermis­defekte mit geringer Blutungsneigung. Gründliche Reinigung und Desinfektion erforderlich. Nachbehandlung offen bzw. trockener Verband mit Fettgaze und Pflaster. Gerbende Substanzen (z. B. Mercurochrom) verzögern die Wundheilung.

Platzwunden (Riss-/Quetschwunden)
Entstehung nach stumpfer Gewalteinwirkung; meist zerfetzte Ränder, daher Infektionsgefahr. Gut reinigen, Wundränder (außer im Gesicht und an den Händen) debridieren. Lokalisation meist dort, wo die Haut ohne Weichteilpolsterung dem Knochen aufliegt (z. B. Schädel).
Wichtig: Frage nach Symptomen wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Schwindel oder Sehstörungen bzw. Einnahme von
Antikoagulanzien. Bei entsprechenden Symptomen neurologische Überwachung oder CT-Kontrolle (Überweisung in die
Klinik).

Quetschverletzungen
Entstehung nach stumpfer Gewaltanwendung, meist bilateral; unregelmäßige Wundränder mit ausgedehnter Gewebszerstörung. Infektionsgefahr. Wiederherstellung des zerstörten Gewebes oft nicht möglich. Kleinere Läsionen können nach Wundexzision primär vernäht werden.
Größere Wunden sollten vor dem Verschluss großzügig debridiert oder gegebenenfalls offen belassen oder sekundär vernäht werden.

Decollement
Tangentiale Abscherung von Hautlappen gegenüber dem Subkutangewebe; meist bei alten Patienten oder bei Pergamenthaut. Die Haut ist äußerst nekrosegefährdet und sollte nach Reinigung so weit wie möglich über dem Subkutangewebe ausgebreitet, jedoch nicht angenäht werden.

Schnittverletzungen
Meist glatte Wundränder; heilen meist nach primärer Naht auch ohne Wundexzision. Kleinere Schnittwunden lassen sich gut mit Klebestreifen adaptieren.
Bei Verdacht auf Sehnen-, Nerven- oder Gefäßverletzungen sowie bei tieferen Schnitten Überweisung in die Klinik.

Bissverletzungen
Kombination aus Stich-, Quetsch- und Rissverletzungen durch Tier- oder Menschenzähne. Stets kontaminiert; bis auf wenige Ausnahmen nach dem Debridement offen behandeln. Initiale Antibiotikagabe; Cave: Übertragung von Tollwut, Hepatitis oder HIV; im Zweifelsfall entsprechende Prophylaxe.

Geschlossene Wunden (Prellung, Quetschung)
Entstehung durch stumpfe Gewalt. Subkutanes Gewebe wird ohne Durchtrennung der Haut geschädigt. Folge: Blutergüsse und Symptome. Besonders im Bereich der Extremitäten müssen Durchblutung, Sensibilität und Motorik distal überprüft und ein Kompartmentsyndrom ausgeschlossen werden.

Infizierte Wunden
Infizierte/fraglich infizierte Wunden dürfen nicht primär vernäht werden. Gelegentlich müssen sie sogar primär erweitert werden, um den Ablauf von Sekret und Eiter zu gewährleisten. Ist die Wunde weit offen und gut debridiert und bestehen keine systemischen Infektionszeichen, ist nicht zwangsläufig eine Antibiose nötig.

Stichverletzungen
Trotz meist kleiner Hautwunde Versorgung nicht in der Allgemeinpraxis! Stichkanal revidieren, eventuelle Fremdkörper entfernen. Unter Umständen sind (besonders stammnah) tiefer liegende Organe oder Gewebe verletzt. Um dies festzustellen, ist eine aufwendigere Diagnostik notwendig, in manchen Fällen sogar eine Thorako- oder Laparotomie.
Cave: Infektionsneigung durch Keimverschleppung in die Tiefe.

Schussverletzungen
Hier zu Lande eher eine Rarität, in haus­ärztlichen Praxen wohl kaum zu sehen. Als Kombination aus Riss- und Quetschwunde mit Zerreißung oder Druckschädigung von Geweben sind die Verletzungen im Verlauf des Schusskanals gravierender, als die äußeren Wunden vermuten lassen. Versorgung in jedem Fall in einem Krankenhaus mit Operationskapazität. Antibiotikatherapie obligat. Nach großzügigem Debridement wird die Wunde offen belassen und Sehnen und Nerven werden im Verlauf versorgt.

Quellen: Bruch H-P, Trentz O.: Berchthold Chirurgie, Urban & Fischer. Häring R, Zilch H: Chirurgie, de Gruyter. Heberer G, Köle W, Tscherne H: Chirurgie und angrenzende Gebiete, Springer-Verlag.

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