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Allgemeinmedizin 13. März 2007

Körperliche Schonung für chronisch Kranke obsolet

Studien, welche die Vorteile von physischer und medikamentöser Therapie gegenüberstellten, sahen durchwegs die Bewegung vorne. Eine Weisheit, die auch für chronisch Kranke gilt.

In den letzten Jahren hat sich die Sichtweise von körperlicher Bewegung in der Medizin wesentlich verändert. War es früher üblich, Patienten mit chronischen Erkrankungen von jeglicher Bewegung abzuraten, konnte in den letzten Jahren durch unzählige Studien bewiesen werden, dass körperliche Aktivität nicht nur eine bedeutende Rolle hinsichtlich der Prävention spielt, sondern desgleichen eine hervorragende, oftmals der medikamentösen Therapie überlegene krankheitsverbessernde Wirkung auf bestimmte chronische Erkrankungen hat. Als präventive Maßnahme ist es möglich, durch ein aktives Leben mit jahrelanger regelmäßiger Bewegung das Risiko bestimmter Krebserkrankungen (z.B. Brustkrebs, Darmkrebserkrankungen) um bis zu 60 Prozent zu reduzieren. Trotz alledem zeigte sich in einer Umfrage, dass etwa 38 Prozent der Bevölkerung nur gelegentlich und sogar rund 24 Prozent nie aktiv sind.

Herzinsuffizienz verbessern

Durch regelmäßige Bewegung können chronische Krankheitsverläufe direkt beeinflusst werden, wobei dies nur durch ein effizientes und dem Patienten zugeordnetes Ausdauer- bzw. Krafttraining erreicht werden kann. Bei koronaren Herzerkrankungen wird durch organisiertes Training die Sauerstoffversorgung des Herzens verbessert, durch Verringerung der Herzarbeit und des Sauerstoffverbrauches bei gleicher Belastung. Hat man Patienten mit schwerer Herzinsuffizienz früher von Training ausgeschlossen, konnte in den letzten Jahren gezeigt werden, dass sowohl Ausdauer- als auch Krafttraining die Leistungsfähigkeit und damit die Lebensqualität signifikant verbessern. Nach diesen neuen Erkenntnissen kann beispielsweise auch bei Patienten mit nicht insulinabhängigen Diabetes mellitus durch ein gezieltes Kraft- und Ausdauertraining die Insulinresistenz herabgesetzt und die Insulinsensitivität verbessert werden, wobei sich hier ein kleiner Vorteil des Krafttrainings gegenüber dem Ausdauertraining zeigen ließ. Regelmäßige Bewegung dient zudem primär der Osteoporoseprävention, dennoch gibt es auch Hinweise, dass die Knochendichte durch ein adäquates Krafttraining bei bereits bestehender Osteoporose zunimmt. Natürlich gibt es auch chronische Erkrankungen, die durch regelmäßige Bewegung unbeeinflusst bleiben. Aber bei vielen dieser Patienten liegt eine eingeschränkte Leistungsfähigkeit vor, die zur Beeinträchtigung der Lebensqualität führt und ein höheres Mortalitätsrisiko birgt. Durch ein gezieltes Ausdauer- bzw. Krafttraining ist es möglich, die Leistungsfähigkeit zu verbessern und damit wesentlich zur Steigerung der Lebensqualität beizutragen.

Kraft und Ausdauer als Kardinaltugenden

Von den fünf motorischen Grundeigenschaften – Ausdauer, Kraft, Koordination, Flexibilität und Schnelligkeit – sind im Wesentlichen nur Ausdauer und Kraft im Rahmen der medizinischen Trainingstherapie bedeutend. Prinzipiell ist es v.a. für ältere Menschen wichtig, körperliche Übungen in einem medizinischen Trainingszentrum unter Aufsicht von medizinisch geschultem Personal und Ärzten zu beginnen. Für die sichere und wirksame Anwendung der körperlichen Aktivität sind einige Regeln der medizinischen Trainingslehre zu beachten. Für das Training der Ausdauer geeignete Sportarten sind vor allem dadurch gekennzeichnet, dass mehr als ein Sechstel der gesamten Muskelmasse bewegt wird. Zu diesen Betätigungen zählen unter anderem Gehen, Laufen, Schwimmen oder Radfahren. Um wirkungsvolle Effekte zu erzielen, muss der Bewegungsablauf mit einer bestimmten Intensität, Dauer und Häufigkeit durchgeführt werden. Für das Ausdauertraining liegt der Intensitätsbereich zwischen 50 und 70 Prozent. Die Kontrolle der gewählten Intensität erfolgt während des Trainings über eine Trainingsherzfrequenz (HFTr), die der gewünschten Intensität zugeordnet werden kann. Die Berechnung der individuellen HFTr wird anhand einer symptomlimitierten Belastungsuntersuchung durchgeführt. Ausgehend von dieser Untersuchung kann auch der entsprechende wöchentliche Trainingsumfang, je nach erbrachter Leistung, festgelegt werden. Es müssen mindestens zwei Trainingseinheiten pro Woche absolviert werden, optimal wären aber drei bis vier. Zur systematischen Verbesserung der Leistungsfähigkeit ist eine Steigerung des wöchentlichen Trainingsumfanges um 25 bis 50 Prozent alle sechs bis acht Wochen notwendig. Wird das Training allerdings beendet (beispielsweise nach einem entsprechenden Rehabilitationsaufenthalt), so führt dies unweigerlich wieder zu einem Rückgang der Leistungsfähigkeit und parallel dazu auch der organischen Anpassungen. Vier bis sechs Wochen nach Beendigung einer dreimonatigen Trainingsperiode mit einem Leistungszuwachs von 15 bis 20 Prozent ist dieser Trainingseffekt wieder vollständig aufgehoben.

Bei akuter Exazerbation sofort Schlusspunkt setzen

Aber Achtung: Jede akute Erkrankung, jede Exazerbation oder Entgleisung der chronischen Erkrankung stellt eine Kontraindikation für das Training dar. Grundvoraussetzung für die physische Betätigung ist immer die Fortführung der Therapie sowie das Mitführen einer eventuellen Notfallmedikation. In den letzten Jahren hat die Bedeutung des Krafttrainings als Bestandteil der medizinischen Trainingstherapie wesentlich zugenommen. Während Ausdauerübungen, insbesondere nach einer entsprechenden Lernphase, auch zu Hause fortgesetzt werden kann, ist die Durchführung eines adäquaten systematischen Kraftaufbautrainings in spezialisierten Zentren notwendig. Für die Verrichtung des Krafttrainings gelten im Wesentlichen die gleichen Regeln wie für das Ausdauertraining, d.h. die Festlegung einer bestimmten Intensität (Trainingsgewicht), einer Wiederholungszahl und die Determination der Übungssätze pro Muskelgruppe. Das Krafttraining muss fortlaufend adaptiert werden, d.h. an die Fortschritte des Trainierenden angepasst werden.

Schlussfolgerungen

Nach heutigem Wissen ist regelmäßige Bewegung und geplantes Training ein wichtiger Bestandteil von Therapie und Rehabilitation von Patienten mit chronischen Erkrankungen. Oftmals ist es möglich, dadurch den Verlauf der Erkrankung positiv zu beeinflussen, und die medikamentöse Therapie zu reduzieren. Die Patienten leiden aber oft nicht an der Erkrankung selbst, sondern an der damit verbundenen eingeschränkten Leistungsfähigkeit. Richtig und konsequent durchgeführtes Training führt unabhängig von der Art der Erkrankung, vom Schweregrad und vom Alter des Patienten zu einer Verbesserung der maximalen aeroben Leistungsfähigkeit (VO2max) und damit zu einer signifikanten Verbesserung der Lebensqualität und Reduktion der Mortalität.

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