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Allgemeinmedizin 13. März 2007

Elektronische Überweisung ante portas

Pro und Kontra prallen derzeit noch stark aufeinander. Für die einen ist die elektronische Überweisung der nächste logische Schritt nach Einführung der e-Card und vor Umsetzung der elektronischen Gesundheitsakte ELGA. Kritiker sehen darin keinen Nutzen, sondern Geldverschwendung im großen Stil.

Im Rahmen der e-Health-Strategie von Gesundheitsministerium und Hauptverband wird seit längerem an der Umsetzung des Projekts „elektronische Überweisung“ gearbeitet. Die Grundidee: Vom zu- bzw. überweisenden Arzt werden die Daten über den auch für die e-Card genutzten Server übermittelt. Als Vorstufe wurden Arbeitsgruppen in Oberösterreich und in Wien eingerichtet, in denen neben umsetzenden Firmen wie IBM und Siemens auch der Hauptverband sowie Vertreter von Ärzten aus dem intra- und extramuralen Bereich vertreten waren. In Wien entstand daraus ein Schriftstück, zu dem die Landes-Ärztekammer eine umfassende Stellungnahme verfasst hat, die kein gutes Haar an den Plänen lässt.

Klares „Nein“ aus Wien

„Von einer elektronischen Überweisung würden weder die Ärzte, die Patienten noch die Spitäler und Sozialversicherungsträger profitieren“, fasst Dr. Johannes Steinhart, Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte der Ärztekammer für Wien, zusammen. Es würde weiterhin irgendein Papier geben müssen, das Patienten bei einer Überweisung bekommen. „Der Patient braucht Informationen, um einen Termin für die weiteren Untersuchungen vereinbaren zu können“, argumentiert Steinhart. Bei radiologischen Untersuchungen müsse schon im Vorfeld angegeben werden, von welcher Körperregion Aufnahmen nötig sind. Auf dem derzeitigen Überweisungsschein finden sich zudem immer wieder erläuternde Informationen auf der Rückseite. Gerade Zu- oder Überweisungen ins Spital werden oft im Rahmen eines Hausbesuches ausgestellt. „Hier kann also keine elektronische Überweisung umgesetzt werden“, meint Steinhart, „daher würde das System auch für Spitäler nur bedingt Arbeitserleichterung bringen.“ Er und das Team der Wiener Ärztekammer sehen aber noch weitere Probleme am Horizont. Eines davon: Die Wahlärzte sind nicht in das e-Card-System eingebunden, so dass hier eine eigene Lösung nötig wäre. Aus der Bundeshauptstadt kommen auch massive Bedenken zum Datenschutz: Damit ein Arzt auf eine elektronische Überweisung zugreifen kann, muss diese irgendwo gespeichert werden. So werde überwachbar, ob und wie eine Überweisung eingelöst wird, sagen die Kritiker. Außerdem könne es dazu kommen, dass eine Behandlung nicht bezahlt wird, weil eine elektronische Überweisung „verfallen“ ist.

Papier trotz Elektronik

„Für die Mehrheit der niedergelassenen Ärzte würde die elektronische Überweisung eine Verschlechterung bringen“, meint Steinhart. „Sie erzeugt zusätzlichen Aufwand, weil neben dem Eintrag in das System auch Informationen für den Patienten erstellt werden müssen. Dazu kommen Kosten durch Investitionen in die EDV. Insgesamt also eine weitere Verschärfung der bürokratischen Belastung, die die Zuwendungsmedizin massiv behindert.“ Profitieren würden letztlich nur die involvierten Firmen aus der IT-Branche. Auch auf Seiten der Sozialversicherungsträger würden mehr administrative Belastung entstehen und hohe Investitionskosten anfallen. „Aus unserer Sicht ist das Projekt nicht umsetzbar“, bringt es Steinhart auf den Punkt.

Hauptverband glaubt an das Projekt

Ganz anders sieht das DI Volker Schörghofer, Stellvertretender Generaldirektor des Hauptverbandes: „Zunächst ist festzuhalten, dass es die Ärzte, im Speziellen die Fachärzte waren, die sich eine elektronische Form der Zu- und Überweisung gewünscht haben.“ Einige Kritikpunkte der Wiener Ärztekammer seien berechtigt, hier ginge es aber um Details, die Berücksichtigung finden würden. „Es steht außer Frage, dass das Projekt weiter umgesetzt wird. Unser Ziel ist, noch heuer einen Pilotversuch in einem Bundesland unter Einbindung eines Spitals zu starten“, ist Schörghofer zuversichtlich. Er vermutet, dass die heftige Kritik aus Wien damit zu tun hat, „dass für den überweisenden Arzt Arbeit anfällt, von der ein anderer Arzt profitiert – wobei es für den Aufwand noch keine Honorierung gibt“. Zu diesem Punkt wären weiterführende Diskussionen sinnvoll. „Aber“, betont Schörghofer, „hier geht es um Honorarpolitik und nicht darum, ob das Projekt prinzipiell sinnvoll und umsetzbar ist.“ Dass Patienten zusätzlich zur elektronischen Überweisung Informationen auf Papier mitgegeben werden müssen, sieht der Hauptverbands-Vertreter nicht als Problem: „Es ist keine Frage, dass dies gerade für ältere Patienten wichtig ist. Mit moderner EDV ist ein Papierausdruck aber keine Herausforderung.“

Einschränkungen für Zugriff

Manche Details stehen noch zur Diskussion. Schörghuber meint, dass die Überweisung keine eindeutige Identifikationsnummer tragen müsse. Sinnvoll wäre hingegen, wenn beim Arzt vorab telefonisch eine Terminvereinbarung gemacht werde. Zugreifen könne ein Arzt einer bestimmten Fachgruppe nur auf jene Überweisungen, die seinen Bereich betreffen und wenn der Patient durch Stecken der e-Card seine Zustimmung gibt. Wenn bei Hausbesuchen eine Papierform zum Einsatz kommen muss, sieht dies Schörgofer auch nicht als Hindernis: „Niemand muss mit diesem System unbedingt 100 Prozent aller Überweisungen abwickeln.“ Dass die Wahlärzte ein Problem darstellen könnten, kann er daher auch nicht nachvollziehen. Für Fachärzte, Krankenhäuser und Sozialversicherungsträger würden sich jedenfalls Vorteile und Einsparungen und nicht mehr Aufwand als bisher ergeben. Laut Schörghofer wird das Thema e-Überweisung in Oberösterreich die Thematik anders gesehen als in Wien, die dortigen Gespräche seien konstruktiv gewesen. „Konstruktive Gespräche bedeuten nicht automatisch euphorische Freude und Akzeptanz“, relativiert Dr. Thomas Fiedler, Kurienobmann-Stellvertreter der niedergelassenen Ärzte der Ärztekammer für Ober­österreich. Zunächst sei nach wie vor nicht mit der nötigen 200-prozentigen Sicherheit klar, dass gespeicherte Daten nur von berechtigten Personen abrufbar sind.

Gefahr für Patientenintegrität

„Wir stehen am Anfang eines Diskussionsprozesses und nicht an seinem Ende“, betont Fiedler. „Es besteht die Gefahr eines noch nie dagewesenen Anschlags auf hochsensible Daten und die Integrität der Patienten.“ Außerdem sei noch unklar, wer vom System einer elektronischen Überweisung wirklich profitiert. Deshalb sollten die Einwände aus Wien genau analysiert und nicht einfach abgetan werden. Auch Fiedler rechnet mit Millioneninvestitionen, die das Projekt verursachen würde.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 11/2007

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