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Allgemeinmedizin 7. März 2007

„Binge Drinking“ und „High Speed Life“

„Ecstasy“ und „Speed“ sind für einige Diskotheken ebenso selbstverständlich wie (zu) laute Musik. Warum die Jugend derzeit aber verstärkt vulnerabel für die Flucht in Rauschzustände ist, eröterten Experten in Wien.

Die nackten Daten spiegeln die erschreckende Realität wider: 93 Prozent der 15-Jährigen haben bereits Alkohol konsumiert, 80 Prozent Zigaretten, 21 Prozent probierten Haschisch und 14 Prozent besitzen Erfahrung im Schnüffeln von organischen Lösungsmitteln. Als Dr. Werner Leixnering, Vorstand der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Wagner Jauregg Spital, Oberösterreich, diese Fakten vorstellte, gewann er rasch die Aufmerksamkeit des Podiums beim Symposium für „Jugend, Sucht und Kultur“, Ende Jänner in Wien.

Echte Abhängige ausfiltern

Glücklicherweise wird nicht aus jedem Probierer automatisch ein Suchtkranker. Doch welche Faktoren begünstigen eine Suchtkarriere und welche hemmen sie? Die Definition einer bestehenden Suchtproblematik gestaltet sich beim Jugendlichen im Gegensatz zum Erwachsenen äußerst schwierig. „Wer als Probierer, Gewohnheitskonsument, Missbraucher oder bereits Abhängiger in der Diagnostik der Abhängigkeitshierarchie gilt, ergibt sich aus einer sehr detaillierten Anamnese im Vorfeld der manifesten Suchterkrankung“, so Leixnering, „denn echte Abhängige sind selten. Diese herauszufiltern ist eine der Domänen der Kinder- und Jugendpsychiatrie.“ Daraus ergäbe sich freilich die legitime Fragestellung, ob denn eine jugendspezifische Suchttherapie existiere.

Nicht jeder Jugendliche schlägt die „Suchtkarriere“ ein

Die individuelle Adaptationsfähigkeit ist ein Grund, warum nicht jeder Probierer unabwendbar in die Sucht rutscht. Leixnering erklärte die persönliche Disposition als individuelle Resultante aus Resilienz (die Fähigkeit, Lebenskrisen zu meistern) und Vulnerabilität. Daneben spielen genetische, biologische und psychosoziale Einflussfaktoren eine entscheidende Rolle. Maßgeblich beteiligt an einer ausgeprägten Resilienzfähigkeit ist die Realisierung einer geeigneten Psychoedukation, deren Stellenwert in der Kinder- und Jugendpsychiatrie zunehmend als wichtig eingeschätzt wird. Leixnering: „Heute werden Eltern zusammen mit ihren Kindern aufgeklärt. Früher nahm man nur die Eltern zur Informationsvermittlung beiseite, die Jugend verstehe sowieso nichts davon, wurde argumentiert.“ Als ausschlaggebende Risikofaktoren für die Entwicklung von Suchtverhalten bei Jugendlichen nannte der Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, Teilleistungsstörungen, ADHS und posttraumatische Belastungsstörungen. Aber auch affektive und schizophrene Störungen, familiäre (biologische und psychosoziale) Belastungen und ein spezieller Lebensstil, der als „High Speed Life“ bezeichnet wird, zählen dazu. Als Zeitgeistphänomen beschreibt der neudeutsche Ausdruck eine Lebenseinstellung, bei der nichts schnell genug laufen kann und für nichts wirklich Zeit bleibt. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, muss jeder jung und beweglich bleiben, andernfalls droht der Anschluss an das Leben verloren zu gehen. Es ist daher nicht verwunderlich, warum so viele Jugendliche Speed (nomen est omen) zu sich nehmen. Für sie scheint es die einzig mögliche Lösung, sich den Anforderungen der schnelllebigen Zeit zu stellen. Selbst der Alkoholkonsum hat sich diesem Stil angepasst: Der derzeit hippe Terminus „Binge Drinking“ (binge.- Gelage) bringt es auf den Punkt. Er stammt aus der Trinkkultur der englischen Pubs und bezeichnet das rasche Trinken von mehreren Getränken hintereinander. Da Pubs relativ früh geschlossen wurden, fiel die letzte Getränkerunde oft üppig aus, sodass noch vor Lokalschluss schnell alle Gläser geleert wurden.

Jugend ohne Arbeit und ohne Zukunft

Jugendliche zeigten heute eine hohe Ausprägung an Ängstlichkeit, erklärte Leixnering und verwies auf die triste sozioökonomische Lage. Der hohe Leistungsdruck an Schulen, das Kämpfen um kaum vorhandene Lehrstellen, niedrige Einkommen, Preisanstiege und eine ungewisse Zukunft begünstigten massiv das Entstehen von Existenzängsten. Wiederholte Zurückweisungen auf dem Arbeitsmarkt förderten zudem den Verfall des individuellen Selbstwertes. Die so aufkommende pessimistische Grundhaltung, assoziiert mit Angst, könnte Depression bzw. ungerichtete Aggressivität und Impulsivität fördern. All diese Faktoren begünstigen nach Expertensicht das Entwickeln von Suchtverhalten, denn die einzig mögliche scheinende Lösung für die Jugend scheint das Verdrängen der für sie brutalen Realität. Der Griff zur Droge ist einfach und bewirkt ein schnelles Abbauen von Spannungen. Natürlich wird übersehen, dass die Verdrängung nur kurzfristig funktioniert, und so ist der Weg in die Abhängigkeit oft schon vorgezeichnet. Und tatsächlich, bestätigte Leixnering, gehören in der Kinder- und Jugendpsychiatrie verunsicherte Patienten mit Existenzängsten und Selbstunsicherheit zur Tagesordnung. Die gegenwärtige Kinder- und Jugendpsychiatrie versteht sich als Promotor der Suchtprävention. Im Rahmen der Primärprävention wird den Kindern und Jugendlichen der Erwerb von Kompetenzen ermöglicht und damit von neuen Möglichkeiten. Leixnering: „Ressourcen zu schaffen, beginnt nicht erst in der Jugend, sondern viel früher. Somit ist die Aussage, dass es erst gefährlich werde, wenn die Kinder ins Jugendalter eintreten, vollkommen falsch. Die Erfahrung zeigt, je früher der Interventionsbeginn, umso besser der Erwerb von Kompensationsmechanismen.“

Frühe Prävention bereits im Kindergarten

Aufgrund dieses Wissens empfiehlt der Experte, schon im Kindergarten mit Präventionsinitiativen zu beginnen. Vor allem sei wichtig, die Genussfähigkeit zu vermitteln bzw. Mäßigkeit zu lehren. Zu den Zielen einer Primärprävention gehören außerdem, Selbstwert, Selbstakzeptanz, Selbstwirksamkeit (etwas alleine bewirken können) zu steigern, um dem Jugendlichen die Chance zu geben, sich als Individuum wahrzunehmen, das seinen Platz im sozialen Gefüge hat. Leixnering: „Auf diese Weise haben junge Menschen die Möglichkeit, sich von einem Substanzenmissbrauch zu distanzieren. Es gibt Untersuchungen, die belegen, dass besonders frühe Anfänger eine relativ große Aussicht hätten, der Abhängigkeit zu entgehen.“ Der Experte wünschte sich in diesem Zusammenhang eine „Abkehr vom Ab­stinenzdogma, ein Wechsel vom Verbot zum Gebot.“ Obwohl als Zuweisungsgrund für eine Aufnahme auf eine Kinder- und Jugendpsychiatrie häufig ein Abhängigkeitssyndrom angegeben wird, stellt dieses oft nicht die eigentlich zu behandelnde Störung dar. Nur eine klare Anamnese, die auch eine Sozialanamnese mit biographischen Elementen im Lebenskontext einschließt, fungiert als Entscheidungsgrundlage, ob definitiv ein Substanzenmissbrauch vorliegt. „Eine klare Diagnostik im Rahmen einer Sekundärprävention ist wesentlich. Und man erfährt bei der Beschäftigung mit Jugendlichen oft viel mehr als während der Erwachsenenarbeit“, argumentierte Leixnering.

Keine Zeit? Kein Vertrauen!

Die Grundlage für eine erfolgreiche Tertiärprävention bietet hingegen eine genügende Anzahl von Versorgungseinrichtungen, sowohl im Akut-, als auch im Langzeittherapie-Bereich. Dabei geht es sich nicht nur um ein umfassendes Angebot an Tageskliniken, sondern desgleichen um ein dichtes Netzwerk von psychosozialen Stützpunkten. In den Phasen des Ausstiegs – Vorstadium, Überlegen, Entscheiden, Ausführen und letztlich Durchhalten – die der Jugendliche durchläuft, ist es bedeutsam, ihm einerseits ein gewisses Maß an Begleitung zuzusichern, andererseits aber für die Bewältigung jeder einzelnen Phase auch genügend Zeit zur Verfügung zu stellen. Genügend Zeit sei vor allem in der Jugendpsychiatrie ein äußerst wertvolles Gut, „denn Vertrauen kann nur langsam aufgebaut werden“, betonte Leixnering.

Maierhofer, Ärzte Woche 10/2007

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