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Allgemeinmedizin 7. März 2007

Unterbringungszahlen steigen weiter

Das Unterbringungsgesetz (Ubg) hat sich in seinen Grundzügen bewährt. Reformbedarf gibt es nach wie vor bei der Umsetzung. Auch Impulse zur Verbesserung der Qualität psychiatrischer Versorgung sind weiterhin erforderlich.

„Das Gesetz hat sicher eine enorme Weiterentwicklung gebracht. Im Nachbarland Deutschland gibt es in jedem Bundesland unterschiedliche Regelungen. Was Klarheit, Transparenz und Wahrung der Patientenrechte anbelangt, liegt das österreichische UbG an der Spitze“, sagt Prim. Dr. Christian Spaemann, Leiter der Abteilung für psychische Gesundheit am Krankenhaus St. Josef der Franziskanerinnen in Braunau. „Gefördert wird eine intensive Auseinandersetzung mit der Situation des Patienten, um oft phantasievolle Lösungen zu finden. Das UbG ist eine – in positiver Hinsicht – Herausforderung an das therapeutische und pflegerische Handeln.“

Spielraum für Entscheidungen

Für Spaemann lässt das Gesetz ausreichend Spielraum: „Es verhindert nicht, dass Menschen, die es wirklich brauchen, in der Psychiatrie behandelt werden können.“ Auch eine schwerwiegende Gefährdung der psychischen Gesundheit würde reichen, um entsprechend dem UbG zu handeln. Im Jahr 1991 ist das UbG in Kraft getreten. Es legt die Rahmenbedingungen für die „Anhaltung“ eines Menschen auf psychiatrischen Abteilungen fest. „Die Diskussion zum Gesetz begann in den 70er-Jahren mit der Kritik an der bis dahin üblichen Psychiatrie in Großanstalten“, blickt Dr. Gerhard Hopf, Sektionschef im Bundesministerium für Justiz zurück. Die lange Diskussion und das Gesetz selbst hätte einerseits „zu einer Entstigmatisierung der Psychiatrie“ beigetragen, andererseits habe sie in der Gesundheitspolitik „einen deutlich höheren Stellenwert“ bekommen. „Die anfänglich großen Vorbehalte gegen das UbG haben sich inzwischen relativiert“, meint Hopf. Vereinzelt übten Ärzte bzw. Angehörige noch Kritik, das UbG würde in manchen Fällen eine nötige Behandlung verhindern.

Weiterhin stark steigende Unterbringungszahlen

Unabhängig von Stärken oder Schwächen der gesetzlichen Rahmenbedingungen steigt die Zahl der Unterbringungen stark an: 1995 waren ca. 10.500 Menschen betroffen, 2006 etwa 19.000. „Diesem Problem wird zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt“, bedauert Spaemann, es werde auch zu wenig erforscht. Ein weiteres Nadelöhr: Auf 1.000 Einwohner kommen nur 0,3 psy­chiatrische Betten. Deshalb herrscht ein enormer Aufnahmedruck auf die Abteilungen, der auch eine Verkürzung der Liegezeiten bringt. Insgesamt sind individuelles Eingehen und eine ausreichende Stabilisierung oft nicht ausreichend gewährleistet. Verschärft wird dieses Manko durch viele Lücken im psychosozialen Bereich und in der fachärztlichen Versorgung. Fehlen regional Entwöhnungseinrichtungen für Abhängigkeitskranke, fördert dies die „Drehtürpsychiatrie“. „Konzepte, dem zu begegnen, gibt es genug, sie müssten nur endlich umgesetzt werden“, fordert Spaemann.

Ökonomischer Druck auf Spitalsträger und Mitarbeiter

Hopf verbindet den Anstieg der Zahlen mit verstärktem ökonomischen Druck auf Spitalsträger: „Die Aufenthaltsdauer soll möglichst kurz bleiben, Wiederaufnahmen werden so wahrscheinlicher.“ Den zunehmenden Druck auf Mitarbeiter psychiatrischer Abteilungen nimmt auch Mag. Elke Beermann wahr. Sie ist Leiterin des Fachbereichs Patientenanwaltschaft des „VertretungsNetz“, wie sich der Verein für Sachwalterschaft, Patientenanwaltschaft und Bewohnervertretung seit Jahresbeginn nennt. „Analysen der Entwicklung in Graz zeigen aber“, so Beermann, „dass der Anstieg der Zahlen weniger auf eine ‚Drehtürpsychiatrie’ zurückzuführen ist, sondern Zuwächse vor allem bei Neuaufnahmen zu verzeichnen sind.“ Sie ist mit Spaemann und Hopf einer Meinung, dass die Entwicklung der Unterbringungszahlen nicht genau genug erforscht ist. „Vor allem fehlen Zahlen über die Dauer der Unterbringungen. Kaum erforscht ist auch, wo und wie Menschen, die in der Psychiatrie angehalten wurden, weiter betreut werden“, ergänzt Beermann. Laut Hopf soll die Forschung dazu wieder intensiviert werden. Im Herbst 2007 findet ein interdisziplinäres Symposium in Kitzbühl statt, an dem Ärzte, Richter, Vertreter der Patientenanwaltschaft und des Justizministeriums teilnehmen.

Offensichtlicher Bedarf

Für die Zukunft der Psychiatrie sieht Spaemann Anforderungen in mehreren Bereichen: Im Ausbau der akutpsychiatrischen Versorgung im niedergelassenen und ambulanten Bereich, in einer regelmäßigen fachärztlichen Präsenz in Alten- und Behindertenheimen, im Ausbau regionaler ambulanter oder teilstationärer Entwöhnungseinrichtungen für Abhängigkeitskranke sowie in der Erweiterung psychosozialer Angebote, besonderes im Bereich beruflicher Rehabilitation. Für die Zusammenarbeit mit Hausärzten, die bei psychischen Problemen oft erste Anlaufstelle sind, wäre ein regionales Netzwerk an Institutionen wichtig, mit denen Hausärzte kooperieren bzw. an die sie Patienten verweisen können.

Ambulanten Bereich stärken

Eine der Voraussausetzungen für eine Unterbringung ist das Fehlen von Alternativen für die Behandlung. Insofern sieht auch Hopf die Notwendigkeit, Strukturen im ambulanten Bereich zu stärken: „Das UbG hat zur Dezentralisierung der Psychiatrie beigetragen, die nun auch an Allgemeinspitälern zu finden ist.“ Deshalb sei zu prüfen, ob dies Veränderungen im UbG auslösen muss. Oft angesprochen werden laut Hopf die zwei fachärztlichen Gutachten, die für eine Unterbringung nötig sind. An vielen Orten kann dies mangels Fachärzten nicht oder nur mit Zeitverzögerung umgesetzt werden. Für Spaemann ist eine zweite Expertise in vielen Situationen aber wichtig: „Nur mit fehlenden personellen oder finanziellen Ressourcen zu argumentieren, ist zu wenig. Wir brauchen praktikable Lösungen.“ Ähnlich sieht das Beermann. Sie erinnert daran, „dass täglich geprüft werden muss, ob die Voraussetzungen für eine Unterbringung noch gegeben sind“. Eine Anhaltung wäre ein massiver Eingriff in die Persönlichkeitsrechte, „daher ist ein differenziertes Vorgehen wichtig“.

Einheitliche Standards auf Bundesebene fehlen

Beermann fordert zudem „für ganz Österreich einheitliche Standards, wie eine Unterbringung konkret umzusetzen ist“. Vorgangsweise und eingesetzte Maßnahmen zur Freiheitsbeschränkung dürften nicht nur von den jeweils handelnden Personen abhängig sein. „Dabei muss es auch um höchstpersönliche Rechte gehen, wie das Tragen von Alltagskleidung, das Recht auf Ausgang, das Führen von Telefonaten oder Einsicht in die Krankengeschichte bzw. den Einsatz von Dolmetschern“, präzisiert Beermann. Spaemann pflichtet bei, dass „bei jedem untergebrachten Patienten individuell zu prüfen ist, welche Maßnahmen nötig sind“. Diese müssten nicht automatisch hinter geschlossenen Türen verschwinden. Das UbG könne und solle Impulse für die Weiterentwicklung der Praxis in psychiatrischen Einrichtungen bringen.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 10/2007

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