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Allgemeinmedizin 28. Februar 2007

Burnout: Die Verantwortung teilen

Burnout entwickelt sich zu einer der Hauptursachen für Krankenstand und Arbeitsunfähigkeit. Oft liegen die Ursachen in den Schwächen der Firmen und Organisationen.

Holland ist eines der ersten Länder, in dem Burnout von Arbeitnehmern auch in den Verantwortungsbereich der Firmen fällt. Anlässlich des internationalen Kongresses „Burnout und Job Engagement“, organisiert von der Webster University Vienna, sprach die ÄRZTE WOCHE mit Prof. Dr. Wilmar Schaufeli, Professor für Arbeitspsychologie an der Universität Utrecht in Holland.

Holland ist mit seinen nationalen Gesundheitsstatistiken vielen Ländern voraus. In Österreich wird davon ausgegangen, dass jeder fünfte Berufstätige Burnout-gefährdet ist. Wie ist die Situation in Ihrem Land?
Schaufeli: Die Öffentlichkeit akzeptiert Burnout inzwischen voll als berufsbedingte Erkrankung. Eine große Rolle dabei spielte sicher, dass sich in letzter Zeit bekannte Sportler, aber auch Politiker dazu bekannt haben. Die Zahl der Betroffenen ist sehr stabil, sie liegt in den letzten zehn Jahren konstant bei circa fünf bis sieben Prozent, 16 Prozent sind gefährdet.

Wird Burnout in Holland als psychische Erkrankung gesehen?
Schaufeli: Das ist eine interessante Frage, weil es den Begriff psychische Erkrankung in Holland als solchen nicht gibt. Anders als in der deutschen Sprache unterscheidet man in der holländischen nicht zwischen körperlichen und psychischen Erkrankungen. Geistige Krankheit bedeutet, dass eine somatische Ursache vorliegen muss. Es gibt den Begriff psychische Störung, Depression wäre so eine Störung. In diesem Sinne ist Burnout also keine Krankheit, sondern eine Störung oder ein Problem. Wer ein „Problem“ hat, kann so vielleicht auch leichter darüber reden.

Wie wird Burnout in Holland definiert?
Schaufeli: In Holland existiert schon lange der Begriff „Überspanntheit“. Genau übersetzt heißt es wohl „Überarbeitetheit“. Eine Diagnose, die von Ärzten seit Jahrzehnten gestellt und von jedem verstanden wird. Dann kam der Begriff Burnout aus den USA. Meiner Meinung nach das Endstadium dieser Überspanntheit. Eine Form von Stress, die man nicht mit Pillen bekämpfen kann, eher mit Lifestyle. Wichtig ist die Differenzialdiagnose. Man kann ja auch erschöpft sein, wenn man Krebs hat. Auch die Abgrenzung zur Depression ist nicht unwichtig. Die wichtigsten Elemente darin sind irrationale Schuldzuweisungen und Selbstmordgedanken. Bei Depressiven ist alles grau. Die Burnoutleute können eventuell am Abend ins Theater gehen und sind vielleicht etwas müde, leiden aber nicht an Ahedonie. Die haben Sex, vielleicht nicht so wie früher, aber sie haben doch auch Spaß.

Wie geht man in Holland mit Burnout um?
Schaufeli: Früher hat man bei uns vielleicht Beruhigungstabletten gegeben und gesagt: „Machen Sie mal schöne Dinge, entspannen Sie sich, kommen sie in drei bis vier Wochen wieder.“ Doch diese Auszeit hat sich dann immer mehr verlängert. Nun fangen wir am Tag 1 mit der Rehabilitation an. So wie für Herzinfarkt oder Lungenembolie gibt es auch für Burnout Richtlinien. Evidence based soweit es geht, sonst auf der Basis von Konsens. Die Burnoutforschung geht in diese Dokumente ein. Richtlinien werden trainiert und unterrichtet. Es gibt ein Programm von verpflichtenden Nachhilfekursen, jeder Allgemeinmediziner wird darin ausgebildet.

Wer stellt die Diagnose und wer trägt die Kosten für die Behandlung?
Schaufeli: Die Diagnose stellt in erster Linie der Betriebsarzt. Er kann die Behandlung an den Hausarzt weitergeben oder bei Vorliegen eines psychologischen Grundproblems an den Psychologen überweisen. Mit der Diagnose wird jedenfalls sofort eingeschätzt, ob es sich um eine kurzfristige Angelegenheit, also um sechs bis acht Wochen handelt, oder eine komplizierte Problematik vorliegt, die eine multistrukturelle Diagnostik verlangt. Von Beginn an wird der Zustand von Burnout als geteilte Verantwortung für Arbeitnehmer und Organisation gesehen. Beide müssen sich verpflichten, das Problem zu lösen. Der Arbeitnehmer muss sich bereit erklären, an seiner Rehabilitation mitzuarbeiten. Er kann also nicht einfach sagen: „Ich geh‘ nicht zum Arzt, weil das finde ich Unsinn.“ Die Firma kann aber auch nicht sagen: „Sie kommen einfach zurück, und wir ändern nichts.“ Ein Jahr nach Vereinbarung der Maßnahmen wird dann geprüft, ob beide Parteien ihren Beitrag entsprechend geleistet haben. Ist dies der Fall, dann übernimmt der Staat die Kosten. Hat der Betrieb nicht genug getan, muss er die Kosten übernehmen. Hat das Individuum nicht genug getan, wird kein Krankengeld gezahlt. Das Kluge an diesem Konzept ist, dass beide ein Interesse daran haben, sich zu ändern.

Das Gespräch führte Prof. Dr. Regine Ahner

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