zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 28. Februar 2007

Geräusche wie in Watte gewickelt

Zuweilen ist es nur ein Pfropf im Ohr, der dem Patienten das Hören erschwert. Doch in den allermeisten Fällen handelt es sich um altersbedingte Schwerhörigkeit: Immerhin jeder dritte über 65-Jährige ist betroffen. Dass eine Hörminderung vorliegt, kann oft schon mit einfachen Tests – etwa mit der Stimmgabel – in der allgemeinmedizinischen Praxis abgeklärt werden.

Bei Patienten mit Schwerhörigkeit muss anamnestisch zwischen einer akuten und einer seit Längerem bestehenden Schwerhörigkeit unterschieden werden. Mithilfe des Stimmgabeltests nach Weber kann orientierend zwischen Schallleitungs- und Schallempfindungsschwerhörigkeit differenziert werden. Dazu wird eine Stimmgabel (z. B. 440 Hz) auf die Scheitelmitte aufgesetzt. Normalerweise wird der Ton im ganzen Kopf gleich laut gehört. Lateralisiert der Patient den Ton, weist das auf eine einseitige Hörschädigung hin. Wird der Ton in das kranke Ohr lateralisiert, liegt eine Schallleitungsschwerhörigkeit vor. Lateralisiert der Patient in das gesunde Ohr, besteht eine Schallempfindungsschwerhörigkeit (siehe Kasten).

Fremdkörper im Gehörgang

Häufig findet sich als Ursache einer akuten Schallleitungsschwerhörigkeit die Verlegung des äußeren Gehörgangs durch einen Ceruminalpfropfen. Dies kann der Hausarzt mittels Otoskop leicht bestätigen. Auf dem freien Markt gibt es eine Vielzahl von Präparaten, um den Pfropfen aufzuweichen. Vor einer solchen Therapie muss sichergestellt sein, dass kein Loch im Trommelfell besteht. Lässt sich eine Otitis media chronica nicht ausschließen, sollte der Patient dem HNO-Facharzt vorgestellt werden. Dies gilt erst recht für Prozesse, die auf eine chronische Ohrerkrankung hinweisen, z.B. die Absonderung von übel riechendem Ohrsekret (Otorrhö), da sich dahinter ein Cholesteatom verbergen kann. Eine weitere Ursache einer Schallleitungsschwerhörigkeit kann – vor allem bei Kindern – auch ein Fremdkörper im Gehörgang sein. Im Mittelohr kann die Schallübertragung durch eine akute Mittelohrentzündung oder einen Tubenkatarrh vorübergehend beeinträchtigt sein. Auch hier ist der otoskopische Befund entscheidend. Bei Otitis media oder therapieresistentem Paukenerguss sollte im Erwachsenenalter immer eine Raumforderung im Nasenrachenraum (z. B. Lymphom, Clivus-Chordom, Nasenrachenkarzinom) mittels Endoskopie durch einen HNO-Arzt ausgeschlossen werden. Besteht der Verdacht auf eine persistierende Mittelohrschwerhörigkeit, sollte ebenfalls eine Überweisung an den Facharzt erfolgen. Dieser wird primär eine operative Verbesserung der Schallübertragung in Erwägung ziehen mit dem Ziel, das Hörvermögen wieder vollständig herzustellen.

Reduziertes Verstehen

Der überwiegende Anteil der Schallempfindungsschwerhörigkeiten verläuft zu den hohen Frequenzen abfallend. Die Lautheit der Sprache kommt überwiegend von den tiefen Frequenzen; so wird Sprache bei Schwerhörigen oft als laut genug empfunden, das Sprachverstehen ist jedoch eingeschränkt, da Sprachinformationen aus den hohen Frequenzen fehlen. Dies führt zum typischen Bild des Hörens, aber Nichtverstehens. ­Diese Problematik verstärkt sich im Störgeräusch, zudem ist das Auseinanderhalten frequenznaher Geräusche (z. B. Sprache und Störgeräusch) erschwert. Der Schwerhörige benötigt im Störschall ein höheres Signal-Rausch-Abstandsverhältnis als der Normalhörende. Der Hausarzt muss hier zwischen einer akuten Hörminderung (Hörsturz) und einer chronischen Schwerhörigkeit unterscheiden.

Hörsturz ist ein Eilfall

Der Hörsturz ist eine ohne erkennbare Ursache plötzlich auftretende, meist einseitige Schallempfindungsschwerhörigkeit unterschiedlichen Schweregrades. Neben der Hörminderung kann ein Ohrgeräusch (Tinnitus) und/oder Schwindel auftreten. Der Hörsturz ist ein Eilfall. Die Überweisung an den HNO-Facharzt wird empfohlen, um den Hörsturz zu objektivieren und mögliche Ursachen auszuschließen. Den größten Anteil von Schwerhörigkeiten bildet jedoch die des fortgeschrittenen Alters. Eine bleibende Schallempfindungsschwerhörigkeit kann weder medikamentös noch operativ therapiert werden. Sie sollte – ebenso wie die Schallleitungsschwerhörigkeit, bei der die OP keinen Erfolg verspricht – mit einem Hörgerät versorgt werden, sofern die Kommunikation gestört ist. Ein gestörtes Richtungs- und Entfernungshören ohne Sprachverständigungsprobleme stellt dabei noch keine strenge Indikation zur Hörgeräteversorgung dar.

Verständnisschwierigkeiten beim Smalltalk

Bemerkt der Hausarzt bereits im Einzelgespräch, dass sein Patient nicht oder nur unzureichend hört, sollte er ihn an einen HNO-Facharzt überweisen. Dieser wird nicht nur eine audiologische Diagnostik durchführen, sondern auch die Art der Schwerhörigkeit klassifizieren. Er wird auch klären, ob der Patient in der Lage ist, ein Hörgerät zu bedienen. Ferner wird er den Patienten darüber aufklären, warum er eine Hörhilfe benötigt und welches Gerät infrage kommt. Schwieriger ist es, eine geringe oder mittelgradige Schwerhörigkeit, bei der sich das Sprachverstehen nicht auf das Einzelgespräch auswirken muss, herauszufinden. Eine Gehörabklärung ist sinnvoll bei Patienten, die von Kommunikationsproblemen im Störschall berichten (Cocktailparty-Effekt), aber auch bei Patienten, die sich sozial isolieren.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben