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Allgemeinmedizin 28. Februar 2007

Wird der Peering Point ein Flop?

Einige Bedenken bezüglich der Sicherheit des Peering Point konnten angeblich ausgeräumt werden. Ob das euphorisch eingeläutete und mit großen Summen vorfinanzierte Megaprojekt das halten kann, was versprochen wurde, ist knapp zwei Jahre nach dem Start nicht so klar.

Im Jahr 2005 gründeten Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) und Hauptverband der Sozialversicherungen die „Peering Point GmbH“. Auch die Kosten wurden brüderlich geteilt: im ersten Jahr insgesamt eine Million Euro. Über diesen „Datenknoten“ fließen alle mit der e-Card erhobenen Daten. Die ADSL-Verbindung hat aber auch einen zweiten Kanal, der – so betont Mag. Gerhard Holler (ÖÄK), einer der Geschäftsführer der Peering Point GmbH – zunehmend stärker von den Ärzten für verschiedene Zwecke genutzt wird. „Von den Ärzten gab es ja den klaren Wunsch an die Standesvertretung, sich für ein solches System zu engagieren, auch damit die Koordination der Daten in ärztlicher Hand bleibt“, argumentiert Holler. Mit der Präsentation des Peering Point entbrannte eine heftige Debatte über Datenschutz bzw. die Sinnhaftigkeit dieses Projekts. „Zwei unabhängige Gutachten belegen die Sicherheit der über den Peering Point gehenden Daten“, berichtet Holler. Diese würden in keiner Form zwischengespeichert, sie gingen innerhalb einiger Nanosekunden über die Schnittstelle weiter. „Somit wurde ein sicheres Netzwerk für hochsensible Daten geschaffen“, sagt Holler. Etwa 5.000 Ärzte würden mittlerweile über den Peering Point Befunde übermitteln und ca. 2.000 das Sofware-Update-Service nutzen. Angesichts der aktuellen Weitergabe von Gesundheitsdaten durch das Arbeitsmarktservice werden allerdings die Stimmen wieder lauter, die Sicherheit und Datenschutz bezweifeln. Ein Kritikpunkt am Peering Point war, dass die GmbH dahinter ein Marktmonopol anstrebe. „Wir haben inzwischen über 15 Firmen, mit denen wir kooperieren“, berichtet Holler, „und immer mehr Ärzte nutzen die Möglichkeit, ihre Software über den sicheren Weg des Peering Point regelmäßig einem Update zu unterziehen.“ Dies würde wesentlich einfacher gehen als mittels CD-Rom oder einem Modem.

4.000 Ärzte nutzen Webzugang

Über den Peering Point können auch der Zugang zum Internet und der e-Mail-Verkehr erfolgen, dies würden laut Holler etwa 4.000 Ärzte nutzen. Auch hier gäbe es nun eine große Bandbreite an Anbietern, die mit der GmbH zusammenarbeiten. Befürchtet wurde, dass sich Ärzte, die mit einer anderen Firma kooperieren, einen zweiten ADSL-Anschluss organisieren müssen. „Nunmehr sind aber viele etablierte Anbieter in das Projekt involviert“, betont Holler. Ing. Klaus Propst, Präsident des Verbandes Österreichischer Medizinischer Sofwarehersteller (ÖMS), sieht es nach wie vor so, „dass die Peering Point GesmbH eine marktbeherrschende Stellung hat und es zu Verzerrungen im Wettbewerb am freien Markt kommt.“ Er verweist auch darauf, dass der Hauptverband derzeit dabei sei, Software zu zertifizieren. „Damit“, befürchtet Propst, „könnte Einfluss auf die Inhalte der Software genommen werden. In Wirklichkeit kann hier von unabhängiger Zertifizierung keine Rede sein, vielmehr wird ein Knebelvertrag mit bestimmten Firmen geschlossen.“

Wird die Ärzteschaft bei der Produktauswahl geknebelt?

Firmen, die keinen Vertrag abschließen, würden auch von der Teilnahme am e-Card-System ausgeschlossen. „Damit wird auch die Ärzteschaft geknebelt, die nur mehr auf bestimmte, vom Hauptverband kontrollierte Produkte zurückgreifen kann“, kritisiert Propst. Gegen diesen Vertrag geht der ÖMS derzeit gemeinsam mit der Wirtschaftskammer vor. Ein weiterer Vorwurf an das Konzept des Peering Point betraf die „Firewall“, also den Schutz vor unerwünschten Zugriffen von außen auf elektronisch gespeicherte Patientendaten. „Der Peering Point bringt ein Ausmaß an Schutz, wie ihn einzelne Ärzte sowohl technisch als auch finanziell gesehen nie etablieren könnten“, argumentiert Holler. Ärzte würden nur einen guten Virenschutz benötigen, da die übermittelten Datenpakete verschlüsselt sind und nicht im Peering Point, sondern nur in der Ordination geprüft werden können. Aber dies würde ohnehin zur Standardausstattung jedes EDV-Systems gehören.

Doch keine Goldmine?

„Uns Ärzten wurde der Peering Point als wahre Goldmine angepriesen – davon kann keine Rede sein“, kritisiert Dr. Christian Euler, Obmann des Österreichischen Hausärzteverbandes (ÖHV). Unter der Ärzteschaft würde sich ein immer breiterer Widerstand formieren. Denn nach wie vor fielen laufend hohe Kosten an, von schwarzen Zahlen wäre man noch sehr weit entfernt. Holler bestätigt zwar, dass die Peering Point GmbH derzeit in den roten Zahlen steckt, aber „das System wird immer stärker genutzt, und wir blicken optimistisch in die Zukunft“. Euler kann das nicht beruhigen: „Wir Ärzte haben über die Kammerbeiträge maßgeblich zur Etablierung und laufenden Finanzierung des Peering Point beigetragen. Jetzt entrichten wir monatliche Beiträge – der wirtschaftliche Erfolg des Systems wird allein durch unsere Mittel ermöglicht.“ Es wäre zynisch, von einem wirtschaftlichen Erfolgsprojekt für die Ärzteschaft zu sprechen. Auch Projekte wie das Wartezimmer-Fernsehen liefen nur äußerst zäh an. Als wirtschaftlichen Flop sieht auch Propst das Megaprojekt Peering Point: Die große Mehrheit der Ärzte bevorzugt einen unabhängigen Zugang zum Internet bzw. nutzt bestehende Plattformen zur Befundübermittlung – auch wenn sie dafür eine zweite ADSL-Leitung anschaffen müssen.“

Ethisch unvertretbar

Sauer stößt Euler auf, dass mit Holler ein Ökonom der wichtigste Vertreter der Ärztekammer in der GmbH ist: „Ethisch ist es eigentlich unvertretbar, eine Geschäftemacherei mit Patientendaten zu betreiben. Die Aspekte Datensicherheit und bessere Kommunikation zwischen Ärzten kommen viel zu kurz.“ Für den ÖHV-Präsidenten stellt sich grundsätzlich die Frage, ob ein Peering Point benötigt wird. Es gäbe ausreichend sichere Standards für den Austausch hochsensibler Daten, zentralistische Strukturen, die einen Datenmissbrauch wahrscheinlicher machen, brauche niemand. Euler erinnert daran, dass „die Struktur des Peering Point auch das Rückgrat für die Elektronische Gesundheitsakte (ELGA) ist. Vorgesehen sei, Ärzte in die Pflicht zu nehmen, Daten zu warten und aufzubereiten, um einen leichten Austausch zu unterstützen. Zugriff könnten dabei „Gesundheitsdienstleistungsanbieter“ im weitesten Sinn haben. Aus Eulers Perspektive ist diese Definition viel zu offen und würde missbräuchlicher Verwendung bzw. kommerziellen Interessen Tür und Tor öffnen. Holler weist die Anschuldigungen zurück und betont den hohen Sicherheitsstandard des Systems, der eben auch sein Geld wert wäre: „Eine Geschäftemacherei mit Patientendaten ist ein absurder Vorwurf und unmöglich, da diese Daten im Peering Point nicht vorhanden sind.“

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 9/2007

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