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Allgemeinmedizin 20. Februar 2007

Verloren im Land des Vergessens?

Vor allem im ländlichen Raum fehlen Möglichkeiten zur Abklärung sowie unterstützende Strukturen für Betroffene und Angehörige. Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos. Der Druck von Ärzten und Selbsthilfeorganisationen bringt Schritt für Schritt da und dort Fortschritte.

Mit 1. Februar startete ein Pilotprojekt des Sozialministeriums für pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz oder Alzheimer. Finanziert werden soll unter anderem eine Ersatzpflege, wenn die Angehörigen sich einen Urlaub gönnen wollen oder selbst erkranken. Vorraussetzung für den bei den Landesstellen des Bundesso­zialamts zu beantragenden Zuschuss ist, dass der pflegende Angehörige an mindestens vier Kalendertagen hintereinander seiner Aufgabe nicht nachkommen kann. Das Projekt basiert unter anderem auf dem jahrelangen, intensiven Engagement von „Alzheimer Angehörige Austria“. Diese Initiative unterstützt Betroffene sowie Angehörige und setzt zahlreiche Bildungsangebote um.
„Das Pilotprojekt ist sicher ein sehr wichtiger Schritt, allerdings ist der Bezug des Zuschusses an eine Abklärung durch ein spezialisiertes Zentrum sowie den Bezug des Pflegegelds gebunden“, kritisiert Antonia Croy, Vorsitzende von „Alzheimer Angehörige Aus-tria“. Gerade im ländlichen Raum fehlen Zentren wie eine Memory-Klinik bzw. niedergelassene Fachärzte, außerdem fallen oft wochenlange Wartezeiten an.
Auch der Ennser Allgemeinmediziner Dr. Wolfgang Hockl, der an einem Konsensuspapier zum Thema Alzheimer der ÖGAM (Österreichische Gesellschaft für Allgemeinmedizin) mitgewirkt hat, sieht weite Entfernungen und Wartezeiten als große Barrieren. Außerdem könnten die für die Abklärung nötigen Untersuchungen nicht bei einem einzigen Termin erfolgen.
„Oft fehlt bei den Betroffenen die Krankheitseinsicht bzw. ist es auch für Angehörige sehr schwierig, mit der Diagnose Demenz oder Alzheimer umzugehen“, weiß Hockl. Wohnortnahe Versorgung sowie ein koordiniertes Vorgehen bei Abklärung und Einleitung weiterer Schritte wären bei diesen Diagnosen jedenfalls nach wie vor viel zu selten gegeben.

Pflegegeld deckt zu wenig ab

Hockl und Croy sehen für Betroffene wie Angehörige ein massives Problem darin, dass der Betreuungsfaktor und die schwierige Gestaltung des Alltags in Bezug auf die Zuerkennung des Pflegegeldes viel zu wenig Gewicht haben. „Gerade im Anfangsstadium ist zwar keine Pflege im klassischen Sinn erforderlich, aber der Betreuungs- und Begleitungsaufwand sowie die damit verbundenen Belastungen können für den Angehörigen von Anfang an sehr hoch sein“, betont Croy.
Ähnlich sieht das Prof. Dr. Reinhold Schmidt, Präsident der Österreichischen Alzheimergesellschaft (ÖAG) und Facharzt für Neurologie an der Medizinischen Universität Graz: „In Bezug auf die Pflege gibt es in den meisten Regionen eine relativ gute, auch mobile Versorgung. Große Mankos bestehen aber im ländlichen Raum bei ambulanter Tagespflege, tagesstrukturierenden Angeboten sowie Kurzzeitpflege in entsprechend spezialisierten Heimen.“ Aus Schmidts Sicht ließen sich solche Angebote nur über Solidarmodelle realisieren, die von der Politik gezielt gefördert werden müssten. Für Hockl liegt ein weiteres Problem darin, dass Angebote wie Selbsthilfegruppen in dezentralen Regionen kaum zu finden sind.
Als innovativer Ansatz bei der Begleitung von Betroffenen und Angehörigen mit Alzheimer gilt das Projekt „Gesund länger pflegen“ des Bad Ischler Vereins M.A.S. (www.mas.or.at). Neben einem breiten Kursangebot werden gezielt MultiplikatorInnen ausgebildet, die dann wiederum Betroffene und Angehörige schulen und unterstützen sowie den gegenseitigen Erfahrungsaustausch aktiv fördern. Teil des Projekts sind auch die intensive Einbeziehung und spezielle Angebote für Hausärzte.
„Niedergelassene Allgemeinmediziner spielen sowohl bei der Früherkennung als auch der Betreuung dementieller Erkrankungen eine zentrale Rolle“, betont Schmidt. Genauso wichtig sei ein multidiszi­plinäres Vorgehen von Anfang an.

Hoher Aufwand, wenig Honorar

„Es gibt gut erprobte Werkzeuge wie den Mini-Mental-, den Uhren-, den 3-Wörter-Uhrentest und den TFDD (Test zur Früherkennung von Demenzen mit Depressionsabgrenzung)“, sagt Hockl. „Der dafür notwendige Zeitaufwand wird aber zu wenig honoriert, wie überhaupt die Zuwendung des Patienten einer Aufwertung bedarf.“ Er stimmt mit Croy darin überein, „dass bei Demenzkranken intensive Gespräche sowohl mit Betroffenen als auch Angehörigen notwendig sind“. Auch dieser Faktor habe derzeit viel zu wenig Gewicht.
Für die Qualität der Versorgung ist laut Hockl die Motivationsarbeit, möglichst schnell Schritte zur Abklärung sowie sozialen, therapeutischen und medikamentösen Maßnahmen zu setzen, eine entscheidende Maßnahme. Viel zu oft würden Patienten erst dann zum Allgemeinmediziner kommen, wenn die Symptome schon sehr weit fortgeschritten und dadurch viele mögliche Maßnahmen unterblieben sind. Dies gehe dann auch zu Lasten der Lebensqualität sowohl von Betroffenen als auch Angehörigen.

Regionale Demenz-Landkarten

Hockl fordert weiters die Erstellung regionaler „Demenz-Landkarten“: „Hier sollen sich alle Initiativen und Institutionen finden, die wohnortnahe Unterstützung bieten können. Solche Abstimmungen kommen nicht von selbst zustande, dafür ist Initiative seitens der Gesundheitspolitik gefragt!“ Schließlich habe die Versorgung von Menschen mit dementiellen Erkrankungen eine starke soziale Komponente, die unter anderem hohe Anforderungen an den Hausarzt als Koordinator und Drehscheibe stellt.
Als „manchmal schwierig“ sieht Hockl die Kooperation mit niedergelassenen Fachärzten. Hier wäre die Förderung einer gegenseitigen Vernetzung sowie der strukturierte Informations- und Erfahrungsaustausch wichtig. Auch Schmidt betont den Stellenwert dieser Art von Kooperation: „Natürlich gibt es Tests, die zur Früherkennung dementieller Erkrankungen beitragen. Wichtig ist aber vielmehr, dass dann möglichst rasch weitere Schritte zur Abklärung und Versorgung gesetzt werden.“

Termintipp: Von 25. bis 28. April findet in Salzburg die gemeinsame Jahrestagung von ÖAG und den Österreichischen Gesellschaften für Neurologie sowie für Psychiatrie statt. Hauptthemen: State of the Art der Demenztherapie, Schizophrenie und neurodegenerative Erkrankungen, Gerontoneurologie und Gerontopsychiatrie.

 Weiterer Anstieg bei Demenz und Alzheimer

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