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Allgemeinmedizin 13. Februar 2007

Flankierende Maßnahmen sind entscheidend

„Erhöhte Verfügbarkeit und verschärfter Leistungsdruck sind die wichtigsten Trigger der Sucht bei Jugendlichen“, betont Prof. Dr. Michael Musalek, Vorstand des Anton-Proksch-Institutes, das soeben in Wien ein Symposium zum Thema „Sucht, Jugend und Kultur“ veranstaltete.

Das Anton-Proksch-Institut lud Ende Jänner zu einem Symposium zum Thema „Jugend, Sucht und Kultur“ ins Wiener Palais Ferstel. Ein Tagungsort mit gediegenem Ambiente, eines, nach dem man süchtig werden könnte. Eine Phrase, die der Tagungspräsident und Vorstand des Wiener Institutes Prof. Dr. Michael Musalek sicher missbilligen würde, meint er doch, dass heute geradezu inflationär von Sucht geredet wird – sehr zum Nachteil der Betroffenen, obwohl die Grenzen zwischen Genuss, Gebrauch und Missbrauch tatsächlich unscharf verlaufen.

Suchtprävention konkurriert mit wirtschaftliche Interessen

Erörtert wurde im Palais Ferstel ebenfalls, ob die Ursachen der Sucht eher in kulturellen, sozialen oder genetischen Bereichen liegen, wie die Suchtklinik der Zukunft funktioniert und wie der Gender-Aspekt der Abhängigkeit zu berücksichtigen ist. Im Mittelpunkt standen freilich die Sucht von jungen Menschen und die dortigen Bemühungen um Prophylaxe, Therapie und Rezidivverhütung, die naturgemäß von der einschlägigen Wirtschaft beständig unterminiert werden. Schließlich hat diese genügend Geschick und Erfahrung, das Verhalten ihrer besten Konsumenten zu triggern. Zum Auftakt der Symposium-Berichterstattung befragte die ÄRZTE WOCHE Institutsvorstand Musalek.

Junge Menschen können sich derzeit kaum über fehlende Zerstreuungsmöglichkeiten und Freizeitaktivitäten beklagen. Wie kommt es, dass sie trotzdem immer früher zu legalen und illegalen Suchtmitteln greifen?
Musalek: Ein Hauptpunkt ist die heraufgesetzte Verfügbarkeit von Suchtmitteln, dies gilt insbesondere bei sehr jungen Menschen. Verstärkt wird der Effekt des überbordenden Angebotes durch die steigende finanzielle Ausstattung der Jugend. Eine Studie aus Heidelberg konnte dies gut dokumentieren: Je reichlicher das Taschengeld, umso höher lag die Tendenz, Suchtmittel missbräuchlich zu verwenden. Ein Hinweis, der die Verfügbarkeit als zentralen Punkt entlarvt. Des Weiteren müssen wir feststellen, dass Alkohol und Nikotin ungebrochen als cool und trendy gelten. Gesteigert wird dieses Image durch die Werbung. Aktivitäten, die von geschäftstüchtigen Lokalbetreibern ausgehen, heizen das Konsumverhalten weiter an. Mir fällt da etwa die ‚Bierbörse’ ein. Im Rahmen dieser Aktion sind die Preise für alkoholische Getränke nicht fix vorgegeben, sondern steigen und fallen je nach aktueller Nachfrage. Diese und andere Tätigkeiten bewirken veränderte Trinkgewohnheiten. So hat sich beispielsweise das Binge-Drinking, auch als ‚Komasaufen’ bekannt, etabliert. Dabei soll in kürzester Zeit möglichst viel alkoholisches Getränk konsumiert werden. Es wird aber auch fühlbarer, dass innerhalb unserer Gesellschaft der Leistungsdruck beträchtlich steigt und immer mehr Jugendliche damit überfordert werden. In weiterer Folge bleiben viele Aspekte eines zufriedenen Lebens unerfüllt. Auf der Suche nach Kompensation stoßen junge Menschen dann eher früher als später auf Dinge mit Suchtpotenzial.

Es scheint fast zu einfach, den Leistungsdruck als Erklärung heranzuziehen. Einen hohen Anspruch an die Jugend gab es doch schon immer, oder?
Musalek: Natürlich gab es immer Druck – einmal mehr und einmal weniger, allerdings nicht in dieser Breite. Im letzten Jahrhundert waren es vielleicht ein paar Internatszöglinge, die sehr litten. Heute kann sich dem aber kaum ein Kind entziehen. Und ich sage bewusst Kind, da unsere Gesellschaft schon sehr früh anfängt, ihren Nachwuchs zu überfordern. Hier liegt viel präventives Potenzial, das uns alle betrifft, jedoch kaum ausgeschöpft wird.

Derzeit wird auf gesundheitspolitischer Ebene viel versucht. Tabakgesetz, Arbeitsgesetz, Jugendschutzgesetz, kaum ein Paragraph, der nicht strenger formuliert bzw. schonungsloser umgesetzt wird. Genügen diese Maßnahmen?
Musalek: Gesetze alleine verändern die Gesellschaft nicht. Wir müssen zusätzlich flankierende Schritte setzen, die letztlich aber die wirklich entscheidenden Handlungen darstellen. Da geht es vor allem um Bewusstseinsbildung und um die Schaffung einer Problemlösungskompetenz. Den jungen Menschen ist beispielsweise die Problematik rund um den Alkoholmissbrauch kaum bekannt. Da leben viele noch gemäß dem Motto: Nach einer durchzechten Nacht und anschließendem Kater geht das Leben vergnügt weiter. Was chronische oder akute Alkoholvergiftungen anrichten, das ist dem Großteil entweder egal oder er ist schlichtweg ahnungslos. Daher ist eine möglichst breite und frühe Aufklärung unbedingt notwendig, alles andere ist lediglich Beiwerk.

Sind strenge Verbote dann überhaupt sinnvoll oder machen sie das Verbotene nur attraktiver?
Musalek: Natürlich ist gerade bei Jugendlichen die Grenzüberschreitung ein wesentlicher Faktor. Die Frage ist nur, wie weit sie die vorgegebenen Schranken überschreiten und mit welchen Konsequenzen sie zu rechnen haben. Verbote sind nur dann sinnvoll, wenn sie judiziert werden, und dann droht die Gefahr, dass mit einem Mal eine große Gruppe kriminalisiert. Da müssen wir uns die Frage stellen, ob wir das wirklich wollen.

Warum überflügeln junge Frauen gleichaltrige Männer beim Konsum von Zigaretten und Alkohol?
Musalek: Überflügeln würde ich nicht sagen, das ginge mir etwas zu weit. Dies kann zwar beim Rauchen so formuliert werden, nicht aber beim Alkoholmissbrauch. Dennoch stimmt, dass die Mädchen stark aufholen. War früher das Verhältnis zu übermäßig trinkenden Männern noch 4:1, so können in den jungen Altersklassen bereits Quoten von 2:1 erhoben werden und wir nähern uns rasant dem Gleichstand. Ich erkläre mir diesen Umstand ebenfalls mit dem massiven Leistungsdruck, der insbesondere modernen Frauen aufgebürdet wird.

Wie können Eltern eine allfällige Suchtgefährdung ihrer Kinder erkennen, noch bevor die an einen „point of no return“ gelangen? Und welche Rolle spielt der Allgemeinmediziner bei diesem Prozess?
Musalek: Die Aufmerksamkeit der Eltern ist ein eminent wichtiger Faktor. Auch hier spielt die Bewusstseinsbildung eine entscheidende Rolle. Jeder muss sich klar sein, dass Sucht auch das eigene Kind betreffen kann und nicht nur andere Familien heimsucht. Bei Verdacht sollten sie nicht reflexartig strafend oder anklagend vorgehen, sondern verständnisvoll agieren. Das heißt freilich nicht, dass alles schön geredet wird, jedoch muss zunächst eine Vertrauensbasis aufgebaut werden. Danach sollte professionelle Hilfe gesucht werden, die der niedergelassene Allgemeinmediziner bieten könnte. Während der Schritt in die Suchtklinik in dieser frühen Phase noch undenkbar scheint, kann der Hausarzt als erste Anlaufstation diese Ablehnung beseitigen und ist in dieser Hinsicht eine wertvolle Stütze im Heilungsprozess. Das heißt, dass wir auch vonseiten der Suchtkliniken verstärkt Weiterbildungsangebote für Allgemeinmediziner anbieten müssen.

Für welche nichtstofflichen Süchte, etwa Spiel-, Internet- oder Kaufsucht, sind Jugendliche besonders gefährdet?
Musalek: Diese Dinge müssen wir differenziert betrachten. Denn gerade bei den nicht-stoffgebundenen Abhängigkeiten wird der Begriff Sucht inflationär verwendet. Nicht jedes übermäßige Verhalten ist bereits eine Sucht. Dies schadet gerade jenen, die tatsächlich an einer Suchterkrankung leiden, da den echten Abhängigkeiten der Ernst genommen wird. Es müssen zunächst alle Kriterien erfüllt sein, die auch für die Diagnose von stofflichen Süchten relevant sind. Die nichtsubstanzgebundenen Abhängigkeiten bieten das, was letztendlich auch Alkohol und Heroin vorgaukeln; nämlich aus einer Welt auszusteigen, von der man überfordert wird bzw. die so unattraktiv ist, dass man in ihr nicht länger verharren möchte. Dass hier das Internet mit all seinen Angeboten besonders anziehend wirkt, liegt auf der Hand. Zumal die Anschlüsse immer schneller und billiger werden. Auch hier eine Frage der Verfügbarkeit! Die Internetsucht ist oft mit der Glücksspielabhängigkeit kombiniert und daher häufiger als die Kaufsucht. Bei Letzterem fehlt der Jugend doch noch das Kapital.

Welche Unterschiede gibt es in der Therapie von stofflichen und nichtstofflichen Süchten?
Musalek: Ein prinzipieller Unterschied ist, dass wir bei der Alkoholabhängigkeit völlige Abstinenz als essentielles Therapieziel sehen, auch wenn wir heute die Abstinenz nicht mehr als alleiniges Behandlungsziel sehen, sondern als wichtigen Schritt in Richtung umfassende Behandlung. Kurz, sie gilt als Chance zu einer Transformation, also zur Neugestaltung des Lebens. Die Enthaltsamkeit ist bei der Alkoholabhängigkeit möglich, bei der Internetsucht kaum, da man in der modernen Arbeitswelt ohne Internet fast nicht mehr bestehen kann. Aber das gilt mittlerweile desgleichen für den privaten Bereich. Bei der Onlineabhängigkeit folgen wir dem Konzept der partiellen Abstinenz, die entweder zeitlich oder auf bestimmte Internetseiten beschränkt ist. Zu diesem Zweck haben wir im Anton-Proksch-Institut eine eigene Arbeitsgruppe eingesetzt, die, wie wir hoffen, auch für die Behandlung substanzgebundener Suchtformen neue Impulse liefern wird.

Wie hoch ist das Risiko des „Sucht-Switchens“, d.h. im Anschluss an eine erfolgreiche Therapie in die nächste Suchtform zu rutschen?
Musalek: Es gibt hier alle Übergänge, daher ist auch die Lebensneugestaltung eine so essentielle Behandlungsphase. Es genügt den Ansprüchen einer modernen Suchtklinik nicht mehr, nur eine Entzugsbehandlung mit anschließender Rezidivprophylaxe durchzuführen. Denn an der Grundsituation der Betroffenen ändert sich so kaum etwas, und die Patienten bleiben in weiterer Folge für andere Abhängigkeiten vulnerabel. In der Lebensgestaltungsphase kann der Patient hingegen eine Neu­orientierung anbahnen und jene Lebensstrategien entwickeln, die ihn von diversen Suchtverlockungen schützen.

 

Raoul Mazhar, Ärzte Woche 7/2007

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