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Allgemeinmedizin 13. Februar 2007

Ärztefortbildung im Zwielicht?

Hersteller von Arzneimitteln, aber auch Banken und andere Branchen haben selbstverständlich großes Interesse daran, Ärzte über ihre Produkte zu informieren – auch bei Fortbildungsveranstaltungen. Der oft kolportierten subtilen Beeinflussung sind zahlreiche Riegel vorgeschoben – sowohl von Seiten der Ärzteschaft wie auch der Industrie.

Den niederösterreichischen Spitälern steht ab sofort ein Jahresbudget von zwei Millionen Euro für die Umsetzung von Fortbildungsangeboten zur Verfügung. Das Geld kommt vom Land und vom Spitalsverbund NÖGUS. Gefördert wird damit ausschließlich die medizinische Weiterbildung, Angebote mit betriebswirtschaftlichen Inhalten, Coaching usw. sind ausgeschlossen. Der Initiator dieser Aktion, Dr. Ronald Zwrtek, Leiter der Chirurgie am Landesklinikum St. Pölten, erhofft sich dadurch einen Schwellenabbau bei der Nutzung von Bildungsangeboten: „Es ist zwar möglich, Fortbildungsurlaub in einem bestimmten Ausmaß zu bekommen, die gesamten Kosten inklusive Reise und Aufenthalt müssen die Ärzte aber selber tragen.“ Eine Koopera-tion mit der Pharmawirtschaft würde aus der Angst vor Beeinflussung von den Spitalsträgern sehr restriktiv gehandhabt.

Zwei-Millionen-Topf auch für Fortbildung im Ausland

Mit den „Fortbildungsmillionen“ soll auch die Teilnahme an internationalen Fachkonferenzen oder Spezialtrainings mehr Ärzten ermöglicht werden. „Manche Angebote sind nur im Ausland zu finden“, sagt Zwrtek. Mittel aus dem Zwei-Millionen-Pool kann jeder Arzt erhalten, der bei einem niederösterreichischen Spital angestellt ist. Dass sich Ärzte fortbilden sollen respektive müssen, schreibt bekanntlich auch das Ärztegesetz vor. Eine wichtige Frage dabei ist: Wie objektiv oder wie gefärbt sind Informationen, die bei Fortbildungsveranstaltungen angeboten werden? Viele Einladungen werden durch Werbung für pharmazeutische Produkte mitfinanziert, auch vor Ort sind Werbemaßnahmen oft nicht zu übersehen. „Grundsätzlich ist gegen eine Kooperation mit pharmazeutischen Firmen bei der Umsetzung von Bildungsangeboten nichts einzuwenden, wenn bestimmte Grundregeln eingehalten werden“, betont Dr. Wolfgang Routil, Leiter der „Akademie der Ärzte“ der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK). Viele Angebote kämen ohne diese Zusammenarbeit nicht zustande, letztlich würden alle Beteiligten davon profitieren. Im „Code of Contact“ der ÖÄK heißt es dazu in einem für Regelwerke typischen „Monstersatz“: „Ärzte/Zahnärzte dürfen an von der Pharma- und Medizinprodukteindustrie organisierten und/oder finanzierten Veranstaltungen teilnehmen, wenn diese wissenschaftlichen Zielen, Zwecken der Fortbildung oder der praxisbezogenen Anwendung ärztlichen Handelns beziehungsweise Studienzwecken dienen und der zeitliche Aufwand für die Vermittlung wissenschaftlicher beziehungsweise fachlich medizinischer Informationen im Vordergrund steht.“ Dies soll sich auch am Veranstaltungsort bzw. im Programm widerspiegeln.

Was nicht sein darf

Routil präzisiert: „Es soll also keinerlei Einflussnahme auf die Programmgestaltung, das Fortbildungsziel, die Auswahl der Referenten bzw. deren Inhalte oder die gesamte Gestaltung des Settings geben.“ Auch bei der Refundierung von Kosten für Aufenthalt und Reise der teilnehmenden Ärzte dürfe es keine versuchte Beeinflussung durch involvierte Firmen geben, etwa in Form der Finanzierung des Aufenthalts von Begleitpersonen. Anfang Jänner wurde der Verhaltens-Codex der Internationalen Vereinigung der Pharmahersteller und Pharmaverbände (IFPMA – www.ifpma.org) aktualisiert. Er enthält strikte Ge- und Verbote für Pharmaunternehmen zur „ethischen Bewerbung“ von Arzneimitteln. Der Codex regelt unter anderem Art und Umfang von Geschenken an Ärzte. Künftig sollen sich diese auf Hilfsmittel von geringem Wert für die Ordination, wie Kugelschreiber, Rezeptblöcke oder Kalender, sowie die Übernahme von Reise- und Aufenthaltskosten bei wissenschaftlichen Veranstaltungen beschränken.

Pharma hält sich an Codex

„Die heimische Pharmawirtschaft hält sich an diese Vorgaben“, betont Jan Oliver Huber, Generalsekretär der Pharmig (Dachverband der pharmazeutischen Industrie). Er verweist auf den seit vielen Jahren in Österreich existierenden Pharmig-Verhaltenscodex, der auf die Bestimmungen des IFPMA-Codex aufbaut und als allgemeiner Branchencodex anerkannt ist. Der „Code of Contact“ der ÖÄK stellt für Huber eine sinnvolle Ergänzung für die Ärzteschaft dar. Das Engagement der Pharmaindustrie sei grundsätzlich aber durch den Pharmig-Codex ausreichend geregelt. „Bei Fortbildungsveranstaltungen ist die Anwesenheit von Mitarbeitern aus Phar-maunternehmen insofern sinnvoll, als sie sehr direkt und kompetent Auskünfte über ihre Produkte geben können“, argumentiert Huber. Auch er wünscht sich bei der Gestaltung von Fortbildungsveranstaltungen, bei deren Finanzierung Pharmafirmen als Sponsoren beteiligt sein können, eine möglichst große Transparenz: „Reine Werbeveranstaltungen werden berechtigterweise auch von Ärzten abgelehnt.“ Pharmaunternehmen, die sich nicht an den IFPMA-Code oder die Regelungen der Pharmig halten, müssten nicht nur mit Verwarnungen, sondern auch mit Geldstrafen rechnen. Letzteres war bisher nie notwendig, weil im Falle eines Verstoßes das betroffene Unternehmen sein Verhalten immer eingestellt hat.

Auflagen gelten für alle

„Fortbildung soll für Ärzte leistbar bleiben“, betont Routil. Dafür sei durchaus auch Sponsoring von Unternehmen z.B. aus dem Freizeitbereich, der Banken- oder Versicherungsbranche möglich. „Wenn finanzielle Mittel – wie jetzt in Niederösterreich – nur von staat-licher Seite oder einer Interessenvertretung kommen, muss genauso geprüft werden, inwieweit eine Beeinflussung geschieht“, stellt Routil klar. Es wäre blauäugig zu meinen, nur die Pharmawirtschaft hätte ein Interesse daran, sich im Rahmen der Fortbildung möglichst gut darzustellen oder Einfluss auf Entscheidungsprozesse zu nehmen. Grundsätzlich sieht auch der Gynäkologe Prof. Dr. Sepp Leodolter, Präsident der „Gesellschaft der Ärzte in Wien“, die Notwendigkeit einer Kooperation mit der Pharmawirtschaft. Diese könne beispielsweise durch das zur Verfügung Stellen von Räumlichkeiten oder technischer Infrastruktur erfolgen. Die „Gesellschaft der Ärzte in Wien“ offeriert jährlich ein sehr breites Bildungsprogramm. Dieses wird über Mitgliedsbeiträge, kostenpflichtiges Literatur- und Rechercheservice, Verkauf von Referaten auf CD etc. finanziert. Einnahmen aus der Vermietung von Räumlichkeiten und eine jährliche Subvention der Stadt Wien kommen dazu.

450.000 Euro Eigenbudget

„So steht uns ein Budget von 450.000 Euro im Jahr zur Verfügung“, berichtet Leodolter. Unterstützung der Pharmabranche gab es zwar bei der Adaptierung der Räume im „Billrothhaus“, der laufende Betrieb käme aber ohne Mittel aus dieser Ecke aus. Leodolter hält es nicht für nötig, die Regeln für die Unterstützung von Bildungsveranstaltungen für Ärzte durch die Pharmaindustrie zu verschärfen oder womöglich vom Gesundheitsministerium kon­trollieren zu lassen: „Die in Österreich gültigen Auflagen sind sehr eindeutig und klar.“ In Deutschland gebe es überbordende Bestimmungen und dadurch oft sehr große Zurückhaltung bei der Kooperation. Eine Folge davon nennt Leodolter: „Manche Ärzte trauen sich nicht einmal mehr Getränke bei Veranstaltungen anzunehmen.“

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 7/2007

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