zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 6. Februar 2007

Weißt Du, wie viele Ärzte fehlen?

Angesichts der Auseinandersetzungen mit der EU über den Zugang zum Medizinstudium ist einmal mehr die Frage aufs Tapet gekommen, ob in absehbarer Zukunft eine Unterversorgung mit Ärzten droht. Generell gibt es keine Anzeichen dafür, einzelne Bereiche kennen allerdings Nachwuchssorgen.

Seit 1995 verzeichnet Österreich einen Boom auf die Medizinunis. „Vor dem Turnus gibt es dann ei-nen Stau, in Wien beispielsweise beträgt die Wartezeit etwa drei Jahre“, analysiert Dr. Thomas Czypionka, Mitarbeiter des Wiener Instituts für Höhere Studien (IHS). Weitere Warteschleifen werden z.B. als Sekundararzt gedreht, bevor es in die Facharztausbildung geht. Einen Ärztemangel kann Czypionka derzeit nicht orten. „Das ist eher in Deutschland ein Thema: Durch den Numerus clausus waren die Zahlen der Studenten vergleichsweise niedrig. Für Kassenstellen wie auch Spitäler werden Ärzte mitunter intensiv gesucht.“ Ein Zuzug aus dem Osten und aus Österreich würde zum Teil gefördert. Nach wie vor sorgt die Frage des Zugangs deutscher Studenten zu den medizinischen Universitäten in Österreich für Diskussionen. Ohne Quote wären im Vorjahr aufgrund der Testergebnisse nur 46 Prozent der begrenzten Studienplätze an Österreicher vergeben worden. Das hätte in Wien 60 Prozent ausgemacht, in Innsbruck nur 30 Prozent. „Zu den Tests traten um ein Vielfaches mehr potenzielle Studenten, vor allem aus Deutschland an“, berichtet Czypionka. „So steigt die Wahrscheinlichkeit, dass auch bei gleicher Eignung sehr viele Deutsche einen Platz erhalten.“

Mittelfristig kein Ärztemangel

Mittelfristig würde dies bei den Ärztezahlen kein Problem bringen. Die langfristige Perspektive hänge von der Migrationsbereitschaft ab, sollte die Quote fallen. In jedem Fall hätte aber wenigstens ein Land einen Ärztemangel, wenn nicht insgesamt genügend Ärzte ausgebildet werden. „Welche nationale Zusammensetzung die künftige Ärzteschaft haben wird bzw. ob sich ÖsterreicherInnen vermehrt um Studienplätze in Deutschland bewerben müssen, hängt primär vom politischen Willen ab“, meint der IHS-Mitarbeiter. Dr. Josef Lohninger, Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte in Salzburg, verweist auf eine – wieder einmal – nicht veröffentlichte Studie des Österreichischen Bundesinstituts für Gesundheitswesen (ÖBIG), das zu keiner Stellungnahme für diesen Beitrag bereit war. Demnach gäbe es ein „erhebliches“ Überangebot an Ärzten. „Zahlen aus Salzburg verdeutlichen das: Wir haben 237 Kassenstellen (Anm. der Red.: In Österreich sind es ca. 4.000), auf der Warteliste stehen 172 Mediziner, die Liste wird pro Jahr um mindestens 10 Ärzte länger“, erklärt Lohninger. Wartende wären in Kuranstalten und Rehazentren zu finden bzw. würden sich mit Teilzeitjobs etwa als Betriebs- oder Schularzt über Wasser halten. Lohninger verweist dazu auf die stark steigende Zahl an Anträgen an den Wohlfahrtsfonds: „Hier geht es oft um den Kampf um das Existenzminimum.“

Offene Stellen – kein Interesse

Lange Wartelisten kennt Dr. Dietmar Bayer, Präsident der Ärztekammer Steiermark, auch aus seinem Bundesland: „Allerdings haben wir Ausschreibungen, bei denen viele auf der Liste kein Interesse an einer Stelle haben. Kürzlich gab es in einem Fall erst vom auf der 93. Stelle Gereihten eine positive Rückmeldung.“ Viele Ärzte würden sich auf verschiedene Listen eintragen, um alle Optionen offen zu halten. Andere wiederum melden sich nicht, wenn sie in einen anderen Beruf oder ins Ausland gehen. Es gäbe eine große Zahl von Studienabgängern, die – obwohl auf diversen Listen vermerkt – letztlich nirgends mehr auftauchen. Aus Bayers Sicht gehen die ÖBIG-Analysen von veralteten Planungsperspektiven aus. Er verweist etwa auf die steigende Zahl von Frauen unter den MedizinerInnen. „Auch angesichts der Zunahme von Gemeinschaftspraxen und anderer Kooperationsformen kann nicht mehr nur von Vollzeitarbeitsplätzen die Rede sein“, betont Bayer.

Bis 2015 Bedarf gedeckt?

Selbst wenn alle Spitäler das Arbeitszeitgesetz einhalten würden und somit mehr Ärzte nötig wären, würden – so interpretiert Lohninger die Zahlen des ÖBIG – schon jetzt mehr als genug Ärzte da sein, um diesen Bedarf auf viele Jahre hinaus zu decken. Bayer kann dem nur bedingt zustimmen: „Bis zum Jahr 2015 reichen die vorhandenen Mediziner sicher aus. Spätestens dann wird es auch im niedergelassenen Bereich kritisch.“ Er verweist etwa auf das neue steirische Landesbesoldungsrecht: Diensthabende Ärzte gehen nun um etwa vier Stunden früher nach Hause. „Bei kleineren Abteilungen bedeutet das mitunter einen Mehrbedarf von mindestens einer halben Planstelle“, so Bayers Berechnungen.

Seriöse Planung wäre gut

Im Kassenbereich wird das Thema Teilzeit zunehmend an Bedeutung gewinnen, ist der steirische Kammerpräsident überzeugt: „Der Bedarf an Ärzten für Spitals- und Kassenstellen wird vielleicht eine Zeit lang durch die Ressourcen bei Wahlärzten abgedeckt werden, aber es braucht eine seriösere Planung!“ So gäbe es schon jetzt in manchen Fächern, z.B. der Psychiatrie, zu wenig Ärzte. Bayer fordert in Bezug auf den Zugang zu heimischen Medizinstudien jedenfalls ein Festhalten an den Quoten ein. Lohninger zieht noch einen anderen Vergleich zu Nachbarländern: „In Österreich gibt es ohne Zahnärzte insgesamt etwa 37.000 Ärzte. In der Schweiz mit etwa einer Million weniger Einwohnern sind es 24.000. Wären in Bezug auf die Bevölkerungsdichte in Deutschland (derzeit 240.000 Ärzte) so viele Ärzte wie in Österreich tätig, müssten es 380.000 sein.“

 detail

Falsche Sicht mancher Dinge

Angebot erzeugt Nachfrage, meint Lohninger. Die oft zitierten langen Wartezeiten bei Fachärzten hält er für ein „Killerargument“. Viele dieser Ärzte müssten auch aufgrund der Rahmenbedingungen Tätigkeiten ausüben, die genauso gut entsprechend ausgebildete Allgemeinmediziner übernehmen könnten. Das zeige sich deutlich in den Gesundheitssystemen der Niederlande oder skandinavischer Länder. Wichtig wäre aus Lohningers Sicht, mehr Informationsarbeit zum Alltag des Allgemeinmediziners zu leisten bzw. diesen Berufsstand nachhaltig zu stärken: „Dieser Beruf wird oft krank gejammert, gleichzeitig gibt es tatsächlich sehr belastende Rahmenbedingungen für die Arbeit.“ Er und Czypionka sind sich einig, dass es in Österreich vor allem für entlegene Gebiete schwer ist, Ärzte zu finden.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben