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Allgemeinmedizin 1. Februar 2007

Aus Teufels Küche: Gesundheitsrisiko Tabakzusätze

„Nikotinersatztherapie ist oft nicht sehr erfolgreich“, so Dr. Martina Pötschke-Langer vom Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg. „Denn hinter dem Nikotin stehen viele andere Substanzen, die das Nikotin anschärfen oder auch unabhängig von diesem Abhängigkeit schaffen. Im Gegensatz zur Tabakindustrie, die das Feld der Tabakzusatzstoffe seit Jahrzehnten intensiv beforscht, wissen unabhängige Forscher noch sehr wenig von diesen Substanzen. Wir haben uns bisher mit dem Produkt selbst – also der Zigarette – noch gar nicht richtig auseinandergesetzt.“

Im Rahmen eines Gerichtsverfahrens, das die Vereinigten Staaten von 1995 bis 2006 gegen die Tabakindstrie führten und das heuer mit der partiellen Verurteilung der betroffenen Konzerne endete, kamen zahlreiche interne Dokumente der Konzerne an die Öffentlichkeit. Bei der Untersuchung dieses Materials wurde deutlich, dass die Tabakindustrie seit Jahrzehnten über das Suchtpotenzial von Ni-kotin Bescheid weiß.

Diskussion um Zusatzstoffe ist voll entbrannt

Unter anderem mit Hilfe von Tabakzusätzen versuchten die Konzerne „... den Einstieg für das Rauchen zu erleichtern und den Ausstieg zu erschweren“, wie Dr. Martina Pötschke-Langer, Deutsches Krebsforschungszentrum Heidelberg (DKFZ) und WHO-Kollaborationszentrum für Tabakkontrolle, bei der Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie 2006 in Graz erläuterte. Da die Tabakindustrie das Suchtpotenzial von Nikotin nach langjährigen Prozessen nun auch öffentlich eingesteht, ist die Diskussion um die Zusatzstoffe im Tabak im wahrsten Sinne des Wortes voll entbrannt.
Die Tabakindustrie leugnet zwar, dass Tabakzusatzstoffe verwendet werden, um Zigaretten im oben angeführten Sinne zu verändern. Tatsächlich machen etwa 600 Zusatzstoffe bis zu zehn Prozent des Gesamtgewichtes einer Zigarette aus. Wozu dienen diese Substanzen, von denen viele auf den ersten Blick unbedenklich scheinen? „Der Grundgedanke bei der Zulassung von Tabakzusatzstoffen scheint zu sein, dass die meisten der Substanzen für Lebensmittel zugelassen sind, im Tabak folglich nicht schaden können. Diese Überlegung ist jedoch völlig abwegig“, so Pötschke-Langer in einer rezenten Publikation des DKFZ.

Vor allem Pyrolyseprodukte sind gefährlich

Die Zusatzstoffe in ihrer Urform sind nur gering am toxischen Potenzial der Zigarette beteiligt, viel bedeutender sind ihre Pyrolyseprodukte. „Im Rauchtabak unterliegen die Substanzen den hohen Temperaturen der Glutzone (600 bis 900 °C). Folglich verdampfen bzw. sublimieren sie und werden zum Teil in Pyrolyseprodukte umgewandelt, von denen Dutzende krebserregend sind“, so Pötschke-Langer. Darunter finden sich Nitrosamine als Verbrennungsprodukte des Tabaks, kanzerogene Nitroverbindungen wie Nitromethan aus zugesetzten Nitraten sowie Stickstoffoxide. Vorhersehbar kanzerogen sind zyklisierte aliphatische Ketten von zugefügten Wachsen, Ölen und Paraffinen wie Benzpyren und Benzanthracene. Zugesetzte Zucker und Melasse bilden kanzerogene Aldehyde ebenso wie das Tabakfeuchthaltemittel Glycerin.
Die Produktion polyzyklischer aromatischer Kohlenwasserstoffe steigt auch durch Zusatz von Fetten, Schellack, Collodium und Phytosterinen an. Viele dieser Polyzyklen sind im Tierversuch krebserzeugend.

Geringerer Nikotingehalt, aber erhöhte Bioverfügbarkeit

Seit den 50-er Jahren ist die Öffentlichkeit durch die Forschungsarbeit unabhängiger Labors zunehmend über Gefahren des Rauchens und des Nikotinab-usus informiert. Als Reaktion darauf entwickelten Tabakkonzerne „light“-Produkte mit geringerem Teer- und Nikotingehalt. Das Nikotin ist es jedoch das, was die Raucher trotz Aussicht auf schwere Gesundheitsschäden weiter rauchen lässt und in Abhängigkeit hält. Ohne Nikotin keine Abhängigkeit, keine Konsumenten. „Niemand ist jemals ein Raucher geworden, wenn er eine Zigarette ohne Nikotin geraucht hat“, zitierte Pötschke-Langer die Quellen aus der Tabakindustrie. Die Zigarettenhersteller entwickelten also Methoden, die es ermöglichten, den nach herkömmlichen ISO-Methoden messbaren Nikotingehalt abzusenken, jedoch die Bioverfügbarkeit des Nikotins für den Raucher konstant zu halten oder sogar zu erhöhen.

Der Trick mit dem Ammoniak

Durch Zusatzstoffe wie Ammoniak, Harnstoff oder Soda kann der pH-Wert des Rauchs basischer gemacht werden, was das Nikotin aus seinen Salzen löst und die Bioverfügbarkeit dramatisch erhöht. „Freies Nikotin wird in der Mundhöhle und in den Atemwegen schneller resorbiert als das in Partikeln gebundene Nikotinsalz“, so Pötschke–Langer, „was zu dem erwünschten raschen Anfluten, dem Nikotinflash führt. Zwischen dem pH-Wert des Rauchs und dem Verkaufserfolg einer Zigarettenmarke bestehen eindeutige Zusammenhänge. Je schneller das Nikotin anflutet, desto besser verkauft sich das Produkt.“ Auch das Suchtverhalten scheint mit der Anflutungsgeschwindigkeit des Nikotins zusammenzuhängen.
Menthol ist der einzige Zusatzstoff, der absichtlich und für die Konsumenten sichtbar vermarktet wird. Menthol hat laut US Department of Health and Human Services folgende Wirkungen: Erhöhung der Atemfrequenz, erhöhtes Atemvolumen und tiefere Inhalation. „Dadurch kommt die Nikotinwirkung zur vollen Entfaltung“, weiß Pötschke-Langer. „Die Sucht wird durch die tiefe Inhalationsmöglichkeit verstärkt.“
In fast allen Zigaretten wird Menthol als Rauchweichmacher eingesetzt sowie als lokal schmerzlinderndes Mittel. Um den scharfen Mentholgeschmack zu überdecken, werden Zusatzstoffe wie Pfefferminze, Gewürznelken, Kampfer und Wintergrün verwendet. Menthol verfügt jedoch auch über ein eigenständiges Suchtpotenzial und trägt zur Verstärkung der Nikotinsucht bei.
Auch Befeuchtungsmittel für den Mund- und Rachenraum werden zugefügt. Zucker, Vanillin, Kakao, Lakritze, Honig und viele andere Substanzen sollen den normalerweise strengen Tabakgeschmack überdecken ebenso wie spezielle Filterzusätze. Rauchen wird angenehm mild gestaltet, was vor allem Kindern und Jugendlichen den Einstieg erleichtern soll. Diese Zielgruppe kann jedoch die Tragweite ihres Konsums noch nicht erfassen. Viele werden schon vor Erreichen des Erwachsenenalters süchtig. Bis zu 80 Prozent der jugendlichen Raucher können bereits als organisch abhängig betrachtet werden. „Wir brauchen eine Produkthaftung“, stellte Pötschke-Langer zum Abschluss ihres Vortrages fest. „Letztlich sind die Hersteller für das gesundheitliche Desaster, das viele Leid und die frühe Sterblichkeit in unseren Ländern verantwortlich.“

 Abhängigkeitspotenzial von Zigaretten
Verschiedene Manipulationen im Herstellungsprozess von Zigaretten erhöhen deren Abhängigkeitspotenzial.

Dr. Rainer Schröckenfuchs, Ärzte Woche 5/2007

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