zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 31. Jänner 2007

Die Nadel, die spitzeste Freundin der Menschheit

Dem österreichischen Impfplan 2007 billigen Experten „visionären Charakter“ zu. Tatsächlich weisen die Empfehlungen des Obersten Sanitätsrates für das neue Jahr bei Kindern interessante Neuheiten auf. Was denken die Experten darüber?

Wer hätte voraussagen können, dass sich gerade die Nadel als Wohltäterin der Menschheit entpuppt? Tatsächlich bildet der dünne Stahl ein entscheidendes Sicherheitsnetz zwischen dem zum Teil vulnerablen menschlichen Immunsystem und einer Vielzahl von todbringenden Erregern.
Glaubt man Experten, so droht der nächste Showdown auf dem epidemiologischen Schlachtfeld in Kürze. Der Gegner kam auf leisen Schwingen mit dem harmlosen Namen „Hühnergrippe“. Derweil verbreitet er unter dem Kürzel H5N1 zunehmend Schrecken und bisweilen sogar nackte Panik.
Warum können wir Menschen uns mit der Bedrohung aus dem Mikrokosmos nicht vernünftig auseinandersetzen und schwanken zwischen Hysterie und Ignoranz? Eine Diskussion, welche freilich auch die österreichischen Impfspezialisten beschäftigt. Denn im Umfeld einer nachhaltigen Berichterstattung genügt ein toter Schwan auf der Donauinsel, um Hamsterkäufe in Apotheken auszulösen. Bleibt das Rauschen im medialen Blätterwald aus, so werden selbst essentielle Impfmaßnahmen vernachlässigt, monieren die Experten.
Tatsächlich bleibt heuer die Nachfrage hinsichtlich des Influenza-Impfstoffes hinter den Erwartungen zurück. Als Hauptgründe vermutet man in Fachkreisen die milde Witterung und eine latente Impfskepsis der Österreicher. Um zumindest bei Kindern die wichtigsten Impf-Grundpfeiler errichtet zu wissen, präsentierten österreichische Experten im Jänner in Wien den Impfplan 2007 und verlautbarten ihre Wünsche für eine verbesserte Impfprophylaxe.

Im Auge des Kokons

Mag. DDr. Wolfgang Maurer von der Wiener Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde mahnte, dass jedes Kind das Anrecht auf eine (Routine-)Impfung gegen verhütbare Erkrankungen hätte: „Schließlich gehört der Impfplan zum medizinischen Standard, und diesem ist jeder Arzt per Ärztegesetz verpflichtet.“ Darunter fiele auch die Vakzination gegen Influenza, die mit einer Wirksamkeit von bis zu 90 Prozent zwar gut, aber nicht optimal sei. Kinder unter drei Jahren hätten zudem eine mit Erwachsenen vergleichbare Hospitalisierungsquote, zusätzlich allerdings das Risiko einer Primärerkrankung. Daher empfiehlt Maurer dringend eine Kokon-Strategie, das heißt, vor allem bei Säuglingen müsse die Umgebung zusätzlich geimpft werden.
Dass eine Schutzimpfung für Kleinkinder nicht empfohlen werde, hielt Maurer weder für gerecht noch für logisch, insbesondere da ungeschützte Schul- und Kindergartenkinder die Promotoren der saisonalen Grippeepidemie seien. Eine japanische Studie legte offen, dass pro 420 geimpfte Schulkinder zumindest ein Todesfall unter Senioren vermieden werden könne. Daher dürfe die soziale Komponente der Influenza-Impfung nicht unterschätzt werden, so Maurer, da sie auch jene beschirmt, die keinen Schutz mehr entwickeln können oder ungeimpft sind. Dies ist momentan umso belangreicher, da die weltweite Produktionskapazität gegenwärtig nur bei etwa 350 Mio. Impfdosen liegt. In Relation zur globalen Durchimpfungsrate wäre dies im Falle einer Pandemie viel zu wenig.
Neben Kindern ab dem siebten Lebensmonat wird die gut verträgliche Influenzavorsorge auch Jugendlichen und Erwachsenen empfohlen, die aufgrund eines immunologischen, kardialen oder pulmonalen Grundleidens besonders gefährdet sind. Des Weiteren bedürfen Personen mit Nieren- und Stoffwechselerkrankungen ebenfalls eines prophylaktischen Impfschutzes.

Das Virus in der Leber – eine übersehene Gefahr?

Eigentlich geht in Österreich vom Hepatitis-A-Virus (HAV) dank der guten Hygienebedingungen kaum Gefahr für Kinder aus, legte Prof. Dr. Herwig Kollaritsch vom Institut für spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin in Wien, dar. Die Antikörperprävalenz liegt hierzulande deutlich unter einem Prozent, wobei ein erhöhtes Infektions-Niveau bei den Fünf- bis Zehnjährigen belegt ist. Jedoch heilt die Infektionskrankheit gerade in jungen Jahren in der Regel ohne Komplikationen aus. Dann verläuft der Infekt subklinisch, macht die Kinder allerdings zu wandelnden Biowaffen. Als Resultat daraus befürwortet der Impfplan 2007 eine HAV-Impfung für Kinder vor dem Eintritt in Gemeinschaftseinrichtungen, wie Kindergarten oder Schule. Ausgenommen von der Prophylaxe müsse das erste Lebensjahr werden, obwohl die Kinder gerade in diesem Zeitraum das größte Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf tragen.
Zufrieden zeigte sich Kollaritsch über die Dauer des Schutzes, der gegenwärtig mit rund zehn Jahren angegeben wird. Rechnerisch ermittelte Daten lassen aber eine längere Schutzzeit erwarten. „Unser momentaner Wissensstand lässt die Forderung nach einer Ausweitung des Impfintervalls von zehn Jahren sinnvoll erscheinen“, argumentierte der Tropenmediziner. Eine erhöhte Wertigkeit für die HAV-Prävention sieht Kollaritsch vor allem in der erhöhten Mobilität der Europäer. Erfreulich sei, dass es Non- bzw. Low-Responder so gut wie gar nicht mehr gäbe. Die Rate liegt mittlerweile unter zwei Prozent. Kollaritsch: „Wir sind dem Phänomen auf der Spur. Dadurch wird die Identifikation von Non-Respondern durch T-Zellmarker möglich.“

Gleichberichtigung für Knaben

Eine spannende Neuerung in der diesjährigen Impfplanung ist die ausdrückliche Empfehlung für eine Vakzination gegen das humane Papillomavirus (HPV) für Kinder beiderlei Geschlechts. In dieser Hinsicht nimmt Österreich eine europäische Vorreiterrolle ein. Die DNS-Viren, die überwiegend durch sexuelle Kontakte übertragen werden, haben die Eigenschaft, lebenslang persistierende Infektionen im Genital- bzw. Analbereich hervorzurufen.
Im Vordergrund stehen die Virusstämme 16 und 18, die als High-risk-Viren für einen Großteil der Zervixkarzinome verantwortlich zeichnen. Die Stämme 6 und 11 (Low-risk-Viren) sind zwar weniger karzinogen, allerdings an 90 Prozent aller Kondylome (Feigwarzen) speziell auch beim Mann beteiligt. Im Laufe ihres Lebens tragen rund 70 Prozent aller sexuell aktiven Menschen eine HPV-Infektion davon, sagte MR Dr. Wilhelm Sedlak, Pädiater und Impfreferent der Österreichischen Ärztekammer die Problematik.
Bei Männern ruft das Virus – seltener als bei Frauen – ebenfalls Karzinome hervor. Das männliche Pendant zum Zervix-Ca ist das Peniskarzinom, bei beiden Geschlechtern können infolge einer Infektion auch Analkarzinome auftreten.

Prophylaxe-Schnäppchen

Dass Kondome nur bedingt gegen eine HPV-Infektion schützen, erhöht den Stellenwert der Schutzimpfung. Sedlak hält daher die Empfehlung für eine Impf-Emanzipation in Sachen HPV für einen wegweisenden Erfolg: „Die Männer sind die – zumeist asymptomatischen – Virusträger, während die Frauen die fatalen Folgen tragen müssen. Mit der österreichischen Lösung können wir hoffentlich den Infektionskreislauf unterbrechen. Je früher der derzeitig verfügbare Impfstoff appliziert wird, umso andauernder hält der Langzeitschutz.“
Seit Jänner läuft eine HPV-Impfaktion in Kooperation mit der Apothekerkammer: Der Impfstoff wird um rund 30 Prozent günstiger vertrieben (155.- Euro statt um 225.- Euro).

Weitere Neuerungen zum Thema und den Impfplan 2007 finden Sie hier.

Raoul Mazhar, Ärzte Woche 5/2007

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben