zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 31. Jänner 2007

Der Spaß kann ansteckend sein

Die Ansteckung mit Chlamydia trachomatis verläuft häufig symptomlos, ist aber oft folgenreich: Chronische Unterbauchschmerzen, Unfruchtbarkeit und Früh­geburten können daraus resultieren. Experten machen seit Jahren auf die seuchenartige Verbreitung des beim Geschlechtsverkehr übertragenen Keims aufmerksam und fordern – bisher ergebnislos – routinemäßige Screenings.

Es war ein Brief, wie sie die Ärztin und Sexualwissenschaftlerin Dr. Gisela Gille immer wieder erreichen: „Sind die Chlamydien bösartig? Kann man mit Chlamydien Kinder bekommen?“, fragte die 15-jährige Victoria.
Infektionen mit Chlamydia trachomatis der Serotypen D-K zählen weltweit zu den häufigsten sexuell übertragbaren Krankheiten. Der Keim verursacht bei 20 Prozent der infizierten Frauen eine Entzündung der Organe des kleinen Beckens und bei vier Prozent chronische Unterbauchbeschwerden; Blutungsstörungen und weißer bis gelblicher Ausfluss können Symptome sein. Bei Männern sind Chlamydien Ursache von Urethritis oder Dysurie.
Bis zu 70 Prozent der Infektionen bleiben bei Frauen jedoch symptomlos, bei Männern vermutlich noch mehr. Im Grunde einfach wieder loszuwerden (siehe Kasten), können unbehandelte – oder auch unzureichend therapierte – Chlamydieninfektionen verheerende Folgen haben: Schätzungsweise ein Drittel der Fälle von Infertilität bei Frauen geht auf das Konto der Erreger zurück; und auch extrauterine Schwangerschaften, die seit den achtziger Jahren vermehrt auftreten, werden mittlerweile als Indikator für eine Infektion angesehen.
Offizielle Zahlen über die Durchseuchung der Bevölkerung mit dem Keim gibt es bisher kaum, die Häufigkeitsangaben schwanken je nach der Nachweismethode, aber auch nach dem jeweils einbezogenen Personenkreis. „Es ist ein Unterschied“, weiß Prof. Dr. Angelika Stary von den Pilzlabors Wien, „in welchem Wohnbezirk und in welcher Bildungsschicht man screent.“

Keine Ahnung von der Gefahr einer Ansteckung

Das bestätigt auch die Prävalenzbeobachtung, die die Lüneburger Ärztliche Gesellschaft zur Gesundheitsförderung der Frau unter Gilles Leitung gemeinsam mit Dr. Christine Klapp von der Berliner Charité durchgeführt hat (Hautarzt 2007; 58:31-37). 266 minderjährige Mädchen wurden von Berliner Frauenärzten auf Chlamydien untersucht, insgesamt waren 5,4 Prozent infiziert, von jenen Mädchen, die die Hauptschule ohne Abschluss verlassen hatten, waren es 10,9 Prozent. Doch unabhängig von der Schulbildung „beschränkt sich das Wissen zu den sexuell übertragbaren Krankheiten bei den Jugendlichen in aller Regel auf Aids“, so Gille in ihrem Bericht.
Eine Erkenntnis, die auch Dr. Leonhard Loimer teilt. „Deshalb sollte man“, so der Linzer Frauenarzt im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE, „die Gelegenheit nützen und junge Mädchen, wenn sie die Pille verschrieben bekommen wollen, über Chlamydien und die möglichen Folgen einer Infektion aufklären.“
Denn gerade junge Mädchen sind, wie Gille ausführt, besonders gefährdet, sich bei ungeschütztem Sexualkontakt zu infizieren:
• Das die Portio speziell junger Mädchen bedeckende Zylinderepithel ist aufgrund der Östrogendominanz anfälliger für Mikroorganismen als bei der erwachsenen Frau;
• durch den so genannten Weißfluss junger Mädchen ist der Zervikalkanal für Keime leichter passierbar als im späteren Alter;
• nach derzeitigem Wissen braucht die Reifung der lokalen Immunabwehr Zeit;
• immer mehr Mädchen rauchen. Die Zahl der immunkompetenten Langerhanszellen ist in den Oberflächenepithelien von Raucherinnen signifikant vermindert;
• aufgrund hormoneller Kontrazeption kann die Suszeptibilität für Chlamydien erhöht sein, das steigert die Prävalenz um das Achtfache;
• beim „ersten Mal“ haben 75 Prozent der Mädchen ältere Partner. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Infektion.

Über die Verwendung von Kondomen aufklären

Ein routinemäßiges Screening fordern die Ärzte deshalb unisono. So plädiert Loimer, der die Welser Kinderwunschklinik leitet, dafür, neben den regelmäßigen Krebsabstrichen bei gynäkologischen Untersuchungen auch einen Test auf Chlamydien durchzuführen. Amplifizierungsverfahren der DNA oder RNA sind laut Stary aufgrund der hohen Spezifität und Sensivität dazu besonders geeignet, eine serologische Antikörperuntersuchung hingegen nicht.
Besser noch wäre freilich die Prävention, über die die jungen Menschen offenbar auch zu wenig wissen: die Verwendung von Kondomen.

 Empfohlene Therapie der Chlamydieninfektion

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben