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Allgemeinmedizin 17. Jänner 2007

Rehabilitation: Nur stationär ist zu wenig

Die Kardiologie hat’s geschafft und für die ambulante Rehabilitation einen Rahmenvertrag abschließen können. Dass andere Fachgebiete folgen, halten selbst Kardiologen für nahe liegend. Seitens der Kassen bestehen Bedenken hinsichtlich ausufernder Absatzmärkte.

Die stationäre Rehabilitation hat in Österreich vor allem in Kurorten eine lange Tradition. Trotzdem ist der Zugang zu diesen Leistungen nicht für alle gleich einfach. Immer wieder treten Schwierigkeiten bzw.
unüberwindbare Hürden auf. „Wir haben in Österreich keine Zweiklassen-, sondern eine 21-Sozialversicherungsträger-Medizin“, bringt es der Linzer Internist Dr. Karl Mayr auf den Punkt. Dazu kommt: Wer eine gewisse Prominenz aufzuweisen hat – etwa im Sportbereich –, bekommt jede nur erdenkliche Form der Rehabilitation in kurzer Zeit, andere müssen darauf oft sehr lange warten oder werden überhaupt abgewiesen.
„Es gibt zwar einige Krankheitsbilder, bei denen der Weg der Rehabilitation sehr klar geregelt ist und daher auch gut läuft, aber zu viele Patienten haben keinen optimalen Zugang zu diesen wichtigen Maßnahmen“, ergänzt Prof. Dr. Tatjana Paternostro-Sluga, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Physikalische Medizin und Rehabilitation. Besonders betroffen sind Kinder oder ältere Menschen, vor allem solche mit komplexeren Problemen. Mankos in der Versorgung gibt es – die ÄRZTE WOCHE hat berichtet – derzeit insbesondere in der neurologischen Rehabilitation in allen Bereichen, obwohl ein Schädel-Hirn-Trauma bei über 60-Jährigen die häufigste Ursache für lebenslange Behinderung ist.

Stiefkind Frührehabilitation Großen Nachholbedarf ortet

Paternostro-Sluga in der Frührehabilitation: „In vielen Spitälern fehlen aus finanziellen Gründen die nötigen infrastrukturellen und personellen Ressourcen. Ein Vorbild wäre Deutschland, wo seit etwa drei Jahren der Zugang zu Frührehabilitation gesetzlich geregelt ist. Dort kommen auch mobile Teams zum Einsatz, die an verschiedenen Einrichtungen tätig werden können.“
„Solche Maßnahmen gibt es ohnehin – unter anderen Namen“, hält Hans Popper, Obmann der Oberösterreichischen Gebietskrankenkasse (OÖ-GKK), entgegen. „Ich glaube nicht, dass wir hier neue Begrifflichkeiten schaffen müssen.“ Er verweist auf das Reformpoolprojekt „Integrierte Schlaganfallversorgung“ in Oberösterreich, das solche Schritte vorsehe und auch Vorbild für andere Fachbereiche sei.
Dazu meint Paternostro-Sluga: „Die Fortschritte der Medizin führen dazu, dass Patienten auch schwerwiegende Unfälle oder Erkrankungen überstehen. Studien aus Ingolstadt, wo Frührehabilitation konsequent umgesetzt wird, zeigen, dass diese Patienten deutlich kürzere Spitalsaufenthalte haben, die Rückfallquote erheblich niedriger ist und auch die soziale Reintegration wesentlich besser läuft.“ Entscheidend dabei sei, dass Rehabilitation insgesamt einen multidisziplinären Zugang brauche, bei dem alle Lebensaspekte beachtet werden müssten. Nachholbedarf gebe es etwa bei der rehabilitativen Pflege sowie bei der Einbeziehung von Ergotherapie, Logopädie, Physiotherapie, Sozialarbeit, Psychotherapie bzw. umfassender Lebensstilberatung.

Rahmenvertrag für ambulante kardiologische Rehabilitation

Eine stationäre Rehabilitation ist nicht für alle Patienten möglich und sinnvoll. Popper schätzt den Anteil auf etwa 15 Prozent, in anderen Quellen ist von bis zur Hälfte die Rede. Ein Bereich für mobile Betreuung ist etwa die kardiologische Rehabilitation, für die Ende Dezember 2006 ein Rahmenvertrag mit dem Hauptverband geschlossen wurde. „Davor lag ein sehr langer Weg, auf dem die Arbeitsgemeinschaft für ambulante kardiologische Rehabilitation (Agakar) und die Österreichische Kardiologische Gesellschaft Leitlinien für den gesamten Ablauf bzw. die Voraussetzungen ausführender Institutionen erarbeitet haben“, so Mayr.
Ein wesentlicher Teil betrifft die institutionalisierte Qualitätssicherung. Ambulante kardiologische Rehabilitation kann nur von Zentren durchgeführt werden, die eine Anerkennung als Sonderkrankenanstalt haben. In Österreich gibt es momentan sieben solcher Einrichtungen, „aber auch viele weiße Flecken, etwa in Tirol oder im Burgenland“, ergänzt Mayr. Für kleinere Zentren mit kardiologischem Schwerpunkt gelten Übergangsbestimmungen. Laut Mayr „ist allerdings unklar, wie das künftig genau geregelt werden wird, vor allem was die Abrechnung betrifft“.
Mayr leitet selbst eines der Zentren: „Bislang war diese Tätigkeit ein teures Hobby, jetzt können nicht nur wir eine bessere Versorgung anbieten, die auch für alle leistbar ist.“ Mayr betont, dass allgemein gesehen nach wie vor zu viele Menschen keinen Zugang zur Rehabilitation bekommen. Gründe dafür seien Informationsmankos, aber auch fehlende Angebote, Strukturen und koordinierte Vorgangsweisen. Im Idealfall könnte der Hausarzt als Koordinator und Informationsquelle vielen Patienten helfen, „doch auch er ist machtlos“, so Mayr, „wenn es nichts gibt, wo er hin verweisen kann.“

Sicherstellung der Qualität

Die neuen Regelungen in Bezug auf die Kardiologie stellen sicher, dass „Rehabilitation von Spezialisten an entsprechend ausgerüsteten Zentren durchgeführt wird und nicht einfach von jedem Wellnesshotel“, betont der Internist. Studien und Erfahrungen in den vorhandenen Zentren würden zeigen, wie wichtig qualitative Rehabilitation sei, sowohl im Hinblick auf die Sicherstellung des Behandlungserfolges sowie die Wiederherstellung bzw. Verbesserung der Lebensqualität.
Popper hingegen beobachtet die Entwicklung skeptisch: „Teilweise entsteht der Eindruck, dass sich hier Fachrichtungen ihre eigenen Absatzmärkte schaffen. Wir werden den weiteren Verlauf sowohl in qualitativer als auch ökonomischer Hinsicht sehr genau und kritisch beobachten.“ Die OÖ-GKK engagiere sich selbst mit ihren Zentren seit Jahren in der stationären und ambulanten Rehabilitation.

Andere Fächer werden folgen

Mayr kann diese Skepsis nicht verstehen und ist sich mit Paternostro-Sluga einig, dass nun auch andere Fachgesellschaften Guidelines und Qualitätskriterien erarbeiten sowie langfristige Vereinbarungen mit den verschiedenen Kassen anstreben müssten. Derzeit befassen sich damit die Gesellschaft für Pulmologie und die für Physikalische Medizin und Rehabilitation. Dort geht es vor allem um die gute Kooperation mit Ergo- und Physiotherapie. Für Paternostro-Sluga ist „Rehabilitation sicher kein Ersatz oder eine Konkurrenz für kurative Medizin, sondern eine notwendige Ergänzung, die in Zukunft deutlich an Bedeutung zunehmen wird“.

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