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Allgemeinmedizin 9. Jänner 2007

Wissenschaftler enträtseln den Sekundenschlaf

Eine Zeitlang lässt sich der Schlaf übertauchen, doch die Müdigkeit wirkt sich auf die Fahrtüchtigkeit genauso fatal aus wie ein paar Gläser Alkohol. Tödliche Unfälle können die Folge sein.

Der Schalkaldener Neuroinformatiker Prof. Dr. Martin Golz und sein Team haben in den vergangenen Jahren über 100 Studenten in einen Fahrsimulator gesetzt und übermüdet die ganze Nacht lang virtuell herumkurven lassen. Kameras und Computer zeichneten jede Bewegung der Augen, der Augenlider und des Kopfes auf, erfassten die Gehirnströme und dokumentierten jede Phase der Fahrten. Etwa 22.000 Mikroschlaf­episoden wurden dabei erfasst. In einer solchen Episode jagt ein Fahrzeug bis zu fünf Sekunden führerlos über die Autobahn.
Rechner mit lernfähigen Programmalgorithmen haben die komplexen Biosignale immer wieder auf typische Merkmale der Episoden untersucht und auch Indizien gefunden. Doch von einem technischen Gerät, das Sekundenschlaf im Ansatz erkennt, sieht sich Golz noch weit entfernt.
Zwar könnten Mikroschlafepisoden inzwischen mit einer Zuverlässigkeit von 91 Prozent identifiziert werden, aber erst rund eine halbe Sekunde, bevor der Betreffende einnickt, scheine es etwas zu geben, das auf die Gefahr hinweist. Das ist jedoch viel zu kurz, um etwas dagegen unternehmen zu können. Golz hofft, den zeitlichen Abstand auf wenigstens fünf Sekunden vergrößern zu können. In dieser Zeit legt ein Auto bei Tempo 120 immerhin fast 170 Meter zurück.
Schlafmangel und monotone Tätigkeiten sind naturgemäß jene Umstände, unter denen es zum Sekundenschlaf kommen kann. Gefährdet seien vor allem junge Menschen, die am Steuer besonders abrupt einschlafen, und Schichtarbeiter oder Menschen, die oft einem Jetlag ausgesetzt sind.

Ursache für mindestens zehn Prozent der tödlichen Unfälle

Verstärkt wird das Problem durch gesellschaftliche Veränderungen. So hat sich die durchschnittliche Schlafdauer hier zu Lande von neun Stunden um das Jahr 1900 auf acht Stunden im Jahr 1970 und dann weiter auf 7,5 Stunden zur Jahrhundertwende verringert. Die Erkenntnisse von Unfallforschern sprechen für sich: Etwa vier von zehn tödlichen Verkehrsunfällen ereignen sich nachts. Und bei 60 Prozent der Nachtunfälle ist der Fahrer von der Fahrbahn abgekommen.
Im Transportgewerbe gilt Schläfrigkeit als Hauptursache für 15 bis 20 Prozent aller Unfälle und übersteigt damit die Bedeutung von Alkohol und Drogen. „Müdigkeit beeinträchtigt das Fahrvermögen ähnlich stark wie Alkohol“, sagt Golz. Alkohol legt aber den Organismus mehr oder weniger lahm. Schläfrigkeit könnten viele Menschen hingegen eine Zeit lang immer wieder unterdrücken. Und mit zunehmender Müdigkeit verringert sich die Fähigkeit, seine eigene Fahrtüchtigkeit einzuschätzen.
Autobauer suchen deshalb nach technischen Lösungen, die zumindest warnen, wenn der Lenker die Kontrolle zu verlieren droht. Fortschritte verspricht man sich etwa von Kameras im Rückspiegel. Sie könnten die Bewegungen der Augen und Lider überwachen und die Pupillengröße messen und bei kritischen Werten Alarm auslösen.
Auf dem Nachhauseweg nach einer Nachtschicht verunglücken überdurchschnittlich viele Menschen. Golz’ Probanden haben deshalb nach der Nacht im Fahrsimulator striktes Fahrverbot.

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