zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 9. Jänner 2007

Leiden mit vielen Dimensionen

In der ambulanten Betreuung klagen etwa 15 Prozent der Patientinnen über andauernde, quälende Schmerzen über sechs Monate hinweg. Dieses Krankheitsbild stellt eine interdisziplinäre klinische Herausforderung dar.

Die Ursachen von quälenden Unterbauchschmerzen bei Frauen sind facettenreich. Häufig findet sich kein organisches Substrat, die Schmerzen treten aber in Verbindung mit emotionalen Konflikten oder psychosozialen Problemen auf. Im Vordergrund der Behandlung steht das ärztliche Gespräch entsprechend der psychosomatischen Grundversorgung mit der Motivation zur Psychotherapie.
„Die betroffenen Patientinnen neigen meist zu einer organbezogenen Krankheitsvorstellung, wobei der körperliche Schmerz eine psychoprothetische Schutzfunktion haben kann. Körperliche oder sexuelle Gewalterfahrungen können eine Rolle spielen. Um eine Retraumatisierung zu vermeiden, ist es dringend notwendig, die Grenzen der Patientin sowohl bei der Untersuchung als auch im Gespräch auszuloten und zu wahren“, betonte Dr. Marianne Stögerer, Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe und Psychosomatik anlässlich des 37. Kongresses für Allgemeinmedizin Ende November des letzten Jahres in Graz. Das Ansprechen psychischer Zusammenhänge könne nur individuell und schrittweise erfolgen.
Ziele der psychosomatischen Grundversorgung sei es die Motivation der Patientin zu einer psychotherapeutischen Behandlung und ein psychosomatisches Krankheitsverständnis zu erreichen. Es gilt zunächst, im ärztlichen Gespräch neben der organspezifischen Anamnese mögliche Foci, wie auslösende Situationen, Belastungen, Sexualität und Partnerschaft, zu ermitteln. Auch die Kenntnis der subjektiven Krankheitstheorie ist essentiell.

Landkarte der Beschwerden

„Das psychosomatisch orientierte Gespräch soll in einer für die Pa-tientin angenehmen Atmosphäre stattfinden“, empfahl Stögerer. „Wir erstellen eine Landkarte der Beschwerden, um dann noch auf das jetzige Leiden einzugehen. Dabei bildet sich der Therapeut einen ersten Eindruck und erfasst alle Symptome.“ Besonderes Augenmerk gilt den „Sieben Dimensionen des Leidens“ (siehe Kasten) und der Erfassung von biologischen, psychischen und sozialen Faktoren. Dann folgen die Hypothesenbildung und die Festigung des Arbeitsbündnisses.
Nach dem Ausschluss von organischen Ursachen sollen die Betroffenen zur Akzeptanz einer Psychotherapie geführt werden. Gegebenenfalls kann ein Therapieversuch mit Antidepressiva und medikamentöser Schmerztherapie gestartet werden. Die Expertin warnt vor zu invasivem operativem Vorgehen, da die Gefahr der organischen Fixierung bestehe.
Eine Ursache für zyklische Unterbauchschmerzen ist die Dysmenorrhoe. „In unserem soziokulturellen Rahmen wird die Menstruation in viel höherem Maße mit negativen Attributen assoziiert, als es der Wahrnehmung der betroffenen Frauen entspricht“, erklärte Stögerer. „22 Prozent der Frauen geben ein starkes Belastungserleben während der Menstruation an, fast jede zweite Frau ein geringes.“

Subjektive Wahrnehmung des Menstruationserlebens

Zahlreiche Faktoren sind für die subjektive Wahrnehmung des Menstruationserlebens verantwortlich. Neben körperlichen und psychosozialen Faktoren spielen der soziokulturelle und psycho-
dynamische Hintergrund sowie gelernte Erfahrungen und soziodemographische Merkmale eine Rolle. Physiologisch kommt es zu einer Änderung des Hormonhaushaltes sowie zu autonomen Reaktionen, wie Übelkeit und Erbrechen und durch einsetzende Uteruskontraktionen zu Muskelverspannungen. „Auf der kognitiven Ebene sehen wir fehlende Selbsthilfestrategien, negative Bewertung von Stress und inadäquate Coping-Strategien“, so Stögerer.
Emotional spielen Angst, Hilflosigkeit, Wut und Depression eine wichtige Rolle für die Aufrechterhaltung der Symptomatik. Als Folge können Rückzugs- und Stressverhalten sowie Veränderungen des Hygiene- und Sexualverhaltens auftreten.

Wurzel der Symptome erfassen

Nach Ausschluss organischer Ursachen erfolgt zunächst die medikamentöse Schmerztherapie. Neben der organorientierten und symptomatischen Therapie versucht der psychosomatische Therapieansatz auch den Hintergrundkonflikt offen zu legen. Die Gynäkologin abschließend: „Wir wollen an die Wurzel der Symptomentstehung kommen, um den Patientinnen auch dabei zu helfen, ihr Kranksein besser zu verstehen und die Kontrolle über den Schmerz zurück zu erlangen. Tiefenentspannungs- und Visualisierungsübungen sowie Akupressur, Fußreflexzonenmassage und Sport stellen dabei hilfreiche Methoden dar.“

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben